Interview: Konzernchef Källenius: „Daimler benötigt keine Staatshilfe“
Anders als etwa die Lufthansa schließt der Daimler-Chef aktuell direkte Finanzspritzen vom Bund aus.
Foto: imago images / rheinmainfotoMünchen, Frankfurt. Daimler-Chef Ola Källenius will den Stuttgarter Autobauer mit größtmöglicher Flexibilität und Solidarität durch die Coronakrise bringen. Obwohl der Mercedes-Hersteller seine Produktion in Europa und Teilen Nordamerikas stoppen musste, seien die Jobs der rund 300.000 Beschäftigten nicht in Gefahr, versicherte Källenius im Interview mit dem Handelsblatt: „Die Sicherheit der Arbeitsplätze steht nicht zur Diskussion.“
In Zeiten der Pandemie müsse die Gesellschaft zusammenhalten, sagte der 50-Jährige in einem gut einstündigen Telefongespräch. „Vor dem Hintergrund fand ich die Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel sehr gut.“ Källenius lobt das Vorgehen der Bundesregierung: „Die Entscheidungen werden mit Augenmaß gefällt.“
Anders als etwa die Lufthansa schließt Källenius aktuell direkte Finanzspritzen vom Bund aus. „Daimler benötigt derzeit keine Staatshilfe“, erklärte der Manager. „Wir sind mit einer hohen Liquidität solide ausgestattet.“ Gleichzeitig kündigt der Schwede an, die Arbeitszeit seiner Produktionsmitarbeiter verkürzen zu wollen. „In Deutschland reaktiviert die Politik gerade die Regelung zur Kurzarbeit, und die werden wir dann auch nutzen.“
Die ursprünglich für Anfang April angesetzte Hauptversammlung musste Daimler zwar in den Sommer verschieben, die Aktionäre des Konzerns sollen dann aber wie geplant eine Gewinnbeteiligung von 90 Cent je Aktie für das Geschäftsjahr 2019 ausgezahlt bekommen. „Unser Vorschlag für eine Dividende steht, und es gibt keinen Anlass, zu diesem Zeitpunkt etwas zu ändern“, erklärte Källenius.
Beim weiteren Vorgehen in der Coronakrise orientiert sich der Daimler-Chef an den Erfahrungen, die sein Konzern in China gemacht hat. Nach einem Produktionsstopp will Mercedes in ein paar Wochen wieder mit einer Auslastung von nahezu hundert Prozent in Fernost Autos fertigen.
Der Grund: „Die allermeisten unserer Händler haben wieder geöffnet, die Kunden kehren zurück“, sagt Källenius: „Tag für Tag kommen mehr Menschen in die Autohäuser. Die Nachfrage zieht an, das stimmt uns optimistisch.“
Lesen Sie hier das komplette Interview:
Herr Källenius, wie steuert man einen Weltkonzern wie Daimler in Zeiten der Corona-Pandemie?
Wir sorgen dafür, handlungsfähig zu bleiben. Ich habe meine Reiseaktivitäten auf null gesetzt. Den Vorstand haben wir in zwei Teams aufgeteilt, die sich unter keinen Umständen treffen. Sollte sich einer von uns acht infizieren, sind dadurch nicht gleich alle betroffen. Die meisten Mitarbeiter in der Verwaltung sind im Homeoffice. Ich komme aber ins Büro und kommuniziere mit den Beschäftigten in aller Welt per Videokonferenz und Telefon.
Die Produktion in den europäischen Werken mussten Sie herunterfahren. Wie hart trifft das Ihr Unternehmen?
Zunächst einmal leisten wir mit diesem Schritt einen Beitrag, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Wir wollen dazu beitragen, die Infektionsketten zu unterbrechen, und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schützen. Daimler muss aber auch aus Unternehmenssicht handeln: Wir bringen mit dieser Maßnahme Absatz und Produktion in Einklang. Viele Händler in Europa und Nordamerika mussten schließen oder ihren Betrieb stark einschränken. Das spüren wir in einer schwächeren Nachfrage. Diese Entwicklung haben wir zuvor schon in China erlebt. Beim weiteren Vorgehen orientieren wir uns an diesen Erfahrungen, um Daimler bestmöglich durch diese Ausnahmesituation zu manövrieren.
Wie läuft der Produktionsstopp konkret ab?
Zunächst machen wir zwei Wochen in Europa zu. Wir haben aber die Flexibilität, diese Maßnahme zeitlich auszuweiten. Wir wissen im Moment ja nicht, wie lange die Coronakrise dauern wird.
Werden Sie Kurzarbeitergeld für die Produktionsmitarbeiter hierzulande beantragen?
In Deutschland reaktiviert die Politik gerade die Regelung zur Kurzarbeit, und die werden wir dann auch nutzen.
