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Verkauf der Stahlsparte Liberty, Tata, SSAB oder der Staat: Das sind die vier Optionen für Thyssen-Krupp

Das Angebot von Liberty erhöht den Druck auf die übrigen Interessenten für die Stahlsparte von Thyssen-Krupp. Doch Tata und SSAB zögern.
22.10.2020 - 13:20 Uhr Kommentieren
Der Ruhrkonzern sucht einen Partner für sein wichtigstes Geschäft. Quelle: Bloomberg
Stahlwerk in Duisburg

Der Ruhrkonzern sucht einen Partner für sein wichtigstes Geschäft.

(Foto: Bloomberg)

Düsseldorf, Frankfurt Martin Lindqvist, der Chef des schwedischen Stahlherstellers SSAB, findet klare Worte – scheinbar: „Nein, wir sind an einem Bieterprozess nicht beteiligt“, sagte er an diesem Donnerstag bei der Vorlage der Quartalszahlen. Es klingt, als hätte der SSAB-Chef einer Übernahme der Thyssen-Krupp-Stahlsparte gerade eine Absage erteilt.

Doch nur weil sein Konzern keine offizielle Offerte für den größten Stahlkocher Deutschlands abgegeben hat, heißt das noch nicht, dass hinter den Kulissen nicht intensiv verhandelt wird, wie mehrere Quellen dem Handelsblatt berichteten.

Die Schweden sind finanzstark und als integrierter Stahlhersteller, der vom Rohstoff bis zum Endprodukt die ganze Bandbreite abdeckt, bestens positioniert. Entsprechend zufriedenstellend fiel auch das Zahlenwerk aus, das Lindqvist vorlegte: Dank umfangreicher Sparmaßnahmen fällt der Verlust im dritten Quartal mit gut 90 Millionen Euro deutlich milder aus als bei vielen Konkurrenten.

Dennoch hat SSAB langfristig ein Problem, das sich durch eine Fusion mit Thyssen-Krupp Steel lösen ließe: Der schwedische Konzern ist ein Nischenspieler, dem der Zugang zum industriellen Herz Europas fehlt.

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    Interesse habe SSAB daher vor allem am Zugang zu den Kunden von Thyssen-Krupp, heißt es in Branchenkreisen. Dies sei auch der Grund, warum seit Monaten auf oberster Ebene Gespräche zwischen SSAB und dem Ruhrkonzern liefen, hieß es weiter. Thyssen-Krupp beliefert nahezu alle Hersteller von Automobilen, die ihren Sitz in Deutschland haben.

    Das Geschäft ist damit eine sichere Bank – wenn es denn gut aufgestellt ist.

    Die Skandinavier sind nicht die Einzigen, die Interesse an Thyssen-Krupp Steel haben: Die in Großbritannien beheimatete Liberty-Gruppe hat Ende vergangener Woche ein Angebot in Essen platziert. Zudem hofft Thyssen-Krupp-Chefin Martina Merz auf ein Angebot von Tata Steel, mit der die Stahlsparte ihrer Firma schon einmal fusioniert werden sollte.

    So hatte Thyssen-Krupp im Mai vergangenen Jahres seine bereits vereinbarte Fusion mit Tata platzen lassen. Auf Druck der Gewerkschaften war der Konzern damals nicht bereit gewesen, die Forderung der EU-Kommission zu erfüllen und die Tochter Rasselstein zu verkaufen.

    Martina Merz will nur noch raus

    Thyssen-Krupp steht unter Zugzwang, da der Konzern das Geschäft nicht aus eigener Kraft finanzieren kann oder will. In den vergangenen Jahren hatte die Sparte mit ihren Schwankungen oftmals die Bilanz des Konglomerats belastet. Mit der Rückendeckung der Krupp-Stiftung und des Finanzinvestors Cevian als Großaktionäre will Merz nun nur noch raus aus dem Geschäft.

    Denn wenn die Vorstandschefin in wenigen Wochen die Jahreszahlen vorlegt, wird das für die Aktionäre ein trauriger Tag. Ein großer Teil der 17 Milliarden Euro, die der Essener Konzern im Juli mit dem Verkauf seiner profitablen Aufzugsparte eingenommen hat, wird dann verschwunden sein.

    Dafür mitverantwortlich ist auch die Krise in der Stahlsparte – dem größten Geschäft, das nach dem Abgang von Elevator übrig bleibt. Mindestens eine Milliarde Euro wird die Sparte in diesem Jahr wohl verlieren. Für das kommende Jahr rechnen Konzerninsider nicht mit einer Erholung – im Gegenteil: Der Kapitalhunger der Sparte wird sogar noch größer werden, schließlich muss der Stahl zukünftig klimaneutral produziert werden.

