Chinageschäft: Mittelstand steuert bei Lieferketten um – Abhängigkeit von China bleibt aber hoch
Viele Mittelständler bleiben von dem Land abhängig.
Foto: dpaDüsseldorf. Angesichts global steigender Spannungen versuchen viele Unternehmen, ihre Abhängigkeit von China zu reduzieren. Das ist in der Praxis oft schwierig. Ein Familienunternehmer, der in den vergangenen Jahren häufig in der Volksrepublik war, berichtet vom steigenden Selbstbewusstsein dort – das habe ihn zum Umdenken gebracht.
Ihm sei klar geworden, dass seine Handelspartner von einem Tag auf den anderen entscheiden könnten, ihn nicht mehr zu beliefern. Erst in diesem Jahr habe er aber konkrete Schritte bei seiner Lieferkette ergriffen. Ein anderer Unternehmer bestätigt dies: „Es fehlte uns in den Jahren zuvor an der konsequenten Umsetzung, sich unabhängiger zu machen“, sagt er. Beide wollen anonym bleiben – denn sie sind immer noch auf chinesische Lieferanten angewiesen.
Wie ihnen geht es einem großen Teil der mittelständischen Wirtschaft. In einer Umfrage der DZ-Bank, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, gaben 36 Prozent der Entscheider an, bei den Lieferketten von China abhängig zu sein – so viel wie bei keinem anderen Land. Auf Platz zwei folgte Mittel- und Osteuropa mit genau einem Drittel. Die USA, die sich mit der Ukraine Platz drei teilen, kommen auf 15 Prozent.
Kleine Unternehmen wollen Beziehungen sogar ausbauen
Das Spitzeninstitut der Genossenschaftsbanken hatte 1000 Geschäftsführer und Entscheider in mittelständischen Unternehmen zur Resilienz ihrer Lieferketten befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass derzeit vor allem größere Unternehmen aus diesem Sektor versuchen, sich unabhängiger von China zu machen. 16 Prozent streben einen Rückzug aus dem Land an.
15 Prozent der befragten Entscheider wollen die Lieferbeziehungen wiederum ausbauen. Darunter sind vor allem kleinere Unternehmen, die im Jahr fünf Millionen Euro und weniger umsetzen. Unterm Strich sinkt die Abhängigkeit von China daher nicht.
Uwe Berghaus, Firmenkundenvorstand bei der DZ Bank, erklärt die hohe Abhängigkeit der kleineren Mittelständler vor allem damit, dass diese ihre Produkte über Großhändler beziehen. „Damit haben sie weniger Einfluss auf eine Anpassung ihrer Lieferketten“, sagte Berghaus. Zudem sei für kleinere Mittelständler oft schwierig, sich auf das Preisniveau in Europa einzulassen: „Hier zu produzieren ist schlichtweg teurer, auch in Osteuropa.“
Bei den größeren befragten Mittelständlern setze sich das Produzieren in den lokalen Märkten durch, sagte Berghaus. Das verkürze die Lieferketten. Daher investierten die Firmen derzeit verstärkt in ihre europäische Fertigung, insbesondere in Osteuropa. „Das betrifft vor allem Schlüsseltechnologien wie Halbleiter oder Quantencomputing.“
Falls sich die Lage in China aufgrund der Proteste gegen die Coronamaßnahmen weiter zuspitzt, rechnet Berghaus damit, dass die Lieferketten wieder verstärkt unter Druck geraten. Selbst wenn die Produktion in den Fabriken weiterlaufe, würde der Transport innerhalb des Landes und die Verschiffung erschwert. „Besonders folgenreich wäre es“, sagte Berghaus, „wenn die Häfen erneut geschlossen würden.“
Ende November war es zu Protesten in zahlreichen chinesischen Städten gekommen. Nach einem Brand in einem Haus mit mehreren Toten waren viele Menschen gegen die Null-Covid-Politik der Staatsführung auf die Straße gegangen.
Zwei Regionen profitieren vom Umdenken der deutschen Mittelständler
Bislang waren es vor allem die osteuropäischen Länder, die vom sogenannten Near-Shoring, also der Verlagerung von Produktionsstätten nach Europa, profitieren. In der Umfrage zeigt sich nun erstmals, dass auch westeuropäische Länder künftig eine größere Rolle spielen dürften. Jedes dritte mittelständische Unternehmen gab an, sich in den kommenden fünf Jahren mehr auf das Geschäft mit seinen westeuropäischen Nachbarn konzentrieren zu wollen. Treiber sind demnach die sicheren Lieferwege innerhalb der EU.
Viele Mittelständler richten ihren Blick allerdings auch in die USA. 15 Prozent von ihnen haben vor, ihre Beziehungen in den kommenden fünf Jahren zu intensivieren. Vor allem, so zeigt die Studie, wollen größere Mittelständler aus der Chemie-, Elektro-, Maschinenbau- und Autoindustrie dort künftig mehr produzieren.