Olymp-Chef Mark Bezner: „2024 wird nochmal ein brutal herausforderndes Jahr“
Seit 2010 führt Mark Bezner das Familienunternehmen allein.
Foto: dpaStuttgart. Olymp ist mit aktuell mehr als 230 Millionen Euro Umsatz Deutschlands größte Hemden-Marke, vor Eterna, Seidensticker und van Laack. Während sich das Unternehmen noch von den Nachfrageeinbrüchen durch Coronakrise und Ukrainekrieg erholt, belastet die aktuelle Konsumflaute durch Inflation, verhaltene Wirtschaftsentwicklung und geopolitische Krisen das Geschäft.
„Die vergangenen acht Wochen haben uns gezeigt, dass die Modebranche weiter leidet, das war schlimm“, sagt Firmenchef Mark Bezner im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Die Wochen bis Jahresende werden entscheidend sein.“
Das ursprüngliche Ziel, das Vorkrisenniveau von 270 Millionen Euro Umsatz im nächsten Jahr wieder zu erreichen, rückt in weitere Ferne. „2024 wird noch mal ein brutal herausforderndes Jahr“, erklärte der 60-Jährige.
Olymp hat nach eigener Einschätzung in 25 Jahren Wachstum genug Reserven angesammelt, um die Durststrecke zu überstehen, wenn auch mit „nicht zufriedenstellenden Gewinnen“. Aber der langjährige Familienunternehmer kritisiert die verzerrende Wirkung von Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung in seiner Branche: „Durch Schutzschirmverfahren werden die Starken geschwächt“, sagt der Vater von vier Kindern.
Der Hemdenhersteller verliert zudem 48 Galeria-Kaufhäuser als Kunden, die zum Jahreswechsel schließen werden – was sich auch auf den Hemdenpreis auswirken könnte.
Lesen Sie hier das komplette Interview
Herr Bezner, der Terrorangriff der Hamas in Israel, Russlands Angriffskrieg in der Ukraine, Chinas Muskelspiele um Taiwan: Betrifft Sie die geopolitische Lage über das menschliche Leid hinaus auch unternehmerisch?
Was auf das Gemüt der Bevölkerung schlägt, bremst die Konsumbereitschaft. Spätestens seit dem Krieg in der Ukraine sind die Konsumenten verunsichert.
Und Sie?
Wir dachten nach der Pandemie, jetzt geht es wieder aufwärts. Aber dann kam der russische Überfall auf die Ukraine. Die Angst davor, was darauf folgen könnte, aber auch die Inflation und die hohen Energiepreise haben die Kaufzurückhaltung verlängert. In solchen Situationen steht Mode nicht an erster Stelle. Unsere Branche hat vier Jahre Krise in den Bilanzen.
Sie liefern vor allem innerhalb Europas, produzieren aber in aller Welt. Wie viel mehr Ihrer Zeit müssen Sie jetzt als Unternehmer in geopolitische Fragen investieren?
Ich war bei diesen Themen auch schon vorher wissbegierig. Ich nutze seit Jahren unter anderem Veranstaltungen wie die Asien-Pazifik-Konferenz der deutschen Wirtschaft, die zuletzt in Singapur stattfand. Ich fahre auch nächstes Jahr nach Indien. Ich bin Mitglied im ostasiatischen Verein, aber ich habe keinen Risikoberater eingestellt.
Sind Sie noch in Russland aktiv?
Wir beliefern lediglich vereinzelt noch ganz wenige, besonders langjährige Bestandskunden in geringem Umfang. Darüber hinaus haben wir sämtliche Aktivitäten unmittelbar nach Kriegsausbruch eingestellt.
Wie viel Prozent vom Umsatz erwirtschaften Sie in Russland?
Es ist ein minimaler Prozentsatz.
Olymp ist mit aktuell mehr als 230 Millionen Euro Umsatz Deutschlands größte Hemdenmarke.
Foto: OlympAlso einstellig?
Ja, deutlich unter zwei Prozent.
Wollen Sie die Lieferungen jetzt komplett einstellen?
