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Kündigungswelle Thyssen-Krupp streicht nach Milliardenverlust weitere 5000 Stellen

Der Industriekonzern fährt einen Verlust von 5,5 Milliarden Euro ein und weitet nun den Sparkurs aus. Vorstandschefin Martina Merz kündigt harte Einschnitte an.
19.11.2020 Update: 19.11.2020 - 17:27 Uhr Kommentieren
Vorstandschefin Martina Merz besucht ein Stahlwerk des Konzerns. Quelle: dpa
Thyssen-Krupp

Vorstandschefin Martina Merz besucht ein Stahlwerk des Konzerns.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Ein Reingewinn von fast 9,6 Milliarden Euro, eine solide Eigenkapitalquote, eine schuldenfreie Bilanz: Unter normalen Umständen wären die Jahreszahlen, die Thyssen-Krupp am Donnerstag vorgelegt hat, Grund für eine Party gewesen. Doch Vorstandschefin Martina Merz war nicht zum Feiern zumute.

Im Gegenteil. Sie schlug düstere Töne an. „Die Coronakrise hat uns voll erwischt“, sagte die Managerin – und stimmte die Belegschaft auf weitere tiefe Einschnitte ein. Zwar habe der Konzern beim Umbau wichtige Meilensteine erreicht, so Merz. „Fakt ist aber auch: Das war nur die erste Etappe. Es braucht weitere kraftvolle Schritte, wir müssen noch tief in den roten Bereich.“

Die auf den ersten Blick positiven Ergebnisse verdecken die desolate Lage, in dem sich viele der Geschäfte des Industriekonzerns befinden. Dass es dem Vorstand gelungen ist, Thyssen-Krupp bilanziell zu sanieren, hat nur funktioniert, weil Merz die profitable Aufzugsparte im Sommer für 17,2 Milliarden Euro an ein Konsortium von Finanzinvestoren verkaufen konnte. Ohne diesen einmaligen Sondereffekt fällt die Bilanz des übrigen Geschäfts desaströs aus: Zusammen summieren sich die Verluste auf 5,5 Milliarden Euro.

Es ist der größte Verlust, den Thyssen-Krupp in seiner Geschichte zu verzeichnen hat. Doch er markiert auch den Übergang zu einer Phase der finanziellen Solidität.

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    Denn der Großteil der Einbußen ist auf Wertberichtigungen zurückzuführen, die der Konzern aufgrund des schlechten Abschneidens insbesondere der Stahlsparte und des Autozulieferergeschäfts in der Coronakrise vornehmen musste.

    Stahlgeschäft mit 2,7 Milliarden Euro Verlust

    Die Anfang des Jahres begonnene Restrukturierung ist die letzte Chance, die dem Konzern für den Turnaround bleibt. Denn aus eigener Kraft können die Sparten sich nicht sanieren. Mit Ausnahme des Marineschiffbaus (13 Millionen Euro Betriebsgewinn) schlossen alle Bereiche das Jahr mit einem operativen Verlust vor Zinsen und Steuern ab. Allein im Stahlgeschäft gingen so 2,7 Milliarden Euro verloren.

    Um sich von dem kapitalintensiven und stark zyklischen Geschäft unabhängiger zu machen, sucht der Konzern derzeit nach einem Fusionspartner, wobei auch eine komplette Veräußerung zur Debatte steht. Als einziger Interessent hat sich bislang öffentlich der britische Stahlhersteller Liberty gemeldet, der allerdings auf Widerstand in der Gewerkschaft stößt.

    So sagte Stahl-Betriebsratschef Tekin Nasikkol kürzlich dem Handelsblatt, es gebe Unklarheiten bei der Finanzierung. „Das Geld für den Kauf aufzutreiben, ist die eine Sache – unsere Standorte weiterzubetreiben und zu entwickeln, ist die wesentlich wichtigere für uns.“

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    Dabei wird ein Zusammenschluss mit Tata oder SSAB, die ebenfalls Interesse geäußert hatten, immer unwahrscheinlicher: Anfang der Woche hatten beide Unternehmen erklärt, derzeit miteinander über einen Kauf des Tata-Stahlwerks in den Niederlanden zu verhandeln. Wie es in Branchenkreisen hieß, scheidet Tata damit als potenzieller Käufer für die Stahlsparte von Thyssen-Krupp aus. Dadurch engt sich der Spielraum der Möglichkeiten für Merz immer weiter ein.

    Offen ließ der Vorstand, wie er mit den Pensionsverpflichtungen in Höhe von vier Milliarden Euro umgehen will, die das Stahlgeschäft belasten. So hatte Merz ursprünglich in Aussicht gestellt, die Pensionen mit den Einnahmen aus dem Verkauf der Aufzugsparte auszulösen.

    Dieser Plan liegt seit der Coronakrise auf Eis – dabei dürfte die Höhe der Pensionsverpflichtungen einen erheblichen Einfluss auf die Attraktivität des Deals für Interessenten haben.

