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Volkswagen VW nimmt Abschied vom Erdgas

Volkswagen gibt die Entwicklung neuer Erdgasmodelle auf. Aktuell verkaufte Autos bekommen keine Nachfolger mehr. VW konzentriert sich auf Elektro.
02.03.2020 - 04:00 Uhr 4 Kommentare
Der Rückzug des VW-Konzerns aus der Erdgastechnik wird in den nächsten Jahren spürbar werden. Quelle: Volkswagen AG
Erdgas-Auto

Der Rückzug des VW-Konzerns aus der Erdgastechnik wird in den nächsten Jahren spürbar werden.

(Foto: Volkswagen AG)

Wolfsburg VW-Chef Herbert Diess ist ein Freund klarer Worte. Er ist aber vor allem auch ein Freund von Taten. Als er vor einigen Wochen vor seinen 120 wichtigsten Führungskräfte in Berlin auftrat, erklärte er nicht nur den Elektropionier Tesla zum größten Wettbewerber, gegen den es zu bestehen gelte. Fast in einem Nebensatz versteckt kündigte er bei der Gelegenheit auch den Abschied von gasbetriebenen Autos an.

Erdgasautos werden vor allem von der Kernmarke VW sowie den Konzerntöchtern Skoda und Seat verkauft. Die vergleichsweise sauberen Fahrzeuge galten lange Zeit als Mittel, um die Abgasziele der Behörden zu erreichen. Die Kunden allerdings haben die Technologie nie wirklich angenommen. Mit dem angekündigten Aus macht der Konzernchef von Volkswagen nun klar, wie ernst er es mit der Fokussierung auf die Elektromobilität meint.

Auch andere alternative Antriebsarten haben im VW-Konzern keine großen Zukunftschancen. Dazu gehören synthetische Kraftstoffe und der Wasserstoffantrieb mit der Brennstoffzelle. „Da gibt es nur einige kleinere Forschungs- und Vorentwicklungsaktivitäten bei Audi„, sagte VW-Entwicklungsvorstand Frank Welsch dem Handelsblatt. „Wenn wir die Mobilitätswende und die Umweltziele ernst nehmen, müssen wir uns auf den batterieelektrischen Antrieb konzentrieren. Alles andere ist Verschwendung der begrenzten regenerativen Energie.“

Wegen deutlich geringerer Wirkungsgrade ist es aus VW-Sicht nicht sinnvoll, mit Wasserstoff oder synthetischen Kraftstoffen die Kohlendioxidemissionen senken zu wollen. „Der Wirkungsgrad bei rein batteriegetriebenen Autos ist wesentlich größer“, sagte VW-Chefentwickler Welsch.

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    Mit 100 Kilowattstunden an regenerativer Energie komme ein Batterieauto rund 500 Kilometer weit, ein Brennstoffzellenfahrzeug 200 Kilometer, und ein Auto mit Synfuel-Einsatz schaffe 80 Kilometer. „Es wird deshalb auf absehbare Zeit keine Brennstoffzellenfahrzeuge von unseren Pkw-Marken in Serienfertigung geben“, lautet sein Fazit.

    Nur wenige Alternativen zugelassen

    Volkswagen will sich in den nächsten Jahren unwiderruflich auf den Elektroantrieb und die rein batteriegetriebenen Fahrzeuge konzentrieren. Konzernchef Diess hat das gesamte Unternehmen auf diesen Weg eingeschworen. Auf dem Topmanagement-Treffen im Januar in Berlin waren seine Vorgaben eindeutig.

    Die Brennstoffzelle und andere alternative Kraftstoffe betreibe Volkswagen auf Grundlevel, hatte Diess gesagt. Diese Antriebe seien während eines absehbaren Zeithorizonts von mindestens einem Jahrzehnt keine Alternative zu Pkw-Motoren. „Wir brauchen die volle Konzentration auf den Durchbruch der Elektromobilität.“ Volkswagen könne es sich nicht erlauben, sich bei seiner Fahrzeugentwicklung zu verzetteln. Der Konzern müsse seine finanziellen Möglichkeiten gezielt einsetzen. Und damit sind Alternativen bis auf Weiteres in Wolfsburg nicht zugelassen.

    Grafik

    Die Niedersachsen stehen wie BMW, Daimler und andere Autohersteller vor einer gewaltigen Aufgabe. Um ihre Autos sauberer zu machen und mit ihrer Umgebung zu vernetzen, muss jede der Firmen zweistellige Milliardenbeträge aufbringen. Das Geld verdienen sie mit konventionellen Fahrzeugen – diese sollen während der nächsten zehn Jahre durch E-Autos abgelöst werden.

