Maschinenbau: Deutz-Führung zerstreitet sich über Frauenquote
Der Deutz-Aufsichtsratschef lässt Fingerspitzengefühl vermissen.
Foto: Bernd BohrStuttgart. Bernd Bohr ist ein in der Branche hoch anerkannter Autoingenieur: klar, zielstrebig, kenntnisreich. Bis vor zehn Jahren führte er das Autogeschäft von Bosch. Seit er den weltgrößten Automobilzulieferer verließ, ist er als Berater tätig. Als Aufsichtsratschef der Deutz AG scheint er aber weniger Fingerspitzengefühl zu haben.
Der Streit um die Berufung einer Frau in den Vorstand könnte Bohr jetzt den Posten des Chefaufsehers kosten. Das „Manager Magazin“ mutmaßt, dass Bohr seinen Rücktritt anbieten werde. „Wir werden eine gesetzeskonforme Lösung im Sinne von Deutz finden“, lässt Bohr, 65, dem Handelsblatt ausrichten. Was genau er damit meint, bleibt vorerst offen.
Aber es könnte auch anders kommen. „Der Druck auf Vorstandschef Frank Hiller ist enorm“, sagt ein Insider dem Handelsblatt. „Es wird versucht, Hiller hinauszudrängen.“ Eine Entscheidung soll in den nächsten Tagen fallen.
Das Unternehmen wollte sich nicht zum Thema äußern. Ein Sprecher räumte aber ein, dass derzeit viele Gespräche zum Thema Zweites Führungspositionen-Gesetz im Haus geführt würden. Das sogenannte FüPoG II schreibt börsennotierten Unternehmen wie Deutz vor, dass mindestens einer der vier Vorstandsposten von einer Frau besetzt werden muss. Bohr hat das eigentlich ohne Not versäumt.
Sein vielleicht größter Fehler liegt etwas mehr als ein Jahr zurück. Da berief der traditionsreiche Motorenbauer Sebastian C. Schulte, 43, zum neuen Finanzvorstand. Zwar ist der gesamte Aufsichtsrat für die Ernennung zuständig, aber Bohr als Chefaufseher kommt die Hauptverantwortung zu.
An Schultes Qualifizierung gibt es keine Zweifel. Aber hier hat vor allem Bohr offenbar die Chance vertan, eine Frau für den Posten zu finden – geeignete Betriebswirtinnen gibt es in Deutschland genug.
Auch bei der zweiten Neubesetzung des Entwicklungsvorstands kurz danach wurde mit Marcus Müller ein Mann gewählt. Hier wäre es sicher ungleich schwerer gewesen, eine geeignete Spezialistin für Großmotoren zu finden. So oder so: Bohr versucht seit Wochen, aus dem selbst angerichteten Schlamassel herauszukommen.
Deutz-Aktienkurs schwächelt seit Längerem
Eine der Überlegungen war es nach Handelsblatt-Informationen sogar, Vertriebschef Michael Wellenzohn zu gleichen Konditionen in den Stand eines Generalbevollmächtigten zu versetzen und dafür eine Frau in den Vorstand zu berufen. Das fanden offensichtlich Wellenzohn und auch Vorstandschef Frank Hiller abwegig und protestierten bei ihrem Aufsichtsrat vehement. Der Streit eskalierte.
Die salomonische Lösung, einfach einen zusätzlichen Vorstandsposten für eine Frau zu schaffen, würden die Aktionäre bei einem Unternehmen mit 1,8 Milliarden Euro kaum nachvollziehen können. Der Aktienkurs ist in den letzten sechs Monaten ohnehin schon um ein Fünftel eingebrochen.
Die Arbeitnehmerseite hält sich inzwischen bedeckt. Selbst die Gewerkschaft will kein weiteres Öl ins Feuer gießen. Denn der Schaden für das Unternehmen ist bereits immens. Bohr ist es zumindest nicht gelungen zu deeskalieren.
Und auch Vorstandschef Hiller ist nicht der Typ, der klein beigibt. In der Regel sitzt ein Vorstandschef in solchen Auseinandersetzungen am kürzeren Hebel. Aber eine Trennung von Hiller und möglicherweise auch noch vom Vertriebschef käme Deutz teuer zu stehen. Abfindungen dürfen eigentlich nur für zwei Jahre gezahlt werden. Hiller kann die Einhaltung seines Vertrags aber wohl mit guten Chancen auf Erfolg einklagen.
Der Vorstandschef wehrt sich gegen den Chefaufseher.
Foto: picture alliance/dpaAktionäre und Investoren überlegen bereits, ob sie bei hohen Abfindungen dann Bohr in Regress nehmen wollen. Ardan Livvey (AL) mit Sitz in Amsterdam, mit fünf Prozent Aktienanteil größter Einzelaktionär, hat sich im vergangenen Jahr zwar kritisch über das Management geäußert, aber bislang nicht auf die Anfrage zum aktuellen Fall reagiert.
Schon einmal hat Bohr sich von einem Aufsichtsratsposten schnell zurückgezogen. Das war bei Knorr Bremse. Damals wurde die Trennung noch dem inzwischen verstorbenen Patriarchen Heinz Hermann Thiele zugeschrieben.