BASF: Aufsichtsratschef Kurt Bock bleibt, Martin Brudermüller geht
Mannheim. Auf der Hauptversammlung von BASF ist der große Knall ausgeblieben. Aufsichtsratschef Kurt Bock wurde von den Aktionären trotz Widerstands eines einflussreichen US-Stimmrechtsberaters wiedergewählt. Allerdings fiel das Ergebnis schwach aus: 68 Prozent der vertretenen Aktionäre votierten am Donnerstag für seine erneute Berufung.
BASF konnte damit eine problematischen Situation vermeiden. Eine Ablehnung Bocks als Chefkontrolleur hätte dazu geführt, dass es an den beiden wichtigsten Positionen des Konzerns gleichzeitig einen Wechsel gegeben hätte. Investoren wie Union Investment hatten zuvor davor gewarnt.
Auf der Hauptversammlung hatte sich am Vormittag der neue Vorstandsvorsitzende Markus Kamieth den Aktionären präsentiert. Auf ihn warten einige Probleme, bei deren Lösung er die Rückendeckung des Aufsichtsrats brauchen wird.
Zu dem seit 2020 amtierenden BASF-Aufsichtsratschef Kurt Bock pflegt Kamieth ein gutes Verhältnis, wie es im Unternehmen heißt. Bock hatte ihn 2017 als damaliger Vorstandschef in den Vorstand des Chemiekonzerns geholt.
Bocks Wiederwahl wackelte, weil sich der US-Stimmrechtsberater ISS dagegen positioniert hatte. Nach den Empfehlungen von ISS richten sich viele kleinere und mittlere Fonds aus dem angelsächsischen Raum bei Abstimmungen auf Hauptversammlungen deutschen Unternehmen.
ISS will längere Ruhezeit für Vorstandschefs
ISS reibt sich aber nicht an der Qualität von Bocks Arbeit als Aufsichtsratschef. Der Grund ist rein formell: ISS hat seine Statuten geändert und wünscht nun, dass Vorstandschefs deutscher Konzerne erst fünf Jahre nach ihrem Ausscheiden Aufsichtsratschef desselben Unternehmens werden dürfen. Das deutsche Gesetz sieht eine Frist von zwei Jahren für das sogenannte „Cooling-off“ vor.
Nun ist es im Fall Bock so: Der frühere BASF-Vorstandsvorsitzende wurde 2020 nach zweijähriger Auszeit von der Hauptversammlung in den Aufsichtsrat gewählt und dort zum Vorsitzenden bestimmt. ISS hat 2020 seine Wahl empfohlen, weil die Statuten der Amerikaner damals noch andere waren. Jetzt positionieren sich die Berater anders.
Die Mehrheit der BASF-Aktionäre folgte dieser Argumentation nicht. Bock wird für weitere vier Jahre in den Aufsichtsrat einziehen und auf der nächsten Sitzung dessen Vorsitz übernehmen. „Wir sind uns sicher, dass Sie der richtige Aufsichtsratsvorsitzende für die anstehenden Herausforderungen sind“, sagte Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Aktionärsvereinigung DSW.
Am Vormittag hatte Bock den scheidenden BASF-Chef Martin Brudermüller verabschiedet. Brudermüller war an seinem letzten Tag bei BASF nach 36 Jahren noch einmal sehr präsent. Erst präsentiert er die Quartalsergebnisse, dann hielt er eine emotionale Abschiedsrede an die gut 5000 Aktionäre, die zur Präsenzveranstaltung nach Mannheim gekommen waren.
Besserung in China – aber kein Boom
Der 62-Jährige hatte einige Neuigkeiten zu vermelden, allerdings nicht nur gute: Von einem weltweiten Konjunkturaufschwung, von dem BASF deutlich profitieren würde, konnte er nicht berichten. Immerhin ist der Produktionsrückgang bei BASF gestoppt. Die verkauften Mengen legten in vielen Segmenten im ersten Quartal zu, weil die Kunden nun langsam wieder ihre leer geräumten Lager auffüllen.
Dennoch überwiegt Vorsicht: „Wir haben den Boden erreicht, aber einen fundamentalen Wechsel zurück zu konjunkturellem Wachstum erkennen wir nach wie vor nicht“, sagt Brudermüller. Das ist ein Signal für die Wirtschaft insgesamt, denn BASF spürt die konjunkturellen Veränderungen als Grundstoffhersteller sehr früh.