    Alle Hersteller müssen sich daher fokussieren – VW ist da konsequenter, wie selbst Vertreter von Wettbewerbern einräumen. Treiber dürfte auch der Dieselskandal sein, der das Unternehmen rund 30 Milliarden Euro gekostet hat.
    So manchem Entwickler dürfte es dennoch nicht gefallen, was Diess in Berlin verkündet hatte: „Die Gasantriebe werden wir auslaufen lassen“, hatte der Vorstandsvorsitzende gesagt. Den wichtigsten Grund für diese Entscheidung lieferte Diess gleich mit. Die Erdgasfahrzeuge leisteten keinen hinreichenden Beitrag zum Klimaschutz. „Aufwand und Ertrag stehen nicht im Verhältnis.“

    Bemerkenswert sind die Worte vor allem, weil doch Thomas Sedran als Chef der Van-Sparte noch vor wenigen Tagen den Gasmotor als wichtigen Antrieb bezeichnet hat. Das neue Caddy-Modell in der fünften Generation werde es auf jeden Fall auch mit CNG („Compressed Natural Gas“) – also Erdgasantrieb – geben, sagte Sedran bei der Vorstellung des neuen Modells. Die Transportertochter von Volkswagen starte beim neuen Caddy zunächst mit Dieselmotoren, CNG komme später dazu.

    Aus VW-Sicht ist das nur ein scheinbarer Gegensatz: Sedran und Diess beziehen sich auf unterschiedliche Zeiträume. Der aktuelle Caddy bekommt den CNG-Antrieb noch, danach ist Schluss. Die Entwicklungsvorläufe in der Automobilindustrie sind vergleichsweise lang. Etwa fünf Jahre dauert es, bis aus ersten Designskizzen ein fertiges Serienmodell geworden ist. Ein Konzern wie Volkswagen muss schon heute vorausschauend entscheiden, welche Autos in fünf bis zehn Jahren verkauft werden sollen.

    Wenig Resonanz für Erdgas am Markt

    Wenn es um die Entwicklung neuer Autos und Antriebe geht, ist VW-Vorstand Welsch eben der wichtigste Manager bei VW. Er verantwortet im gesamten Konzern die Fahrzeugentwicklung und hat als solcher wesentlichen Anteil daran, dass VW in den zurückliegenden Wochen den langsamen Rückzug aus dem Erdgasantrieb intern beschlossen hat.

    „Die Resonanz am Markt ist nicht gewachsen“, sagte Welsch, „und es werden auch absehbar nicht signifikant mehr verkaufte Fahrzeuge“. Im vergangenen Jahr hatte der Konzern noch eine CNG-Initiative gestartet und neue Modelle ins Programm aufgenommen. Insgesamt 19 CNG-Modelle warten im Konzern auf Käufer.

    Die Resonanz am Markt ist nicht gewachsen, und es werden auch absehbar nicht signifikant mehr verkaufte Fahrzeuge. Frank Welsch, VW-Entwicklungsvorstand

    Doch auch damit sind die Verkaufszahlen nicht sonderlich in die Höhe gegangen. 110.000 CNG-getriebene Autos hat der Volkswagen-Konzern im vergangenen Jahr weltweit verkaufen können. Viel zu wenig, um das CNG-Programm auch in weiterer Zukunft unverändert laufen zu lassen. „Es kommt beim Kunden nicht so richtig an“, so Entwicklungsvorstand Welsch.

    In Deutschland sind 2019 gerade einmal 7700 CNG-Autos von allen Herstellern verkauft worden – bei 3,5 Millionen Pkws insgesamt. Trotz aller Bemühungen und Lobbyaktivitäten in den vergangenen Jahren ist eines klar: Der Gasantrieb für Pkws ist ein Flop, gerade nach Meinung von VW.

    Aus Volkswagen-Sicht gibt es einen ganz wesentlichen Grund dafür, warum sich ein größeres Engagement bei CNG-Modellen nicht mehr lohnt: Wegen der verschärften Emissionsgrenzen in Europa muss VW den Durchschnittswert seiner Fahrzeugflotte bei Kohlendioxidemissionen deutlich reduzieren. Allein in diesem Jahr muss der Konzern um mehr als 20 Gramm Kohlendioxid je gefahrenen Kilometer beim eigenen Flottenverbrauch einsparen, um Milliardenstrafen zu vermeiden.

    Der CNG-Antrieb ist zwar sauberer als konventionelle Verbrenner, die Werte sind 15 bis 20 Prozent besser als etwa beim Benziner. Aber mit den wenigen verkauften Erdgasfahrzeugen kommt VW bei der Abgasreduzierung kaum voran. „Wir haben damit gerade einmal 0,3 Gramm pro Kilometer in der Flotte geschafft. Damit leistet er keinen Beitrag zu den Flottenzielen“, so Welsch.

    Ein weiteres Problem ist das CNG-Tanknetz. Im Jahr 2018 gab es in Deutschland 867 Erdgas-Tankstellen, mit 837 liegt der aktuelle Stand sogar darunter. Deutlicher lässt sich die Zurückhaltung der Kundschaft kaum beschreiben. 

