Yossi Vardi: Israels Papa Start-up
Sein ICQ-Investment gilt als Startschuss für die Start-up-Nation Israel.
Foto: picture alliance / Robert SchlesEine Szene während der DLD-Konferenz in Tel Aviv macht Yossi Vardis Einfluss deutlich: „Steig auf den Stuhl, dann sehen dich alle“, sagt der 74-Jährige zu einem der anwesenden Manager im Anzug. Der zögert. „Du bist jung“, legt Vardi nach. Der Manager gehorcht.
Joseph „Yossi“ Vardi zählt zu den Gründervätern des israelischen Start-ups-Booms: Kein anderes Land der Welt verfügt über so viele Start-ups pro Kopf wie das Land am Mittelmeer. Allein Tel Aviv zählt über siebzig Entwicklungs- und Forschungszentren von Konzernen wie Apple oder Siemens. In dieser Woche sind über zehntausend Menschen zum DLD Innovation Festival gekommen. Das ist auch Vardis Verdienst.
1996 kamen sein Sohn und drei Freunde auf ihn zu und baten ihn um Geld für eine Unternehmensgründung. Was genau sie vorhatten, verrieten sie nicht. Vardi gab ihnen trotzdem 75.000 Dollar. Die vier Israelis gründeten den einst weltweit beliebten Messenger ICQ, der später für 400 Millionen Dollar an AOL verkauft wurde. Viele sehen in Vardis Investment in ICQ den Startschuss für die „Start-up-Nation“ Israel. Bis heute investiert er immer wieder in Start-ups. Er interessiere sich weniger für Manager und Politiker, sagt Freundin und DLD-Gründerin Steffi Czerny dem Handelsblatt: „Ihn interessieren junge Leute und Gründer, die Ideen haben.“ Und er halte es für seine Pflicht, diese zu unterstützen.
Vardi, stets im Kurzarmhemd, hat die gütigen Augen eines Vaters, wenn er mit anderen spricht. Gefragt nach dem Erfolgsgeheimnis der israelischen Gründerzeit, lacht Vardi leise: Seine Mutter habe lange ein eigenes Restaurant gehabt und sei eine exzellente Köchin gewesen. Wenn Freunde sie nach ihren Rezepten gefragt hätten, hätte sie stets die entscheidende Zutat ausgelassen. Das Geheimrezept Israels sei eine Mischung aus Militär, Investitionen der Regierung und akademischer Landschaft. Die entscheidende Zutat verrät Vardi dann aber doch: „Es sind die Menschen.“
Hinter jedem Israeli stünde eine fordernde Mutter, die ihren Zöglingen stets eins vor Augen hielte: „Wir haben so viel für dich getan – ein Nobelpreis ist da doch nicht zu viel verlangt.“
Überzeugen muss Vardi indes niemanden mehr. Fällt der Name „Yossi“ in Gesprächen, huscht andächtiger Respekt über die Gesichter der Teilnehmer. „Yossi hat Tausende Listen mit Kontakten, deshalb nenne ich ihn auch gerne ‚Mr. Lists‘“, sagt Czerny. Die DLD-Geschäftsführerin kennt Vardi seit 1997, zusammen haben sie 2006 die Konferenz ins Leben gerufen, die zum Burda-Verlag gehört: „Er ist extrem loyal – wenn du einmal sein Freund geworden bist, dann bleibst du es ewig“, sagt Czerny.
Das gilt wohl auch für den Manager im Anzug: Auf der Eröffnungsveranstaltung steigt er tatsächlich auf den Stuhl. Das Publikum applaudiert. Und Vardi? Der grinst.