Technologiekonzern: Siemens soll schlanker werden - Investoren fordern Umbau
München. Investoren von Siemens fordern trotz Rekordergebnissen einen weiteren Umbau. „Der Konzern muss weiter entflochten werden“, sagte Ingo Speich von Deka Investment am Donnerstag auf der Hauptversammlung. Die Komplexität des Technologiekonzerns sei immer noch hoch. „Im Fokus des Kapitalmarkts stehen schlanke und fokussierte Geschäftsmodelle.“
Der Traditionskonzern hatte die margenschwache Energietechnik abgespalten, um sich stärker auf die Digitalgeschäfte konzentrieren zu können. Bei dem Aktionärstreffen forderten Fondsmanager eine weitere Fokussierung – und stellten dabei die Beteiligung am Medizintechnikhersteller Healthineers und die Zukunft der Zugsparte Mobility infrage.
Vorstandschef Roland Busch verwies auf Synergien zwischen den Geschäftsbereichen. „Wir sind in der Lage, Technologie auf breiter Basis zu skalieren“, sagte der Manager. Die Bahntechnik wie auch Healthineers würden gut in die Strategie passen, die reale und die digitale Welt zu verbinden. Siemens habe in seiner heutigen Aufstellung „drei starke Rekordjahre abgeliefert“.
Auch zum Start ins neue Geschäftsjahr konnte der Konzern Umsatz und Gewinn weiter steigern, auch wenn sich das Wachstum im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahrs im schwierigen wirtschaftlichen Umfeld weiter abschwächte. Dies hatte sich bereits im Bilanzcheck des Handelsblatts abgezeichnet.
Der Aktienkurs sank am Donnerstag zwar zunächst, machte seine Verluste aber im Handelsverlauf wieder wett und lag am Mittag rund 1,5 Prozent im Plus bei 170 Euro.
Insgesamt herrschte rund um die Hauptversammlung mit Blick auf Rekordzahlen des abgelaufenen Geschäftsjahrs gute Stimmung. Der Nettogewinn verdoppelte sich 2022/23 nahezu auf erstmals 8,5 Milliarden Euro. Die Dividende wurde von 4,25 auf 4,70 Euro angehoben.
Doch den Investoren ist das nicht genug – auch weil sich die Aktien der Konkurrenten in den vergangenen Jahren teils besser entwickelt haben. Sie fordern eine noch stärkere Konzentration auf die Digitalgeschäfte.
Healthineers-Beteiligung im Fokus
Siemens dürfe nicht auf halbem Weg stehen bleiben, sagte Fondsmanagerin Vera Diehl von Union Investment. Ziel müsse ein „fokussierter Technologiekonzern ohne Konglomeratsabschlag“ sein. Die guten Margen von Digital Industries und Smart Infrastructure dürften nicht durch die anderen Sparten verwässert werden.
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Konkret forderte Speich von der Deka, die Beteiligung an den Siemens Healthineers „auf etwas über 50 Prozent“ zu verringern. Aktuell hält der Mutterkonzern 75 Prozent. Die Aktien könnten als Dividende an die Anteilseigner gegeben werden, sagte Speich.
Auch Healthineers würden von einem höheren Streubesitz profitieren. Andere Investoren wie Union Investment können sich auch eine vollständige Trennung von der Medizintechnik vorstellen.
Zudem stellen Investoren die Zukunft der Mobility-Sparte im Konzern infrage. DWS-Fondsmanagerin Sabrina Reeh sagte: „Auch das bereits vollständig eigenständige Zuggeschäft sollte auf dem Prüfstand stehen, da es aus unserer Sicht nicht zu einem Technologiekonzern passt.“
Allerdings zeigte sich im ersten Quartal, wie die Zugsparte mit ihren langen Geschäftszyklen stabilisierend auf die Bilanz wirkt. Der Bereich verdoppelte den Auftragseingang nahezu auf 5,6 Milliarden Euro. Ohne diesen Effekt wären die neuen Bestellungen im Gesamtkonzern gesunken.
So soll die Bewertung an der Börse steigen
Doch Investoren bezweifeln die Synergien mit den anderen Geschäften und hoffen auf eine höhere Bewertung an der Börse bei einer stärkeren Fokussierung. Ihr sei bewusst, dass der Vorstand „die nüchterne Kapitalmarktlogik mit den Vorstellungen und den Erwartungen der Öffentlichkeit, der Mitarbeiter und den Kunden in Einklang“ bringen müsse, räumte Fondsmanagerin Reeh ein.
