Rohstoffförderung: Verborgene Schätze: Lithium weckt Goldgräberstimmung im Oberrheingraben
Für manche Anlagen wird mehr als drei Kilometer tief in die Erde gebohrt.
Foto: ddp/visdiaFrankfurt. Von der jahrhundertelangen Bergbautradition ist in Deutschland im Jahr 2021 nur noch wenig übrig. Dabei schlummern unter Felsvorkommen und Gewässern auch heute noch wertvolle Rohstoffvorkommen zwischen Erzgebirge und Oberrheingraben.
Ein besonderes Augenmerk haben dabei gleich mehrere Projekte auf den Oberrheingraben zwischen Frankfurt und Basel gelegt. Unter der 300 Kilometer langen Tiefebene liegt die vermutlich größte Lithium-Quelle Europas. Ein Metall, das heutzutage in allen Smartphones, Laptops und kabellosen Kopfhörern verbaut ist und zu einem der wichtigsten Bestandteile für die Batterien von Elektroautos zählt.
Start-ups wie Vulcan Energy oder Unternehmen wie der Energiekonzern EnBW arbeiten an Verfahren, um das Lithium aus dem heißen Thermalwasser unter der Erde zu fördern – mithilfe der Geothermie.
„Wir haben belegen können, dass es technisch grundsätzlich machbar ist. Jetzt gilt es, in einem nächsten Schritt die technische Umsetzung unter Realverhältnissen zu prüfen und die Wirtschaftlichkeit auch im größeren Maßstab zu bestimmen“, sagte Thomas Kölbel, Konzernexperte für Geothermie bei der EnBW, zu dem gemeinsamen Forschungsvorhaben mit dem Karlsruher Institut für Technologie.
Aus Schichten zwischen 3000 und 5000 Meter Tiefe wird das zwischen 160 und 180 Grad Celsius heiße Tiefenwasser an die Oberfläche geholt und durch einen Wärmetauscher geschickt. Dort setzen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an – parallel zum Geothermiebetrieb – und bringen ein Ionensieb ein, das das Lithiumhydroxid extrahieren soll.
Mit einem ganz ähnlichen Verfahren will auch das deutsch-australische Start-up Vulcan Energy den Schatz unter dem Rhein bergen.
„Deutschland war über Jahrhunderte ein wichtiger Metallerzproduzent, darauf basiert schließlich auch die heimische Stahlindustrie“, sagt Rohstoffexperte Peter Buchholz, Leiter der Deutschen Rohstoffagentur (DERA). Durch den internationalen Preisdruck wurde es aber schon bald zu teuer, die Rohstoffe hierzulande weiter zu fördern.
„Brasilien und Australien haben Mega-Lagerstätten, wo das Eisenerz zu günstigen Preisen aufgrund der Größe der Vorkommen und der Kommerzialisierung in ganz anderen Maßstäben abgebaut werden kann“, erklärt Buchholz. Mit dem Lithium verhalte es sich ähnlich.
„Aufgrund des internationalen Wettbewerbs in einer globalisierten Welt gibt es in anderen Ländern diese Rohstoffe in großen Vorkommen, dort können sie kostengünstig abgebaut werden, und da liegt die Herausforderung für deutsche Projekte“, erklärt Buchholz.
Nicht nur Lithium-, auch Kupfer- und Grafitvorkommen gibt es in Deutschland. Metalle, die für Elektromobilität und Energiewende dringend benötigt werden. Noch verteilt sich der Markt für solche Rohstoffe allerdings auf nur wenige Länder: 80 Prozent des weltweit abgebauten Lithiums stammen beispielsweise aus Chile, Australien oder Argentinien.
Und überhaupt liegt die überwiegende Marktmehrheit was den Abbau angeht, mittlerweile fast ausschließlich bei Unternehmen aus China.
Angesichts der steigenden Nachfrage rücken deswegen auch Lithium-Projekte in Europa in den Fokus – so wie das deutsch-tschechische Vorkommen im Innern des Zinnwaldgebirges, dessen Erschließung allerdings nur langsame Fortschritte macht.
Grund ist die mangelnde Bereitschaft von Investoren und Wirtschaft, in solche Projekte zu investieren. „Bei den Batterierohstoffen durchleuchten Automobilkonzerne die Lieferketten und sichern sich über langfristige Lieferverträge ab, auch das hilft neuen Lieferanten“, sagt DERA-Chef Buchholz.
Die Lieferketten auch über heimische Projekte abzusichern ist in seinen Augen Aufgabe der Wirtschaft. Aber da fehle bislang die Bereitschaft.
Ohne das nötige Kapital wird so schnell zumindest keine neue Goldgräberstimmung in der ehemaligen Bergbaunation aufkommen. Allein für die erste Stufe der kommerziellen Produktion im Oberrheingraben muss das Start-up Vulcan Energy 700 Millionen Euro einsammeln.
Dann könnten 15.000 Tonnen Lithiumhydroxid pro Jahr in Deutschland gefördert werden. Für die nächste Stufe mit 25.000 Tonnen pro Jahr kommen dann noch einmal 400 Millionen Euro obendrauf.