    Auch Staatshilfen sind eine Option

    Im Frühjahr 2021 soll eine Entscheidung fallen, wie es mit dem kriselnden Geschäft weitergeht. Auch Staatshilfen sind eine Option. Dabei gab Finanzvorstand Klaus Keysberg zu bedenken, dass Staatshilfen nicht immer eine Beteiligung nach sich zögen. „Wir sind hier mit der Bundes- und der Landesregierung im Gespräch.“

    Viel Geld verlor der Ruhrkonzern zudem im Segment „Multi Tracks“ (minus 593 Millionen Euro), in dem die zur Disposition stehenden Geschäftsfelder seit Anfang des nun laufenden Berichtsjahrs gesondert geführt werden. Dazu zählen Teilbereiche wie der automobile Anlagenbau, aber auch der Zementanlagenbau, der Edelstahlhersteller AST, die Antriebssparte Powertrain Solutions sowie die Grobblechfertigung in Duisburg, die mangels eines Kaufinteressenten wohl im kommenden Jahr geschlossen wird.

    Doch gehe es im Segment „Multi Tracks“ nicht immer um Verkäufe, gab Vorstandschefin Merz zu bedenken. „Künftig wird Multi Tracks für seine Einheiten verstärkt auch solche Geschäfts-, Finanzierungs- und Zusammenarbeitsmodelle anstreben, die auf Partnerschaften, Allianzen oder Co-Investoren ausgerichtet sind.“

    Das gilt beispielsweise auch für den Chemieanlagenbau, den Thyssen-Krupp zuletzt als strategisches Wachstumsfeld definiert hatte. Dabei setzt der Konzern seine Hoffnung insbesondere in die Produktion von Elektrolyseanlagen, die zur Herstellung von grünem Wasserstoff benötigt werden. Hier habe Thyssen-Krupp derzeit eine einmalige Marktposition, sagte Merz. Allerdings seien noch hohe Investitionen nötig, „bevor in dem Markt so richtig die Post abgeht“. Hier sucht der Konzern nach Partnern, um das Geschäft zu entwickeln.

    „Es tut weh, das anzusehen, denn es müsste so nicht sein“

    Trotz der hohen Erlöse aus dem Verkauf der Aufzugsparte will Merz das bereits im vergangenen Jahr aufgelegte Sparprogramm drastisch verschärfen. Zum bereits avisierten Abbau von 6000 Stellen sollen nach jetziger Planung weitere 5000 Stellen dazukommen. Auf betriebsbedingte Kündigungen werde nach Möglichkeit verzichtet, erklärte Personalvorstand Oliver Burkhard. Allerdings äußerte er Zweifel, ob das angesichts des Mittelabflusses möglich sein wird.

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    Als größte Baustellen nannte Burkhard einerseits die Geschäfte im Segment Multi Tracks, aber auch die Stahlsparte und den Werkstoffhandel, der in Zukunft das Kerngeschäft von Thyssen-Krupp darstellt. Bereichsübergreifend konnte der Konzern bislang 3600 Stellen abbauen, der Abbau der übrigen 7400 Stellen soll in den kommenden drei Jahren erfolgen. Eine Einigung mit den Arbeitnehmervertretern steht allerdings noch aus.

    An der Börse wurden die Pläne des Vorstands mit Ernüchterung aufgenommen. Zeitweise stand die Aktie des ehemaligen Dax-Konzerns um mehr als acht Prozent im Minus. Analysten wie Christian Obst von der Baader Bank bezeichneten das Geschäftsjahr als „desaströs“ – auch wenn die Ergebnisse und Prognosen im Rahmen der Erwartungen gelegen hatten.

    Der schwedische Investor Cevian, der rund 18 Prozent der Anteile an Thyssen-Krupp hält, forderte nach Vorlage der Jahreszahlen eine weitere Verschärfung des Abbauprogramms. „Die Aufzugsparte wurde verkauft, um die Sanierung der anderen Geschäfte zu finanzieren“, sagte Cevian-Partnerin Friederike Helfer, die auch im Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp sitzt.

    Bislang sei noch nicht genug passiert. Der finanzielle Spielraum schmelze, während Wettbewerber in der Coronakrise massiv durchgegriffen hätten und dem Konzern nun davonziehen würden. „Es tut weh, das anzusehen, denn es müsste so nicht sein“, sagte Helfer. Dennoch sprach sie dem Vorstand volle Unterstützung aus.

    Arbeitnehmervertreter äußerten sich hingegen ablehnend zum geplanten Stellenabbau. So erklärte Vize-Aufsichtsratschef Jürgen Kerner, der zugleich Hauptkassierer der IG Metall ist, die jetzt bekanntgegebenen Pläne seien nicht mit der Arbeitnehmerseite vereinbart.

    „Konzernweite Abbauprogramme lehnen wir ab“, so der Gewerkschafter. „Vielmehr brauchen wir auf Ebene der Geschäfte Lösungsoptionen, die Investitionen in die Zukunft, nachhaltige Wirtschaftlichkeit, dezentrale Verantwortung und sichere Arbeitsplätze wieder ermöglichen.“ Kostenreduzierungen, die sich auf Personalabbau und Mitarbeiterbeiträge konzentrierten, seien kontraproduktiv.

    Im Mai will der Vorstand seine Umbaupläne weiter konkretisieren. Bis dahin dürfte der Konzern zunächst einmal weiteres Geld verlieren. Für das Geschäftsjahr 2020/21 rechnet Thyssen-Krupp mit einem dreistelligen Millionenverlust beim bereinigten Ergebnis. Der freie Kapitalfluss vor Verkäufen und Übernahmen soll sich von minus 5,5 Milliarden Euro auf immerhin minus 1,5 Milliarden Euro verbessern. Darin enthalten sind erneute Restrukturierungskosten in dreistelliger Millionenhöhe.

    Mehr: Thyssen-Krupp muss Milliarden auf Stahlsparte abschreiben.

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