Dienstrad-Gründerin: „Ich bin eine gescheiterte Nachfolgerin“
Düsseldorf. Auf den ersten Blick war Christina Diem-Puello spät dran. 2020 erst gründete sie gemeinsam mit ihrem Mann Maximilian Diem das Rad-Leasing-Unternehmen Deutsche Dienstrad – andere Anbieter wie Jobrad waren da schon Jahre am Markt.
Die Unternehmerin gehört noch immer zu einer Minderheit hierzulande. Laut einer Sonderauswertung des KfW-Mittelstandspanels zum Internationalen Frauentag ist 2023 der Anteil von Frauen an der Spitze mittelständischer Unternehmen um fast vier Prozentpunkte auf 15,8 Prozent oder 602.000 gesunken.
Doch Diem-Puello hatte Erfolg. Zu den Kunden der Deutschen Dienstrad zählen Dax-Konzerne wie Siemens AG und Healthineers und MTU, aber auch Kion, Hella und Brose sowie die Bundesländer Bayern und Rheinland-Pfalz. Nach eigenen Angaben setzte das Unternehmen 2023 mit 100 Mitarbeitenden 130 Millionen Euro um.
Die 36-Jährige stammt aus einer Fahrrad-Dynastie, die immer wieder aus Krisen heraus etwas Neues aufgebaut hat. Im Interview mit dem Handelsblatt erklärt Diem-Puello, wie sie das Unternehmertum geprägt hat, warum Deutschland eine Agenda 2030 braucht und weshalb sie trotzdem hierzulande investiert.
Lesen Sie hier das komplette Interview:
Frau Diem-Puello, Sie sagen, dass Frauen als Unternehmerinnen immer noch benachteiligt sind. Dabei können Sie sich doch eigentlich nicht beklagen: Ihre Firma will in diesem Jahr den Umsatz verdoppeln.
Das stimmt, aber es geht um den Weg dahin: Ich bin in einem Familienunternehmen aufgewachsen, meine Mutter war an der Spitze. Wir sind vier Kinder. Ich hatte für das Unternehmen schon lange im In- und Ausland gearbeitet. Aber als ich die Deutsche Dienstrad ausgegründet habe, da bin ich trotz meiner Erfahrung erst mal in alle möglichen Fallen reingelaufen, denen Frauen immer noch begegnen.
Sie meinen das Thema, dass es Gründerinnen schwerer haben, Kapital zu beschaffen?
Ja, genau. Ich will eigentlich gar nicht darüber reden, wie die Gespräche mit den Banken liefen. Es hat mich wirklich wütend gemacht. Die meisten Banken haben das Thema Frau als Unternehmerin nicht verstanden.
Das müssen Sie genauer erklären.
Viele Banker begegnen Frauen nicht auf Augenhöhe, die Konversation findet oft unter den Männern am Tisch statt. Man hat mir damals, vor vier Jahren, einfach die Kompetenz abgesprochen. Ich finde: So darf es heute nicht mehr sein, und ich habe mich dann mit dem Verband deutscher Unternehmerinnen vernetzt. Das ist ein Herzensthema für mich.
Kurz zur Historie: Sie wollten 2020 aus dem Familienunternehmen, dem Fahrradhersteller Pexco, ausgründen. Ihre Eltern hielten zuletzt noch eine Mehrheitsbeteiligung. Warum sind Sie überhaupt dort weg?
Man könnte sagen: Ich bin eine gescheiterte Nachfolgerin.
Haben Ihre Eltern Ihnen die Nachfolge nicht zugetraut?
Ich wollte immer nachfolgen, meine Familie hat eine 100-jährige Tradition in der Fahrradwelt. Ich wollte damals gerne in ihre großen Fußstapfen treten. Es war ursprünglich so gedacht, dass wir die Mehrheitsanteile langfristiger halten, doch es kam der Punkt, an dem meine Eltern die letzte Kapitalerhöhung nicht mehr aus eigenen Mitteln mitfinanzieren konnten oder wollten und dann ausgestiegen sind.
Und damit war Ihre Nachfolge nicht mehr möglich?