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    Für die Umstellung sind allein im Fall von Thyssen-Krupp bis 2050 zehn Milliarden Euro nötig. Diese absehbare Last ist ein Grund, warum SSAB-Chef Lindqvist zurückhaltend ist. Mit den Skandinaviern würde zunächst darüber gesprochen, wie eine fusionierte Stahlfirma aussehen könnte. Erst wenn dieses industrielle Konzept stehe, dürfte SSAB sein Angebot platzieren, hieß es in den Kreisen.

    Liberty-Chef Sanjeev Gupta hat die Konkurrenz mit seiner Kaufofferte nun unter Druck gesetzt. Auch wenn Vertreter der Gewerkschaft IG Metall zunächst Front gegen die Briten machten, so sind die Konzernoberen froh über das Vorpreschen Guptas. „Wer immer am Bieterprozess teilnehmen will, muss nun die Karten auf den Tisch legen“, hieß es in Kreisen von Thyssen-Krupp.

    Das dürfte vor allem für Tata gelten. Die indische Muttergesellschaft ist sehr zurückhaltend, da schon einmal eine Fusion mit den Deutschen gescheitert war. „Das Vertrauen ist dahin und muss nun erst aufgebaut werden“, hieß es in den Reihen von Tata Steel. Es geht aber um mehr: Tata ist ein gespaltener Konzern. Während der Konzern in Indien Erfolg hat, verbucht er in Europa Verluste.

    Die Leitung habe noch keine Entscheidung darüber gefällt, wie in Europa weiter zu verfahren sei. Vor einer Komplettübernahme, wie sie Liberty anbiete, schreckt Tata zurück. Für den Fall müsste das Geschäft neu bewertet werden, und es müssten wohl erhebliche Abschreibungen vorgenommen werden, sagte ein mit den Vorgängen vertrauter Manager.

    Hinzu kommen die Bedenken der EU-Kartellwächter, die eine Fusion schon einmal untersagten, weil Thyssen-Krupp an der Untergesellschaft Rasselstein festhalten wollte. „Erste Bedingung ist nun, dass Rasselstein abgegeben werden muss“, sagte der Manager. Denkbar wäre ein Verkauf oder ein Börsengang. Rasselstein hat eine für ein Stahlunternehmen überdurchschnittliche Rendite – selbst in Krisenzeiten schreibt die Firma solide Gewinne.

    Gewerkschaft fordert Staatsbeteiligung

    Für die Gewerkschaft IG Metall ist eine Abspaltung ausgeschlossen, zumindest bislang. Es dürfte aber ein Umdenken einsetzen, da der deutsche Hersteller Salzgitter mehrfach einer Fusion eine Absage erteilt hatte. Die IG Metall dringt nun auf einen Staatseinstieg, um einen Ausverkauf von Thyssen-Krupp Steel zu verhindern.

    Allerdings hat weder das Land Nordrhein-Westfalen noch die Bundesregierung ein großes Interesse daran. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (beide CDU) wollen dem Konzern zwar helfen, allerdings müssen beide auf den Wirtschaftsflügel ihrer Partei Rücksicht nehmen. Der hat sich klar gegen eine staatliche Beteiligung an Stahlfirmen ausgesprochen.

    Thyssen-Krupp-Chefin Merz muss nun wohl eigenständig eine Lösung suchen. Auch wenn sich mit Liberty der „Optionsraum“ vergrößert habe, so gestalte sich der Prozess doch schwierig, hieß es in Konzernkreisen. Auf der Aufsichtsratssitzung im November werde über den Stand der Gespräche berichtet, hieß es. Im ersten Quartal kommenden Jahres könnte dann eine Vorauswahl getroffen werden, mit wem final verhandelt werde. „Das können dann ein oder zwei Bieter sein“, hieß es.

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    Gegenüber Tata und SSAB ist Liberty-Chef Gupta in einem Punkt im Vorteil: Er hat bereits ein industrielles Konzept für eine gemeinsame Unternehmung entwickelt, wie es hieß. Dies gelte es nun mit den Vertretern von Management, IG Metall und Politik zu diskutieren.

    Würde Gupta den Erhalt von Jobs und Standorten sowie zusätzliche Investitionen glaubhaft zusichern, dann wäre er im Vorteil. Vor allem die IG Metall sorgt sich um die Hochöfen. Sollte die Rohstahlproduktion hierzulande wegfallen, dann drohe letztlich eine Verlagerung der Standorte ins Ausland, sagte ein Gewerkschaftsvertreter.

    Die Sorge darüber ist nicht unbegründet. Denn angesichts der Herkunft der drei Interessenten ist absehbar, dass das Herz der deutschen Stahlindustrie in ausländische Hände kommt.

    Mehr: Bei einer Kundgebung der IG Metall erklären Stahlarbeiter, warum der Steuerzahler bei Thyssen-Krupp einspringen soll

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