Antibiotika-Resistenzen: So wollen Münchener Forscher resistente Erreger außer Gefecht setzen
Die Suche nach neuen wunden Punkten läuft.
Foto: Universal Images Group/Getty ImagesDüsseldorf. In jedem Menschen leben bis zu 100 Billionen Bakterien. Viele sind nützlich, manche schädlich. Infektionen lassen sich meist gut mit Antibiotika behandeln, doch einige der Substanzen wirken nicht mehr. Zu oft werden sie ohne Not verschrieben oder breit in der Massentierhaltung eingesetzt.
Einige der gefährlichsten Bakterien der Welt hätten Resistenzen gegen bekannte Mittel entwickelt, warnte die Weltgesundheitsbehörde erst im April. Aber keines der 43 Antibiotika, die derzeit in der klinischen Entwicklung seien, verspreche Abhilfe.
Die will Stephan Sieber schaffen. Er ist Professor für organische Chemie an der TU München und forscht mit seinem Team daran, multiresistente Erreger – einer der gefürchtetsten heißt MRSA – außer Gefecht zu setzen. Das Besondere an seinem Kampf gegen die Superkeime: Er sucht nach neuen wunden Punkten.
Die meisten der verfügbaren Antibiotika greifen nur eines von drei Zielen in Bakterien an. Dabei besitzen Bakterien Tausende Proteine, davon über 300 lebenswichtige. „Bei einer so großen Bandbreite gibt es noch viele andere mögliche Angriffsziele“, sagt der 45-Jährige.
Er fand früh heraus, dass gewisse chemische Verbindungen dafür sorgen, dass Bakterien keine Toxine mehr produzieren. „Wir entwaffnen die Bakterien“, so Sieber. Zudem testet er zugelassene Medikamente, ob sie gegen Bakterien wirken. Beim Krebsmedikament Sorafenib etwa wurde ein Wirkstoff so weiterentwickelt, dass er niedrig dosiert große Bakterienmengen tötet.
Forderung nach mehr Geld
„Deutschland ist von jeher ein wichtiger Standort für die Antibiotikaentwicklung“, sagt Sieber. Seine Arbeit ist umso bedeutender, da sich mit dem Siegeszug der Antibiotika seit Entdeckung des Penicillins 1928 nach und nach immer mehr Pharmafirmen aus der teuren Entwicklung zurückgezogen haben.
Sie scheuen das finanzielle Risiko, weil neue Antibiotika möglichst wenig verabreicht werden sollen, um Resistenzen zu vermeiden. „Selbst das ‚beste‘ neue Antibiotikum wird seinem Entwickler höchstwahrscheinlich nur wenig Umsatz bringen – da es im Idealfall ja nur sehr selten eingesetzt wird“, sagt Stefan Oschmann.
Oschmann, bis vor Kurzem Vorstandschef des Chemie- und Pharmakonzerns Merck, fordert schon länger mehr Geld und Anreize. Er ist überzeugt: „Antimikrobielle Resistenzen bedrohen jeden medizinischen Fortschritt.“ So schätzt der internationale Pharmaverband IFPMA, dass rund 700.000 Menschen pro Jahr an einer bakteriellen Infektion sterben, 2050 könnten es bis zu zehn Millionen sein.
Dazu kommt: Obwohl Covid-19 eine Virusinfektion ist, bekommen Patienten auf Intensivstationen oft Antibiotika, da hier häufig bakterielle Infektionen über Schläuche oder Katheter auftreten. „Der verstärkte Einsatz erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich vermehrt Resistenzen bilden“, sagt Sieber, der 2020 den von Merck gestifteten „Future Insight Prize“ gewonnen hat. Mit dem Preisgeld von einer Million Euro will er weitere Antibiotika-Projekte anstoßen.