Dass die Kunden vorsichtig bleiben, zeigt ein weiterer Wert: Die Verkaufspreise bei BASF sind weiter sehr niedrig. Das gilt auch für China. Der Konzern spricht von einer „besseren Dynamik“ in dem Land. Die Verkaufsmengen seien dort im Regionen-Vergleich am stärksten gestiegen. Einen neuen Boom sieht BASF aber auch in China noch nicht.
Brudermüller muss sich deswegen mit einem weiteren Ergebnisrückgang verabschieden. Der Umsatz fiel im ersten Quartal 2024 um zwölf Prozent auf 17,5 Milliarden Euro. Der bereinigte operative Gewinn (Ebitda) ging um mehr als fünf Prozent auf 2,7 Milliarden Euro zurück. Belastend wirkten sich auch höhere Bonusrückstellungen aus. Das Ergebnis fiel dennoch besser aus als von Analysten erwartet.
Der scheidende CEO bekräftigte aber die Jahresziele, die ein bereinigtes Ergebnis von 8,0 bis 8,6 Milliarden Euro vorsehen. Es könnte damit um bis zu zwölf Prozent zulegen. Diese Prognose muss nun sein Nachfolger Markus Kamieth einlösen.
Kamieth hat seine Ziele bei BASF bereits grob umrissen. Er will den Konzern zum Topanbieter in der grünen Chemie machen und sieht sich zwei Aufträgen verpflichtet: profitablem Wachstum und Wertschaffung. Diese Botschaft hörten die Aktionäre auf der Hauptversammlung gerne.
Sie und auch der Aufsichtsrat verabschiedeten Brudermüller mit wohlwollenden Worten. Der 62-Jährige galt als starker Topmanager, der BASF sicher durch die zahlreichen Krisen seiner Amtszeit steuerte.
Der Einbruch der Weltwirtschaft führte aber dazu, dass BASF heute bei wichtigen Kennzahlen wie der Rendite und dem freien Cashflow schlechter dasteht als vor seinem Antritt 2018. Der scheidende Chef sagt offen, dass er sich das anders gewünscht hätte. „Die Zahlen von 2023 sind wirtschaftliche Realität, sie spiegeln aber nicht die Kraft der strukturellen Aufstellung der BASF wider“, sagte er im Interview mit dem Handelsblatt.
Brudermüller hatte zu Jahresbeginn den Sparkurs am Stammsitz Ludwigshafen verschärft, denn seit zwei Jahren schreibt BASF in Deutschland rote Zahlen. Das neue Sparprogramm mit einem Volumen von einer Milliarde Euro wird sein Nachfolger Kamieth in den kommenden Wochen festzurren. Ein weiterer Stellenabbau und die Schließung von Anlagen sind absehbar.
Kamieth wird nun ein neues Zielbild für den angeschlagenen Heimatstandort erarbeiten. Dessen Zukunftssicherung ist eine seiner großen Herausforderungen, ebenso das Hochfahren des neuen Mega-Verbundstandorts in China. Der zehn Milliarden Euro schwere Bau wird in den kommenden Jahren einen großen Teil der Investitionskraft von BASF auf sich ziehen.
Viele Aktionäre bewerten das China-Projekt weiter kritisch, wie sich auf der Hauptversammlung zeigte. Dass der größte Chemiekonzern der Welt im größten Chemiemarkt präsent sein muss, wird zwar kaum infrage gestellt. Doch die Anteilseigner sorgen sich wegen der Risiken - nicht nur aus geopolitischen Gründen.
„Eine durch die Ein-Kind-Politik überalterte Gesellschaft, eine anhaltende Immobilienkrise sowie der Umgang mit Corona oder politischen Minderheiten belasten immer wieder das Vertrauen in den Standort", sagte Linus Vogel von der Sparkassen-Investmentgesellschafte Deka. „Daraus entstehende Überkapazitäten stellen eine ernsthafte Bedrohung für viele Wertschöpfungsketten dar.“
Jedoch betonte die BASF-Führung auf dem Aktionärstreffen, der Konzern schätze die Chancen in China als weitaus höher als die Risiken. BASF werde aber nicht nur in China weiter investieren, sondern auch in anderen asiatischen Ländern wie Indien.
Kamieth startet mit einem weitgehend neu formierten sechsköpfigen Vorstand. Das Führungsgremium erarbeitet in den nächsten Wochen die neue Strategie für den weltgrößten Chemiekonzern. Ergebnisse soll es im Spätsommer oder Herbst geben.
Erstpublikation: 25.04.2024, 11:00 Uhr.