Genau, ich wollte es weiterführen, auch mehr Geld einbringen, aber meine Eltern haben sich dennoch dagegen entschieden. Es war ein sehr dunkler Moment für mich.
Haben Sie das als Misstrauensvotum empfunden?
Anfangs ja. Damals dachte ich, meine Eltern glauben nicht an mich. Heute weiß ich allerdings, dass sie mich nur davor schützen wollten, in einem Unternehmen zu arbeiten, an dem man zwar Anteile hält, aber mit Fremdinvestoren im Rücken dennoch nicht wirklich ganz frei entscheiden kann. Im Rückspiegel betrachtet bin ich ihnen heute aber sehr dankbar für ihren Entschluss.
Sollen Gründerinnen dann lieber auf Investorengeld verzichten?
Nein. Mit meiner eigenen Beteiligungsfirma investiere ich bewusst selbst in Gründerinnen. Ich sage ihnen auch: „Überlegt euch gut, ob ihr euch einen Investor hereinholt und, wenn ja, welchen.“ Ich sehe es heute dennoch als Luxus, dass wir bei Deutschem Dienstrad komplett selbstbestimmt arbeiten dürfen.
Mit einem Investor hätte die Deutsche Dienstrad aber schneller wachsen können als mit einem Bankkredit, oder?
Ja natürlich, wir sind mit einem Bankkredit total konservativ losgelaufen. Nach fünf Jahren kann ich aber sagen: Es war nachhaltiges, gesundes Wachstum.
2012 ist das Dienstrad dem Dienstwagen angeglichen worden, es gibt rund 40 Leasinganbieter. Was hat Sie so sicher gemacht, dass Sie 2020 noch in den Markt eingreifen können?
Ich bringe das Know-how aus der Fahrradbranche mit. Mein Mann hat als Berater die digitale Transformation vieler namhafter Unternehmen begleitet. Wir konnten mit diesem ganzen Wissen auf einem weißen Blatt Papier unser Geschäftsmodell entwerfen und dabei radikal auf volldigitale Prozesse und maximale Automatisierung setzen.
Und dabei ist Ihnen auch der Name Deutsche Dienstrad eingefallen? Das klingt nicht gerade sexy.
Ich wollte nicht in die Gründerszene-Start-up-Berlin-Bubble geschoben werden. Wir liefern Dienstleistung und Technologie an mitunter sehr große Arbeitgeber, unter höchsten datenschutzrechtlichen Vorgaben. Schließlich tangieren wir auch die Lohnabrechnungen der jeweiligen Mitarbeitenden. Da suchte ich nach vertrauensstiftenden Namen wie Deutsche Lufthansa, Deutsche Bahn, Deutsche Bank.
Diese Konzerne haben aber Verträge mit dem Marktführer Jobrad.
Ja, das ist so – aktuell. Derzeit sind wir in einem Markt mit immer noch steigender Nachfrage und weiterhin sehr großem Potenzial.
Sie bezeichnen Ihre Mutter Susanne Puello als Ihr wichtigstes Vorbild. Dabei musste sie als Unternehmerin mehrmals wieder aufstehen.
Meine Mutter ist auch meine Mentorin, mein engster Bezugspunkt. Sie hat mich gecoacht und begleitet, sie ist mein Risikoradar. Und das gerade, weil sie so viel Erfahrung hat. So ist zum Beispiel mein Großvater mit der Expansion in die ostdeutschen Bundesländer gescheitert, und meine Mutter musste in schwierigsten Zeiten die Nachfolge übernehmen. Sie ist dann wieder durchgestartet. Das macht sie übrigens gerade wieder. Sie hat mit ihrem Mann die Marke R Raymon Bikes aus unserem früheren Unternehmen mittlerweile wieder zurückgekauft. Sie baut wieder Fahrräder.
Lernt Ihre Mutter auch von Ihnen als Gründerin?
Mit New-Work-Ansätzen und einem neuen Zeitalter des Corporate-Influencings sowie der daraus resultierenden Sichtbarkeit hatte sie es anfangs schwer. Jetzt sieht sie durch mich, wie moderne Unternehmensführung und Marketing auch aussehen können.