„Trotzdem sind wir davon überzeugt, dass die weitere Fokussierung allen Geschäftsbereichen zugutekommt“, sagte sie. Siemens könne auch mit nur zwei Konzernbereichen „ein globaler, sehr relevanter Industriespieler“ bleiben.
Unmittelbar vor Beginn der Hauptversammlung hatte Busch neue Zahlen vorgelegt. Er sprach von einem „starken Quartal“ und bestätigte die Jahresprognose. „Unsere Kunden haben vollstes Vertrauen in uns als Technologiepartner für ihre digitale und nachhaltige Transformation.“
Allerdings schwächte sich das Wachstum ab. Die Umsätze legten von Oktober bis Dezember auf vergleichbarer Basis noch um sechs Prozent auf 18,4 Milliarden Euro zu. Im gesamten Geschäftsjahr 2022/23 waren die Erlöse allerdings noch um elf Prozent gewachsen.
Der Auftragseingang stieg im ersten Quartal nur noch um zwei Prozent auf 22,3 Milliarden Euro. Wegen der weiteren Verringerung der Beteiligung an Siemens Energy verbesserte sich der Nettogewinn um mehr als die Hälfte auf 2,5 Milliarden Euro.
Die Vorzeigesparte schwächelt
Ein Geschäftsfeld bekommt das schwierige Umfeld derzeit besonders stark zu spüren: die Vorzeigesparte Digitale Industrien. Hier sank der Auftragseingang im ersten Quartal um fast ein Drittel auf knapp vier Milliarden Euro. Die Umsätze gingen leicht auf 4,6 Milliarden Euro zurück. Die operative Marge verschlechterte sich von 23,3 auf 19,6 Prozent.
Auch der Konkurrent Rockwell Automation, auf den die Münchener genau schauen, wächst langsamer. Von Oktober bis Dezember stiegen die Erlöse des Automatisierungsspezialisten auf vergleichbarer Basis nur noch um ein Prozent auf gut zwei Milliarden Dollar. Der operative Gewinn sank um elf Prozent auf 356 Millionen Dollar. Das entsprach nur noch einer Marge von 17,3 Prozent.
Beim Schweizer Rivalen ABB legten die Umsätze im Schlussquartal 2023 noch um vergleichbar sechs Prozent auf 8,2 Milliarden Dollar zu. Der Auftragseingang stagnierte allerdings bei 7,6 Milliarden Dollar und lag damit unter dem Umsatz. Die operative Marge konnte auf 16,3 Prozent zulegen.
In den kommenden Jahren werden die Herausforderungen für Siemens groß bleiben. „Der Markt ist trotz aller Erfolge im Digitalgeschäft stark umkämpft“, sagt Harald Smolak, Partner der Managementberatung Atreus, der früher selbst im Siemens-Management tätig war. Busch habe die Transformation in den vergangenen Jahren sehr gut vorangetrieben. „Er hat das Konzernportfolio für die globalen Märkte attraktiv gemacht, es zukunftsgewandt ausgerichtet und er treibt die Digitalisierung konsequent voran.“
Siemens müsse aber noch besser werden, um dauerhaft mit der Geschwindigkeit von globalen Playern wie Tencent und Microsoft mithalten zu können. Aktuell sei Künstliche Intelligenz (KI) der Treiber der Innovation. „Hier hat man von Siemens noch wenig gehört“, sagt Smolak.
Busch hielt auf der Hauptversammlung dagegen. Siemens bringe KI „im großen Stil in Fabriken, Kraftwerke, Stromnetze, Krankenhäuser, Züge“. Siemens verbinde die reale mit der digitalen Welt. „Mit KI gelingt uns das künftig noch besser.“ Der Konzern hatte unter anderem mit Microsoft und Amazon KI-Partnerschaften verkündet.
Bei Siemens stehen in diesem Jahr wichtige personelle Weichenstellungen an. Bis zum Sommer soll der Vertrag von Vorstandschef Busch nach Informationen des Handelsblatts aus Aufsichtsratskreisen verlängert werden. Auch Chefkontrolleur Snabe, der die Hauptversammlung wegen einer Beinverletzung verpasste, will noch einmal für eine weitere Amtszeit antreten, wenn bis zum Sommer kein geeigneter Nachfolgekandidat gefunden ist.
Erstpublikation: 08.02.2024, 07:00 Uhr