Autoindustrie: Nichts geht mehr: Coronakrise bringt europaweite Autoproduktion zum Erliegen
Der Autobauer stellt seine Produktion vorübergehend ein.
Foto: dpaMünchen, Düsseldorf. Obwohl die Autohersteller die meisten Fabriken in ganz Europa vorübergehend schließen, trat Continental bis zuletzt noch trotzig auf. Der Konzern teilte noch am Dienstag mit, die Produktion nicht stillzulegen. Das sei die Ultima Ratio. Nur ein behördlicher Beschluss könne Continental stoppen oder ein Extremfall. Einen Tag später ist dieser dann offenbar eingetroffen.
Volkswagen, Audi, Skoda, Porsche, PSA, Ford, Daimler, Rolls-Royce, Nissan, Toyota und BMW schließen ihre Werke, BMW sogar bis zum 19. April. Die rasante Ausbreitung des Coronavirus in Europa hat geschafft, was bislang keine Wirtschaftskrise in der Geschichte geschafft hat. Alle Bänder der Autohersteller in Europa stehen still. Der absolute Ausnahmezustand ist erreicht.
Die ersten Werksschließungen der Autohersteller, insbesondere die Stilllegung der Produktion von VW, haben eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, die nun auch Zulieferer wie Bosch, Continental, ZF und viele mehr mit voller Härte trifft. Deutschlands wichtigster Industriezweig ist paralysiert, Hunderttausende Menschen, die für die Autohersteller und -zulieferer arbeiten, müssen in Kurzarbeit gehen.
Noch können die Unternehmen nicht abschätzen, welchen Schaden die Viruspandemie verursachen wird. Doch der Lippstädter MDax-Konzern Hella hat schon mal einen bitteren Vorgeschmack geliefert: Am Mittwoch sah sich das Unternehmen zu einer Gewinnwarnung gezwungen. Hella erwarte, dass der Umsatz infolge der Pandemie unterhalb der ursprünglich prognostizierten Bandbreite von 6,5 bis sieben Milliarden Euro liegen werde.
Wie stark die Einnahmen sinken werden, kann Hella nicht sagen. „Da aktuell nur eine eingeschränkte Visibilität bezüglich der Folgen der Pandemie gegeben ist, lässt sich die Höhe momentan nicht genauer beziffern“, erklärte der Konzern in einer Ad-hoc-Mitteilung. Auch zum Gewinn macht der Zulieferer keine genauen Angaben.
Nur so viel: Die bereinigte Ebit-Marge werde die prognostizierte Zielgröße von 6,5 bis 7,5 Prozent „deutlich unterschreiten“.
Kurzarbeit und Sparprogramme
Aber das ist erst der Anfang: Mitarbeiter von Hella müssen mit größeren Einschnitten rechnen. Das Unternehmen habe zum bereits bestehenden Sparprogramm „ein umfangreiches Maßnahmenpaket zur weiteren Einsparung von Personal- und Sachkosten beschlossen“, heißt es in der Ad-hoc-Mitteilung weiter. Wegen der Coronapandemie prüfe die Geschäftsführung derzeit auch die vorübergehende Schließung von Produktionsstätten. Kurzarbeit an inländischen Standorten sei in Vorbereitung.
Auch Bosch und ZF haben die Reißleine gezogen. Der weltgrößte Autozulieferer Bosch fährt wegen der Coronapandemie in einzelnen Werken in Frankreich, Italien und Spanien die Produktion herunter oder setzt sie vorübergehend aus, wie eine Sprecherin erklärte.
Mit Kunden und Arbeitnehmervertretern werde die Situation bewertet. „Aktuell können wir die Produktion und unsere Lieferketten weitgehend aufrechterhalten und den Bedarf der Kunden decken“, ergänzte sie.
Beim Motorenteile-Spezialisten Mahle ist schon sicher: „Die Situation wird zu Kurzarbeit führen“, sagte ein Sprecher. Welche Standorte genau es treffen werde, stehe noch nicht fest.
Im Gefolge seiner Kunden in der Autoindustrie erwartet auch ZF Friedrichshafen Produktionsstopps in einzelnen Werken. „Wir gehen davon aus, dass wir sowohl einzelne Produktlinien als auch ganze Werke pausieren lassen werden, um der Nachfrageunterbrechung der Autohersteller zu folgen“, sagte ein Sprecher.
Mit den Werkleitern der ZF-Werke in Europa werde darüber beraten, auch über mögliche Kurzarbeit. Bislang hätten die Lieferketten bei dem Hersteller von Getrieben und elektrischen Antrieben jedoch aufrechterhalten werden können.