Offenbar wollen Sie aber, dass Ihre Beschäftigten weniger remote arbeiten: Sie bauen gerade eine neue Firmenzentrale in Schweinfurt für fast doppelt so viele Mitarbeitende, wie Sie aktuell beschäftigen.
Eines unserer wichtigsten Assets ist unser Team und unsere Unternehmenskultur. Wenn wir weiterhin so wachsen wollen, müssen wir unseren Mitarbeitenden den nötigen Platz für Kreativität und Raum für den persönlichen Dialog schaffen. Ich glaube fest an das persönliche Miteinander im Team vor Ort – und unser Team spiegelt uns das tagtäglich.
Sie wollen in diesem Jahr den Umsatz auf 270 Millionen Euro steigern. Bei im Schnitt 3500 Euro pro Rad wären das fast 80.000 Räder, die Sie verleasen müssten. Verdienen Sie damit Geld?
Wir waren bereits im ersten Jahr profitabel. Wir investieren wahnsinnig viel, gerade in neue Technologien und den weiteren Ausbau unserer digitalen Infrastruktur im Rahmen unserer Plattformstrategie. Mir ist aber noch etwas anderes wichtiger.
Erzählen Sie.
Wir haben zuletzt Dax-Schwergewichte wie Siemens AG, Siemens Healthineers und MTU für uns gewonnen. Auch vertrauen Bundesländer wie Bayern und Rheinland-Pfalz sowie Familienunternehmen wie Diehl und Brose auf mich und mein Team. Wir sind der Beweis dafür, dass Nachhaltigkeit, Mobilität und Digitalisierung auch am Standort Deutschland möglich sind.
Fühlen Sie sich manchmal allein mit Ihrem optimistischen Blick auf die deutsche Wirtschaft?
Ich sehe die Negativspirale, aber da hinein will ich diese Botschaft eben auch senden. Deutschland hat nach wie vor immer noch großes Potenzial, wieder eine Vorreiterrolle in der Welt einzunehmen.
Wie wollen Sie dieses Potenzial heben?
Wir müssen auch mal wieder alle mehr leisten, mehr strampeln, öfters die Ärmel hochkrempeln. Mehr Mut brauchen auch nicht nur die Gründer, sondern auch die Nachfolgerinnen und Unternehmer. Wir haben viele Unternehmen, die den Standort Deutschland weiterentwickeln können und werden.
Viele Firmen beklagen in Deutschland vor allem bürokratische Hürden. Ist das bei Ihnen gar kein Thema?
Doch, auf jeden Fall. Ich weiß gar nicht, wie viele „Beauftragte“ wir schon im Unternehmen haben. Dabei wollen wir nur arbeiten. Und dann denkt man in so einer Wachstumsphase: Ich beschäftige meine wertvollen Mitarbeitenden den ganzen Tag mit Klein-Klein. Da kann man sich nur an den Kopf langen.
Das ist mit einer der Gründe, warum einige Unternehmen laut über die Verlagerung von Produktionsstätten ins Ausland nachdenken.
Es tut mir weh, und ich weiß es auch aus Gesprächen mit Unternehmern aus unserem Umfeld, die über zu hohe Personalkosten, Fachkräftemangel und Bürokratie klagen. Von den hohen Energiekosten will ich gar nicht reden. Ja, es gibt viele Gründe abzuwandern, aber es gibt genauso viele Gründe, mit der Politik in den Diskurs zu gehen und zu sagen, wie wir das jetzt hierzulande hinbekommen.
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Marie-Christine Ostermann vom Verband Die Familienunternehmer macht sich schon bemerkbar oder ebenso Verena Pausder im Startup-Verband.
Ich schätze die Arbeit im Verband deutscher Unternehmerinnen sehr. Wir haben die Möglichkeit, unsere Botschaften zu adressieren. Aber Unternehmer müssen sich in ihren Multiplikatoren-Kreisen noch mehr einbringen. Mein unternehmerisches Netzwerk und auch Familienmitglieder zum Beispiel sagen zu mir: „Verschwende nicht deine Jugendjahre für ein Land, das sowieso untergehen wird, solange wir nicht länger und mehr arbeiten.“
Was schlagen Sie denn der Bundesregierung vor?
