Jahresbilanz: Siemens erhöht Dividende nach Rekordgewinn
Siemens-Chef Roland Busch lockt Aktionäre mit einer höheren Dividende.
Foto: APMünchen. Viel größer könnten die Unterschiede nicht sein: Während Siemens Energy tief in der Krise steckt, erzielt die verbliebene Siemens AG mit ihren Digitalgeschäften im abgelaufenen Geschäftsjahr Umsatz- und Gewinnrekorde. „Unsere Strategie zahlt sich aus, und wir beschleunigen weiterhin die digitale und nachhaltige Transformation unserer Kunden“, sagte Siemens-CEO Roland Busch am Donnerstag bei Vorlage der Bilanz.
Im Geschäftsjahr 2022/23 (30. September) steigerte Siemens den Umsatz währungsbereinigt um elf Prozent auf 77,8 Milliarden Euro. Damit hat der Konzern fast schon wieder das Niveau erreicht, das man vor der Abspaltung einschließlich der Energietechnik hatte. Der Gewinn nach Steuern verdoppelte sich nahezu auf den Rekordwert von 8,5 Milliarden Euro. Die Dividende wird von 4,25 auf 4,70 Euro je Aktie erhöht.
Siemens Energy hat einen Rekordverlust erzielt
Siemens Energy, an dem die Ex-Mutter noch 25 Prozent hält, hatte am Mittwoch vor allem wegen der Probleme im Geschäft mit der Windkraft von einem Rekordverlust von 4,6 Milliarden Euro berichtet. Das Unternehmen muss mit staatlichen Garantien gestützt werden.
Auch Siemens beteiligt sich auf Druck der Bundesregierung an der Stützungsaktion. Die Ex-Mutter kauft Siemens Energy ein Aktienpaket an einem gemeinsamen Unternehmen in Indien für gut zwei Milliarden Euro ab. Zudem werden unter anderem Markenrechtszahlungen von Siemens Energy an Siemens gestundet, damit sie als Pfand dienen können.
Das Verhältnis zwischen den beiden Unternehmen gilt als angespannt. Siemens wollte die Beteiligung an Energy eigentlich weiter reduzieren. Doch die Schwierigkeiten der einstigen Tochter durchkreuzten diese Pläne. Siemens-Energy-Chef Christian Bruch versuchte aber, dem Eindruck von Spannungen entgegenzuwirken. Er dankte Busch bei der Bilanzvorlage ausdrücklich, dieser habe „die Diskussionen sehr konstruktiv begleitet“.
Laut Aufsichtsratskreisen gab es immer wieder direkten Kontakt zwischen den Konzernchefs Bruch und Busch. Für den Siemens-Energy-Chef Bruch ist das Verhältnis auch aus Eigeninteresse wichtig, schließlich entscheidet Siemens als Großaktionär im Aufsichtsrat mit über sein weiteres Schicksal. Derzeit gehen Aufsichtsratskreise davon aus, dass Bruch erst einmal weitermachen kann.
So soll es im laufenden Geschäftsjahr weitergehen
Der Siemens-Konzern hat operativ derzeit nur wenig Sorgen. Alle Geschäftsbereiche konnten 2022/23 ihre Erlöse steigern. Allein in der Medizintechnik, die das Ende des Coronatestbooms zu spüren bekam, ist die Marge geschrumpft.
Insgesamt aber ist Siemens auch für das laufende Geschäftsjahr optimistisch gestimmt. Das Wachstum könnte sich angesichts des schwierigen Umfelds auf vier bis acht Prozent etwas abschwächen. Das liegt auch daran, dass die Kunden angesichts der Lieferkettenunterbrechungen zeitweise Aufträge vorgezogen hatten. Der Gewinn soll leicht überproportional steigen.
Investoren sind mit der operativen Entwicklung insgesamt zufrieden. Das gilt aber nicht für den Aktienkurs. Verglichen mit Wettbewerbern wie ABB und Schneider Electric sei Siemens an der Börse ein „Underperformer in allen Kategorien“, sagte Vera Diehl, Fondsmanagerin bei Union Investment. Nach Vorlage der Jahreszahlen stieg der Kurs im Vormittagshandel um fünf Prozent auf 146 Euro. Der Ausblick sei ermutigend, urteilten die Analysten der Deutschen Bank.
Das sind die Herausforderungen für Siemens
Vor allem in der Vorzeigesparte Digitale Industrien, die sensibel auf Schwankungen reagiert, macht sich die abgekühlte Konjunktur bemerkbar. Der Umsatz stieg hier zwar noch um 15 Prozent bei einer operativen Rekordmarge von 22,6 Prozent. Doch der Auftragseingang ging deutlich um 17 Prozent auf 20,6 Milliarden Euro zurück. Busch geht davon aus, dass die Aufträge im Automatisierungsgeschäft in den vergangenen Monaten die Talsohle erreicht haben.
Zum Vergleich: Der US-Konkurrent Rockwell Automation, auf den man in München sehr genau schaut, konnte die Umsätze 2022/23 (30. September) währungsbereinigt um 17 Prozent auf gut neun Milliarden Dollar steigern. Die operative Marge lag bei 21,3 Prozent. Auch Rockwell ist beim Ausblick vorsichtiger geworden. Im laufenden Geschäftsjahr erwarten die Amerikaner ein Umsatzwachstum von bis zu vier Prozent.
Siemens ist für das laufende Geschäftsjahr optimistisch.
Foto: dpaStrategischen Handlungsbedarf gibt es in der Medizintechnik. Hier schwächelt weiter vor allem die Labordiagnostik, die sich Siemens teuer zusammengekauft hatte. Eine Erfolgsgeschichte wurde es bislang nicht, auch der Hochlauf der ersten eigenen Diagnostik-Plattform Atellica verlief nicht reibungslos.
Da es wenig Synergien mit den anderen Sparten gibt – die Kunden sind Laborbetreiber, nicht Krankenhäuser, und das Geschäftsmodell ist ein anderes –, kommen immer wieder Spekulationen auf, dass sich Siemens von der Diagnostik trennen könnte. „Wir spekulieren nicht darüber, über welche Sachen wir in drei Jahren nachdenken“, sagte Healthineers-CEO Bernd Montag kürzlich. Zunächst einmal wolle man das Geschäft weiter auf Vordermann bringen. Die Spekulationen dürfte er mit dieser Ansage nicht beendet haben.
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Die Bahnsparte hat mit gut acht Prozent zwar die niedrigste Margen aller Geschäftsbereiche von Siemens, erfüllt aber laut Busch weiterhin alle Voraussetzungen, um Kerngeschäft zu sein. Der Markt wachse nachhaltig, der Bereich sei im Vergleich mit der Konkurrenz technologisch vorn und es gebe Synergien mit den übrigen Siemens-Geschäften.
Und schließlich muss Siemens erfolgreich seine Investitionsoffensive stemmen und hoffen, dass man nicht in einen Abschwung hineininvestiert. Busch hat angekündigt, zwei Milliarden Euro zusätzlich in neue Werke zu investieren. Geplant sind unter anderem neue Werke in Singapur und den USA.
Doch die Hälfte der Summe wird trotz der Diskussionen um eine mögliche Deindustrialisierung in Deutschland investiert. „Die energieintensiven Geschäfte in Deutschland stehen unter Druck“, räumte Busch ein. An manchen Bereichen werde man womöglich nicht festhalten können. Doch Deutschland habe „eine Riesenchance, wenn wir unsere Stärken weiter ausbauen“.