Continental verkündete erst am Abend, dass Werke geschlossen werden. Die Produktion werde weltweit angepasst und vorübergehend teilweise auf null zurückgefahren, teilte der Dax-Konzern mit.
Kirchhoff drosselt Produktion
Welche Werke betroffen sind und wie hoch der Schaden ist, teilt der Konzern nicht mit. Bereits zuvor wurde aus dem Umfeld der Conti-Antriebssparte Vitesco Technologies bekannt, dass nur noch bestehende Aufträge abgearbeitet werden.
Auch Kirchhoff fährt weltweit die Produktion in seinen Werken an den meisten Standorten zurück. „Natürlich sind die Auftragseingänge unserer Kunden zurzeit stark rückläufig, aber es kommt auch hinzu, dass europaweit die Autohändler vom ‚Shutdown‘ betroffen sind“, sagte J. Wolfgang Kirchhoff, Chef von Kirchhoff Automotive. „Also können aktuell gar keine Fahrzeuge an Kunden ausgeliefert werden“, fügte er an.
Zurzeit werde geprüft, welche Bereiche in den verschiedenen Werken heruntergefahren werden sollen. Im Werk am Firmensitz in Iserlohn blieben bestimmte Produktionsbereiche weiter in Betrieb.
Dort würden Fahrzeugteile für die USA und China produziert. Denn die Werke in China würden gerade ihre Produktion wieder hochfahren. „Wir erwarten für dieses Jahr einen Rückgang der Verkaufszahlen in allen drei großen Märkten dieser Welt. Dieser wird jedoch phasenverschoben sein. China läuft wieder hoch, Europa läuft gerade runter, und Nordamerika wird dem folgen“, sagte Kirchhoff weiter. Ab dem 1. April werde ein Großteil der rund 1300 Beschäftigten der beiden Werke Iserlohn und Attendorn vorübergehend in Kurzarbeit gehen.
Doch es sind nicht nur die wegfallenden Aufträge, die die Zulieferer zum Produktionsstopp zwingen. Auch in den Werken selbst regt sich Widerstand. Dort hatte sich in den vergangenen Tagen eine Art Zweiklassengesellschaft entwickelt. Während die Büromitarbeiter ins Homeoffice flüchten konnten, setzen sich die Werksmitarbeiter an den Bändern einem erhöhten Infektionsrisiko aus.
Bei den Autoherstellern ist dieser Konfliktherd als Erstes ausgebrochen. Ende vergangener Woche hatte das Ferrari-Management in Italien deswegen entschieden, die Werke in Maranello und Modena zu schließen. Die Entscheidung wurde „aus Respekt“ und für den „Seelenfrieden“ der Arbeiter getroffen, sagte Ferrari-Chef Louis Camilleri.
VW hat nach der Kritik von Betriebsratschef Bernd Osterloh am Dienstag nachgezogen. „Die Kolleginnen und Kollegen sehen nicht mehr ein, warum sie ohne eine klare Ansage und ohne klare Worte aus dem Management für ein paar Hundert Autos mehr eine Ansteckung riskieren sollen, die sie dann womöglich früher oder später nach Hause in ihre Familien tragen“, heißt es in einem Schreiben des Betriebsratschefs. „Wir Betriebsräte teilen diese Auffassung und haben dem Vorstand daher unmissverständlich klargemacht, was die Mannschaft von dieser Zweiklassengesellschaft hält.“
„Coronakrise ist beispiellos“
Bei VW wird derweil die Teileversorgung der Fabriken von Tag zu Tag schwieriger. „Bei der Belieferung mit Teilen sind wir in dieser Woche noch abgesichert. Mit den wachsenden Problemen in Europa wird es jedoch von Tag zu Tag schwieriger. Unterbrechungen der Lieferkette sind in der nächsten Woche zu erwarten“, sagte Stefan Sommer, Volkswagen-Konzernvorstand und verantwortlich für den Einkauf.
Die stabile Versorgung der Fabriken sei dann nicht mehr dauerhaft gesichert. Die bereits am Dienstag angekündigte Schließung der Fabriken in Deutschland und im restlichen Europa soll nach aktuellem Stand voraussichtlich zehn Tage dauern, kündigte das Unternehmen am Mittwoch an. Bei Volkswagen sind in der Bundesrepublik gut 100.000 Mitarbeiter beschäftigt.
