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Industriekonzern Liberty schärft Angebot für Thyssen-Krupps Stahlsparte nach – Garantie für alle Standorte

Der einzige Bieter will die Hütten von Thyssen-Krupp auf die Produktion von grünem Stahl umrüsten. Die Chancen von Sanjeev Gupta auf einen Zuschlag steigen.
25.01.2021 - 14:15 Uhr 1 Kommentar
Dem Industriekonzern Thyssen-Krupp gilt das Stahlgeschäft als „Klumpenrisiko“. Quelle: imago images/Rupert Oberhäuser
Stahlarbeiter in Duisburg

Dem Industriekonzern Thyssen-Krupp gilt das Stahlgeschäft als „Klumpenrisiko“.

(Foto: imago images/Rupert Oberhäuser)

Frankfurt, Düsseldorf Der Unternehmer Sanjeev Gupta sieht sich in der Rolle eines Revolutionärs. Mehr als 3000 Jahre nachdem Erz erstmals zu Eisen geschmolzen wurde, will der Inder die Produktion von der Last der Umweltzerstörung befreien. Die Gesetze der Stahlindustrie würden neu definiert. Guptas Unternehmen Liberty Steel ist ein eher kleiner Hersteller, der mehr Masse braucht. Diese will sich der 49-Jährige mit der Übernahme der Stahlsparte von Thyssen-Krupp verschaffen.

Nach einer ersten Absichtserklärung hat Gupta nun am Montag ein konkretisiertes Angebot für den größten Stahlkocher Deutschlands vorgelegt, wie Liberty auf Anfrage bestätigte. Auch Thyssen-Krupp bestätigte den Eingang eines Angebots. „Das Unternehmen wird dieses Angebot jetzt sorgfältig prüfen“, sagte ein Sprecher.

Vorangegangen war ein Marathon an Gesprächen mit Vertretern des Managements, der Gewerkschaft IG Metall und der Politik. Diese Gespräche und die Besichtigung der Standorte haben Gupta in seinen Kaufplänen bestärkt: „Thyssen-Krupp hat exzellente Standorte mit sehr guten Mitarbeitern“, sagt er. Gupta hat bereits konkrete Pläne für den Fall, dass er zum Zug kommt: Unter dem Dach von Liberty sollen die Krupp-Werke ihr Angebot erweitern.

Bislang hängt die Sparte am Autosektor. Über eine Belieferung etwa von Kunden aus der Bauindustrie könnte die Auslastung erhöht werden. Innerhalb weniger Monate sei die Umstellung machbar. Alle Standorte könnten nach Guptas Plänen erhalten bleiben; dies gilt auch für den von der Schließung bedrohten Standort in Bochum.

Auf die oftmals in Gesprächen geäußerte Kritik an der Finanzierungspraxis hat das Team um Gupta reagiert. Bei seinem Hausfinanzier Lex Greensill hat er sich Branchenkreisen zufolge zusätzlichen Spielraum für den Deal zusagen lassen. Zukünftig will er seine Kreditausstattung über weitere Banken streuen. Greensill gilt einigen in der Branche als undurchsichtig.

Der Unternehmer mit Wohnsitz in Großbritannien stößt mit seiner Offerte in ein hochemotionales Feld vor. Stahl ist eng mit dem Aufstieg Deutschlands zur führenden Wirtschaftsmacht in Europa verbunden, die Exportschlager Auto und Maschinen sind aus dem Werkstoff gefertigt. Eine Veräußerung an einen ausländischen Investor wäre für manche Vertreter gerade der Gewerkschaft ein Ausverkauf einer nationalen Ikone.

Mängel in der Qualität

Doch die ist stark ramponiert: Über Jahre hinweg hat Thyssen-Krupp seine Stahlwerke bei Investitionen kurz gehalten. Die Qualität des Materials hat laut Kunden gelitten – und das in einem Markt, der von Überkapazitäten und Billigimporten aus Asien geprägt ist. Thyssen-Krupp-Chefin Martina Merz sah daher keine Alternative, als die Stahlsparte zum Verkauf zu stellen.

Bei der Ankündigung vor knapp einem Jahr war sie sicher, dass es viele Bieter geben würde. Als mögliche Partner galten Tata Steel, SSAB aus Schweden und als Favorit der Salzgitter-Konzern. Alle drei Konzerne winkten aber ab. Zu groß war ihnen das Risiko.

Die Sparte ist deutschlandweit der größte Brocken der Stahlindustrie – ein Schwergewicht, das tief in der Verlustzone steckt. Der Mutterkonzern betrachtet seine Stahlsparte als „Klumpenrisiko“, das die Firmenkonstruktion zum Einsturz bringen könnte, wie ein Topmanager sagt. „Daher muss Stahl weg.“

Geboten hat letztlich nur Liberty Steel, die Firma von Gupta. Um eine Alternative zu haben, lotet die Mannschaft um Merz aus, ob die Stahlsparte nicht doch unter dem Dach der Holding bleiben könnte. Dazu müssten aber viele der 27.000 Stellen gestrichen werden, da der Personalbestand von Thyssen-Krupp Steel im Branchenvergleich trotz des jüngsten Abbauprogramms deutlich überdimensioniert ist. Die Pläne für einen ebenfalls erwogenen Börsengang von Thyssen-Krupp Steel hätten hingegen wenig Chancen auf Erfolg, so die Meinung eines Brancheninsiders: „Welcher Investor würde sich an einer Firma beteiligen, die Verluste schreibt?“

Der indische Geschäftsmann will die Stahlsparte komplett übernehmen. Quelle: AFP
Liberty-Chef Sanjeev Gupta

Der indische Geschäftsmann will die Stahlsparte komplett übernehmen.