    Rückzug ist auf die nächsten Jahre angelegt

    Volkswagen will die Produktion der aktuell verfügbaren CNG-Modelle zwar nicht sofort einstellen. Der Rückzug des Konzerns aus der Erdgastechnik wird aber in den nächsten Jahren spürbar werden. „Diese Autos bekommen keine Nachfolger mehr“, sagte der Entwicklungsvorstand. Normale Pkws kommen in der Autoindustrie auf einen durchschnittlichen Modelllebenszyklus von etwa sieben Jahren. So lange sollte es die aktuellen CNG-Modelle von Volkswagen also voraussichtlich noch geben.

    Eine sichere Überlebensgarantie ist das allerdings nicht. Sind Modelle dabei, die nur einige Hundert Mal pro Jahr verkauft werden, könnte der VW-Konzern die Produktion schon früher aufgeben. In etwa fünf Jahren wird in Europa zudem die neue Abgasnorm Euro 7 eingeführt. Möglicherweise werden einzelne CNG-Motoren aus dem VW-Konzern dann nicht mehr entsprechend den künftigen Vorgaben aktualisiert und fallen aus dem Programm heraus. Volkswagen spart dadurch einen Entwicklungsaufwand in zweistelliger Millionenhöhe. Konkrete Entscheidungen habe der Konzern noch nicht getroffen, heißt es dazu in Wolfsburg.

    Die wirtschaftliche Situation wird in nächster Zeit nicht einfacher für Volkswagen. Der Wolfsburger Konzern hat im Unterschied zu den meisten Konkurrenten im vergangenen Jahr zwar noch sehr ordentlich verdient. Doch schon jetzt ist absehbar, dass sich dieser Trend 2020 kaum fortsetzen wird.

    Die Unsicherheiten wachsen von Tag zu Tag, allen voran durch die Corona-Epidemie. 252 Milliarden Euro Umsatz (plus sieben Prozent) und ein operatives Ergebnis von 19,3 Milliarden Euro (plus 12,8 Prozent) für 2019 sind Rekordwerte. Doch die Elektrooffensive, größere weltweite politische Risiken und eben die Corona-Krise machen es unwahrscheinlicher, dass der VW-Konzern auch für dieses Jahr wieder verbesserte Finanzdaten präsentieren wird.

    Mehr: Nach den zunächst gescheiterten Gesprächen haben VW und Verbraucherschützer jetzt einen Vergleich erzielt. Es ist eine überraschende Kehrtwende.

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    4 Kommentare zu "Volkswagen: VW nimmt Abschied vom Erdgas"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • M.E wurde CNG nie richtig beworben, zudem wurde das Tankstellennetz nicht flächendeckend ausgebaut. Ohne Tankstellennetz kann man den Kunden nicht motivieren. Und bei vielen Navis fehlt die App, wo ich die nächste CNG-Tankstelle finde. Ist bei weiteren Fahrten definitiv nicht verkaufsfördernd.
      Ob VW mit dem E-Antrieb erfolgreich sein wird? Schnelle Ladezeiten von 100 kW in gewünschten 10 Minuten bedeuten eine Stundenleistung von 600 kW. Und alle sollen e-Autos fahren? Unser Herd braucht 7-8 kW bei Volllast. Die Infrastruktur gibt diese Stromleistung (nicht die Produktion, die Verteilung) in Deutschland gar nicht her.

    • Ich finde das schade. Aber was soll man tun? Die Politik wird in Zukunft das 0 - Emissionsauto haben wollen, womit Erdgasautos genauso aus dem Markt sind wie Diesel und Benziner. Den meisten Kunden ist Umweltschutz völlig egal, deswegen kauft fast niemand die Erdgasautos. Die Kunden, also jeder Bürger, zeigen mit dem Finger einfach auf die anderen (Menschen, Unternehmen, Politiker, Staaten usw.) und weisen jede persönliche Schuld von sich. Ich bin kein Experte. Aber ich glaube als Übergangstechnik wären Erdgasautos günstiger und sauberer gewesen, als Hybride oder Diesel mit teurer Abgasreinigungsanlage. Wie viele dicke SUVs fahren über Deutschlands Straßen und wie viele saubere Erdgasautos? Allein dieser Vergleich zeigt, was die Kunden wollen. Warum Tesla trotzdem erfolgreich ist? Ein Tesla ist ein Statussymbol, welcher in 3 Sekunden auf 100km/h beschleunigt und jedem Mitmenschen zeigt, wie modern und cool der Fahrer ist. Ein Erdgas-Caddy ist ein Anti-Statussymbol.

    • Es ist erschreckend, wie die Antriebspolitik bei VW gehandhabt wird. Herbert Diess wird den Laden an die Wand fahren, wenn er so weiter macht. Schlimm ist, dass er mit seiner Batterievehikelpolitik die Bundesregierung unter Druck setzt und damit nicht mehr von einer Technologieoffenheit gesprochen werden kann. Die Zukunft gehört der Brennstoffzelle. Das wird Herr Diess vielleicht nicht mehr mitbekommen, weil er hoffentlich vorher abgesetzt wurde.

    • Leider wird die Möglichkeit der annähernden CO2-Neutralität durch Biogas komplett ausgeblendet. CNG wurde immer viel zu stiefmütterlich behandelt.

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