„Die Coronakrise ist beispiellos und wird ohne Zweifel einen Einfluss auf die Geschäftsentwicklung der Marke Volkswagen haben“, sagte Alexander Seitz, Finanzvorstand der Marke VW. Wie groß die Auswirkungen am Ende sein werden, sei heute überhaupt nicht abschätzbar.
Volkswagen werde alles tun, um die eigenen Mitarbeiter zu schützen und das Geschäft zu stabilisieren. VW habe in der Vergangenheit bewiesen, dass das Unternehmen mit schwierigen Situationen umgehen könne.
Auch BMW fährt ab sofort alle europäischen Werke und ein Werk in Südafrika herunter. Damit wird in rund einem Dutzend Standorten für vier Wochen nicht mehr produziert. Die rund 30.000 betroffenen Beschäftigten sollen zunächst ihre Arbeitszeitkonten abbauen, dann werde je nach Standort Kurzarbeit beantragt.
Von den Angestellten arbeiten viele im Homeoffice. „Ich bin davon überzeugt, dass wir mit diesen drei Instrumenten unsere Belegschaft sinnvoll und sicher durch diese Coronakrise steuern“, sagte Betriebsratschef Manfred Schoch. Der Konzern werde das Kurzarbeitergeld aufstocken, sodass die Beschäftigten auf 93 Prozent ihres Nettolohns kommen werden.
In South Carolina, dem größten BMW-Werk der Welt, laufe die Produktion vorerst weiter, sagte Produktionsvorstand Milan Nedeljkovic. Die Lieferketten habe der Konzern bislang im Griff, versichert BMW.
Allerdings werde nur in kleinen Teams gearbeitet, um die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten. In China, wo bis Mitte Februar die Produktion ruhte, fahren die Fabriken allmählich wieder hoch. „Wir haben viel von China gelernt“, sagte Finanzvorstand Nicolas Peter.
Im für den Konzern wichtigsten Absatzmarkt hätten die Verkäufe nach den massiven Einbrüchen im Januar und Februar im März auch wieder angezogen. Mittlerweile seien fast alle der 550 chinesischen Handelsbetriebe wieder geöffnet.
Banken sitzen Zulieferern im Nacken
Die Spuren des Einbruchs werden dennoch massiv: Hatte BMW für dieses Jahr mit einer Steigerung der Verkäufe gerechnet, so geht das Unternehmen nun von einem deutlichen Absatzrückgang aus. Die operative Marge im Autogeschäft soll nur noch zwei bis vier Prozent betragen, ursprünglich waren sechs bis acht geplant.
Dennoch sieht sich der Konzern für die Krise gut gerüstet: Mit 17 Milliarden Euro liegt die Nettoliquidität auf Rekordniveau. Auf einem ähnlichen Liquiditätspolster sitzt Bosch.
Aber so gut ausgestattet sind viele andere Zulieferer nicht. Konflikte sind programmiert. Auffällig ist, wie die meisten Zulieferer betonen, dass sie ihre Lieferketten aufrechterhalten können, während die Autobauer auch als Grund für die Produktionsunterbrechungen Zulieferprobleme nennen.
Dahinter stehen rechtliche Fragen. Jedenfalls wollen die Zulieferer den Herstellern von sich aus keine Regressgründe geben. „Am Ende wird immer abgerechnet. Es geht schließlich bei Produktionsunterbrechungen um gewaltige Summen“, sagt ein Brancheninsider. Das erklärt, warum die Zulieferer sich mit der Verkündung konkreter Werkschließungen zurückhalten, bis die Kunden ihre laufenden Bestellungen bei den Zulieferern auch tatsächlich stornieren.
Vielen Zulieferern sitzen zudem bereits die Banken im Nacken. Seit einigen Monaten ist es das erklärte Ziel von LBBW-Chef Rainer Neske, „den Anteil der Autoindustrie am Kreditportfolio von rund 15 Prozent „moderat zu reduzieren“.
An der Linie habe sich seither nichts geändert, sagte ein Sprecher der größten Landesbank dem Handelsblatt. Was unter „moderat“ zu verstehen ist, hat ein großer Zulieferer bereits erfahren, als ihm Kreditlinien gekündigt wurden. Seinen Namen will er allerdings nicht nennen, um das schwierige Verhältnis zu seiner Bank nicht noch weiter zu belasten.
Die Autoindustrie stand wegen der schwachen Branchenkonjunktur und den hohen Aufwendungen für die Transformation zur Elektromobilität bereits unter strenger Beobachtung. Mit Ausbreitung des Coronavirus werden die Banken noch nervöser werden. Schon in früheren Krisen hatte so mancher Banker bei seinen Firmenkunden schnell die Nerven verloren.