Werden Sie auch die Produktion in den USA drosseln? Dort fertigen Sie viele SUVs und Nutzfahrzeuge.
Das bewerten wir im Moment zusammen mit den lokalen Behörden. Wir werden für jedes Werk eine individuelle Entscheidung treffen, das Werk in Tuscaloosa, Alabama, fahren wir jetzt runter.
Denkt Daimler darüber nach, Staatshilfe zu beantragen? Konzerne wie Lufthansa erwägen dies.
Über einen solchen Schritt haben wir nicht diskutiert. Daimler benötigt derzeit keine Staatshilfe. Generell gilt, dass die Industrie eine sehr gute Auftragslage vor dieser Krise hatte. Wenn nun in dieser Sondersituation Unternehmen Unterstützung brauchen, dann muss der Staat handeln.
Würde Daimler denn Zulieferern helfen, wenn dies nötig wird?
Wir sind permanent in Diskussionen mit unseren Lieferanten und stimmen uns mit denen ab. Bislang gibt es keinen Fall, in dem Liquidität ein Thema war.
Aber wie lange kann Daimler diesen Ausnahmezustand wirtschaftlich durchhalten? Irgendwann ist selbst Ihre Kasse einmal leer, wenn keine neuen Autos verkauft werden.
Wir sind mit einer hohen Liquidität solide ausgestattet. Der Fokus liegt in den kommenden Wochen nun darauf, diese Situation zu managen und Liquidität zu sichern. Sollte dieser Zustand indes länger anhalten, dann müssten Investitionen überdacht werden. Grundsätzlich sind wir in einer guten Verfassung, daher mache ich mir keine Sorgen.
Sie wollen an Ihre Aktionäre 963 Millionen Euro an Dividende ausschütten. Steht dieser Plan noch, oder behalten Sie das Geld jetzt lieber im Unternehmen?
Unser Vorschlag für eine Dividende steht, und es gibt keinen Anlass, zu diesem Zeitpunkt etwas zu ändern.
Dennoch droht der Welt mit der Corona-Pandemie eine Rezession. Wie stellen Sie und Daimler sich darauf ein?
Zwei Stichworte dazu: Solidarität und Flexibilität. Als Bürger und als Gesellschaft müssen wir zusammenhalten, um diese Krise zu überwinden. Vor dem Hintergrund fand ich die Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel sehr gut. Sie hat das Thema Solidarität sehr gut auf den Punkt gebracht. Für uns als Unternehmen ist nun Flexibilität entscheidend. Wir müssen schnell reagieren können, wie wir es mit dem Herunterfahren der Werke getan haben. Sollte es eine schnelle Erholung geben, dann müssen wir die Werke sehr schnell wieder hochfahren. In China haben wir ja schon fast wieder Normalität.
Ist ein solcher Optimismus angebracht? Die Prognosen der Wirtschaftsexperten sind mitunter düster.
Ich bin selber kein Volkswirt. Ich muss mich darauf verlassen, was die Experten prognostizieren. Da habe ich ein breites Spektrum gesehen, von einer schnellen Erholung der Weltwirtschaft bis hin zu einer langen und tiefgreifenden Rezession. Jeder hat da gute Argumente für seine Prognose. Es ist daher sehr schwer zu sagen, was nun wirklich passieren wird.
China ist Ihr wichtigster Einzelmarkt. Wie sieht es dort aktuell in puncto Produktion aus?
China hatte mit dem Neujahrsfest Ende Januar scharfe Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionswelle verhängt. Das Land ist dem Rest der Welt also um fünf bis sechs Wochen voraus. Nach einem Produktionsstopp fahren wir dort nun wieder kontrolliert hoch. In ein paar Wochen werden wir zurück bei nahezu hundert Prozent Auslastung sein.
Und was macht die Nachfrage? Der chinesische Automarkt ist im Januar und Februar zusammengerechnet um mehr als 40 Prozent eingebrochen.
Die allermeisten unserer Händler haben wieder geöffnet, die Kunden kehren zurück. Tag für Tag kommen mehr Menschen in die Autohäuser. Die Nachfrage zieht an, das stimmt uns optimistisch.
Chinas Staatsregierung hat nach dem Corona-Ausbruch sehr rigide eingegriffen. Wie bewerten Sie im Vergleich dazu das Krisenmanagement der westlichen Länder?
Eine solche Situation habe ich in meinem Leben noch nie erlebt. Ich empfinde das Vorgehen vor allem der Bundesregierung als sehr gut. Die Entscheidungen werden mit Augenmaß gefällt. Wir als Bürger und Manager müssen uns daran halten, das ist richtig so. Auch die Zentralbanken haben wichtige Schritte eingeleitet, indem sie der Wirtschaft ausreichend Liquidität zur Verfügung stellen.