(Foto: AFP)

Wie ein Zerstörer einer nationalen Ikone sieht Gupta nicht aus, als er sich im Düsseldorfer Hyatt Regency auf einem Sessel niederlässt. Er will über seine Pläne, seine Visionen reden – und natürlich muss er Überzeugungsarbeit leisten. Er wolle der Branche nicht den Garaus machen. „Im Gegenteil: Ich will Stahl eine Zukunft geben“, sagt er dem Handelsblatt. Dazu müsse der Werkstoff klimaneutral produziert werden.

Die Stahlindustrie zählt bislang zu den größten Produzenten von Kohlendioxid. Pro produzierter Tonne des Werkstoffs stoßen die Hütten rund 1,7 Tonnen des Gases aus, das für den Klimawandel verantwortlich ist. „Wir können Stahl mit Wasserstoff auch ohne CO2 herstellen“, sagt Gupta. Möglich ist dies mit dem Einsatz von Wasserstoff, der mit sauberem Strom produziert wird.

„Ohne klimaneutralen Stahl keine Zukunft“

Auch Wettbewerber wie Weltmarktführer Arcelor-Mittal, Salzgitter und Thyssen-Krupp setzen auf grünen Wasserstoff, um ihre Werke klimaneutral aufzustellen. Gupta will aber schneller werden – und zwar nicht nur, weil seine Kinder ihn zu einer nachhaltigen Wirtschaft auffordern, wie er beteuert: „Wir haben sonst keine Zukunft, da die Kunden klimaneutralen Stahl für ihre Produkte brauchen.“ Bis spätestens 2030 – und damit um Jahrzehnte schneller als Konkurrenz – will Liberty seine Werke umgestellt haben.

Mit der Umstellung wird die Branche grundlegend verändert. Gupta vergleicht den Einschnitt mit der Wucht der Digitalisierung, die etablierte Industriezweige wie den Automobilbau aus den Angeln heben. „So gesehen bin ich ein Disrupter“, sagt Gupta. Also ein kreativer Zerstörer, der seine Chance gekommen sieht, eine Branche mit ihren jahrhundertealten Traditionen umzuwälzen.

Schon einmal ist ein Landsmann von Gupta angetreten, dieses Ziel zu erreichen: Lakshmi Mittal. Der ebenfalls in London lebende Unternehmer hat innerhalb weniger Jahre aus einer mittelständischen Firma den weltgrößten Hüttenkonzern geformt. „Seine Strategie waren Akquisitionen“, sagt Roland Junck. Der Luxemburger hatte Mittals’ Aufstieg eng begleitet. Nun arbeitet er für Gupta. „Gupta setzt auf Technik, um nach vorn zu kommen“, sagt Junck. Natürlich brauche Liberty dazu eine gewisse Schwungmasse. Das Angebot für Thyssen-Krupp Steel passe daher in die Strategie.

Bei der Frage, was der Unterschied zwischen Mittal und Gupta sei, muss Junck nicht lange überlegen. Der Jüngere sei deutlich aggressiver – positiv gemeint. „Er erreicht seine Ziele doppelt so schnell.“

Gupta, kahler Kopf, dunkle Brille, spricht beim Treffen im Düsseldorfer Hyatt wie ein Gründer von der US-Westküste. Geboren ist er in Indien, seinen Unternehmergeist hat er während seines Studiums in Cambridge entwickelt. An seine Kommilitonen verkaufte er Fahrräder aus der indischen Produktion seines Großvaters. Es waren die Anfänge für seine Firma Liberty, die er später zu einer Handelsgesellschaft weiterentwickelte. Später reichte ihm das nicht mehr. Er stieg direkt in die Produktion ein. „Schon mein Großvater hatte ein Stahlwerk. Ich bin auf dem Gelände praktisch groß geworden“, sagt er.

Gelegenheiten zum Einstieg bot ihm die Branchenkrise. Gupta erwarb marode Werke; erst in Großbritannien, später dann in Australien, den USA und Europa. Ein von Gewerkschaftern befürchteter Stellenabbau blieb jedesmal aus. Lobend äußerten sich Arbeitnehmervertreter aus England und Australien über die Zusammenarbeit. Zusagen habe Gupta immer eingehalten, heißt es aus deren Reihen.

Mehr: Stahlproduktion in Deutschland ist auf geringste Menge seit 2009 gesunken

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1 Kommentar zu "Industriekonzern: Liberty schärft Angebot für Thyssen-Krupps Stahlsparte nach – Garantie für alle Standorte"

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  • Die Logik von TK die Aufzüge zu verkaufen und sich auf den Rest insb. Stahl zu konzentrieren habe ich nie verstanden. Das Geschäftsfeld ist doch bereits schon seit langem an die Inder verloren gegangen. Jetzt wo das restl. Geld ausgeht hört man nur noch von Notverkäufen. Bessere wäre es vergessen Stahl & Co zu verkaufen und sich auf Aufzüge zu fokussieren.

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