Wir brauchen vor allem absolute Entlastung für unsere Familienunternehmen. Der Mittelstand fällt derzeit einfach hintenüber. Diese ideologische Politik ist für Unternehmer, die jeden Tag schaffen, gar nicht mehr nachzuvollziehen. Wir brauchen eine Agenda 2030.
Was soll in einer solchen Agenda stehen?
Eine Unternehmensteuerreform wird uns ebenso gut stehen wie eine Bildungsreform, eine Einkommensteuerreform und infrastrukturelle Reformen. Und wir alle zusammen müssen wieder flächendeckend bereit sein, mehr zu leisten.
Unternehmer und Beschäftigte sollen also mehr leisten?
Einem Großteil, nicht allen, der jungen Generation – Beschäftigten und Gesellschaftern in Unternehmen – muss man schon mal wieder erklären, was Arbeiten ist. Die Diskussion über New Work, Workation oder Working from anywhere überlagert, dass es erst einmal darum geht, etwas zu leisten.
Erleben Sie das auch bei Ihren Bewerbern?
Ja, eine 25-jährige Masterstudentin sagte mir, gearbeitet hätte sie noch nicht, aber sie hätte gern 85.000 Euro bei einer 32,5-Stunden-Woche. Sie würde aber nur an dreieinhalb Tagen pro Woche arbeiten, davon zwei Tage im Homeoffice.
Die haben Sie nicht eingestellt?
Nein, ich habe ihr gesagt, sie sei die falsche Kandidatin. Sie könne ja mal schauen, ob in der Großindustrie ein Platz für sie wäre. Aber dort wird ja auch gerade abgebaut. Ich glaube, wir kommen da an einen Wendepunkt, wenn man auf die aktuellen Entlassungen schaut. Gerade in der Krise und wenn die Arbeitslosenzahlen wieder steigen, dann steigt auch hierzulande die Lust, wieder mehr zu leisten.
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Aber bislang bleibt der Fachkräftemangel hierzulande das drängendste Problem …
Wenn ich an die Gespräche in Asien, zum Beispiel in Vietnam, zurückdenke, wo wir Produktionsstätten aufgebaut haben: Da fragten die Bewerber im Vorstellungsgespräch, ob sie mehr Schichten oder am Wochenende noch arbeiten dürfen. Sie sind dort hungriger.
In solche Arbeitsverhältnisse will verständlicherweise hierzulande niemand zurück.
Aber wir müssen wieder dort hinkommen, dass Leistung sexy ist und belohnt wird.
Zugleich ist der Krankenstand derzeit sehr hoch. Deutet das nicht auf eine hohe Belastung der Arbeitnehmer hin?
Tatsächlich haben wir noch nie einen so hohen Krankenstand gehabt. Derzeit sind wir die mental überbelastetste, krankheitspsychologisch kaputteste Gesellschaft überhaupt.
Und Ihre Diagnose lautet: Es liegt nicht an der Arbeit?
Viele denken, dass sie viel arbeiten. Tatsächlich überfrachten die digitalen Medien unser Gehirn. Wir sind am Ende eines eigentlich unproduktiven Tages völlig erschöpft, aber nicht von der Arbeit, sondern von der Dauerbeschallung von allen Medien und sämtlichen Kanälen parallel.
Aber Sie sind auch bei LinkedIn sehr aktiv. Braucht man heute als Unternehmerin mehr als 20.000 Follower?
Man muss nicht, aber es ist wahnsinnig hilfreich, um wirklich Dinge zu bewegen, um als Firma und Branche sichtbar zu sein oder vom Bundeskanzler auf den nächsten Mobilitätsgipfel eingeladen zu werden.
Frau Diem-Puello, vielen Dank für das Interview.
Erstpublikation: 08.03.2024, 16:00 Uhr