Braucht es einen weiteren Stimulus, um der Wirtschaft zu helfen? In früheren Krisen hat die Bundesregierung den Autoabsatz etwa mit einer Verschrottungsprämie für gebrauchte Fahrzeuge angeschoben.
Es ist zu früh, um über weitere Einzelmaßnahmen nachzudenken. Grundsätzlich würden aber Steuererleichterungen allen im Land helfen.
Ab diesem Jahr sollen die Hersteller Bußgelder zahlen, wenn der CO2-Ausstoß ihrer in Europa verkauften Autos eine gewisse Schwelle überschreitet. Sind diese Emissionsrichtlinien auch im aktuellen Umfeld für Daimler erreichbar?
Wir tun alles, um die CO2-Ziele der EU zu erreichen.
Angeblich haben einige Hersteller bei der EU-Kommission angeklopft, um die neuen Emissionsregeln zu verschieben. Was halten Sie davon?
Wir gehören nicht zu denen, die sich um eine Veränderung der Emissionsrichtlinien bemüht haben.
In den USA hat die Regierung Ford und General Motors aufgefordert, Beatmungsgeräte zu fertigen. Stünde Daimler ebenfalls parat, medizinisches Gerät zu produzieren?
Wenn wir einen Beitrag leisten können, dann helfen wir natürlich. Wir haben zum Beispiel eine Anfrage bekommen, ob unsere 3D-Drucker bestimmte medizinische Teile fertigen könnten. Das prüfen wir gerade. Unsere Expertise stellen wir natürlich auch für andere zur Verfügung, wenn wir helfen können.
Ihr Rivale BMW geht davon, dass der Coronaschock bis zu vier Prozentpunkte an Marge in der Autosparte kosten wird. Können Sie, gemessen an dieser Prognose, mit Mercedes in diesem Jahr überhaupt einen Gewinn erwirtschaften?
Wir haben kürzlich kommuniziert, dass es zu früh ist, um die wirtschaftlichen Folgen seriös abzuschätzen. Und bei dieser Prognose bleiben wir.
An der Börse herrscht enorme Nervosität, allein die Daimler-Aktie ist seit Jahresbeginn um mehr als die Hälfte eingebrochen. Ist es in diesem Umfeld denkbar, dass Ihre beiden chinesischen Großinvestoren, Geely-Eigner Li Shufu und der Pekinger Staatskonzern BAIC, die Beteiligungen an Daimler weiter erhöhen?
Ich will hier nicht spekulieren. Tatsache ist, dass wir sowohl mit Geely als auch mit BAIC zwei langfristig orientierte Aktionäre haben, mit denen wir hervorragend zusammenarbeiten. Das wird auch so bleiben.
Sie tragen die Verantwortung für 300.000 Mitarbeiter weltweit, allein 170.000 davon in Deutschland. Müssen einige Beschäftigte nun um ihre Jobs bangen?
Die Sicherheit der Arbeitsplätze steht nicht zur Diskussion. Wir haben keine weiteren Pläne über die seit Langem kommunizierten Einsparungen hinaus …
Sie wollen beim Personal bis 2022 mehr als 1,4 Milliarden Euro sparen.
Daran halten wir fest. Lassen Sie mich unabhängig davon aber an dieser Stelle sagen, wie beeindruckt ich von unserer Mannschaft bin. Natürlich treibt die Mitarbeiter genauso wie mich die Frage um, was nun kommen wird. Jeder hat aber aktiv und pragmatisch an einer Lösung mitgearbeitet, als wir den Stopp in den Werken beschließen mussten. Ich kann den Betriebsrat an dieser Stelle für seine Flexibilität nur loben.
Wie wird die Zeit nach Corona bei Daimler aussehen? Welche neuen Gewohnheiten behalten Sie vielleicht bei?
Wir werden in vielen Bereichen zu den bekannten Abläufen zurückkehren. Unser Geschäft lebt vom direkten persönlichen Austausch. In der Produktion muss man sowieso physisch an der Montagelinie präsent sein, aber auch in der Entwicklung, etwa bei Erprobungen von neuen Produkten, funktioniert Teamarbeit nur gemeinsam vor Ort. Gleichzeitig werden wir natürlich versuchen, mit Video- und Telefonkonferenzen unsere Kostenstrukturen zu verbessern, wo immer das möglich ist.
Ihr Konzern wandelt sich wie nie zuvor. Sie müssen Ihre Flotte gleichzeitig elektrifizieren und digitalisieren. Wird diese Transformation durch den Coronaschock nun ausgesetzt oder gar beschleunigt?
Sowohl bei der Elektromobilität als auch bei der Digitalisierung unserer Produkte und Prozesse machen wir maximal Druck. Aus heutiger Sicht gibt es da keine Verzögerungen. Unsere Projekte laufen weiter.
Herr Källenius, vielen Dank für das Interview