Nein.
Warum nicht?
Wir kritisieren den schrecklichen Angriffskrieg auf das Schärfste und befürworten alle bisher gegen Russland verhängten und weiterhin notwendigen Wirtschaftssanktionen. Unsere langjährigen Handelspartner können nichts für den Krieg.
Sie hatten 2022 noch einen Lieferanten in der Ukraine, beliefert er sie noch?
Durchaus. Aber wir beliefern auch noch den ukrainischen Markt. Dort haben wir sehr treue Kunden.
„In China finden Sie modernste Technik und die entsprechenden Fachkräfte“
Der Ton gegenüber China wird schärfer. Sie haben dort sieben Lieferanten für Gewebe, auch aus Baumwolle, und acht für Konfektion, also das eigentliche Nähen. Wie abhängig ist Deutschlands größter Hemdenhersteller von der Volksrepublik?
Wir haben unseren großen China-Fußabdruck bereits reduziert und werden diesen noch weiter verringern. Bei den Konfektionsnähereien arbeiten wir derzeit nur noch mit einem Anbieter für Hemden. Bei den Gewebelieferanten sind wir dort allerdings noch präsenter.
Wie kommt das?
In China finden Sie modernste Technik und die entsprechenden Fachkräfte, die die komplexen Maschinenparks auch bedienen können. Unsere Gewebelieferanten haben dort eine enorme Qualität aufgebaut, die Sie schon lange nicht mehr in Europa bekommen.
Die USA haben ein Importverbot für Produkte verhängt, die Baumwolle aus Xinjiang beinhalten – Grund ist die grundsätzliche Annahme, dass bei dessen Herstellung uigurische Zwangsarbeiter eingesetzt werden. Rund 20 Prozent aller Baumwolle weltweit stammt aus China – können Sie sicherstellen, dass Sie keine Gewebe aus der Provinz Xinjiang bekommen?
Mit dem Beginn der Konzeption der Frühjahrskollektion 2023, also schon seit Jahresbeginn 2022, haben wir mit unseren Gewebelieferanten vertraglich vereinbart, keine Baumwolle aus der autonomen chinesischen Region Xinjiang zu beziehen. Wir lassen uns die Herkunft der Baumwolle durch Herkunftszertifikate nachweisen. Doch wir verlassen uns nicht allein hierauf. Der Ursprung der Baumwolle lässt sich mithilfe von Testverfahren auch im Endprodukt nachprüfen. Hier arbeiten wir im Rahmen eines Stichprobensystems mit der sogenannten Isotopenanalyse, die eine Art Fingerabdruck der Baumwolle ermitteln und so Ursprungsangaben verifizieren kann.
Planen Sie dann keine Diversifizierung Ihrer Lieferanten, wie Bundeswirtschaftsminister Habeck es empfiehlt? Er sieht ja ein Risiko in einer zu starken Abhängigkeit von China.
Im Augenblick rennen alle nach Vietnam. Das Land wird nicht alle aufnehmen können, die zuvor in China produziert haben. Decoupling ist leicht gesagt, aber in der Praxis nicht einfach. Wir sind ja schon diversifiziert, wir haben auch in anderen Ländern viele Lieferanten. Aber wir wollen auch beim Gewebe, das eben noch hauptsächlich aus China stammt, neue Lieferanten zum Beispiel in Vietnam, Indien oder Indonesien gewinnen.
„Indien wird zurzeit etwas überbewertet“
Wird Indien von der neuen Diversifizierung profitieren …
Ja, Indien ist der neue Elefant im Raum. Das Land, in dem wir auch Lieferanten haben, hat auch enorme Herausforderungen, die sind brutal. Deswegen wird Indien zurzeit etwas überbewertet.
Da Sie ja hauptsächlich im Ausland produzieren lassen, was genau machen Sie noch hierzulande?
Wir hatten bis in die 80er-Jahre noch eigene Produktionsanlagen, aber seitdem vergeben wir die Produktion der Gewebe und Kleidungsstücke an langjährige Partnerbetriebe vor allem in Asien. Hier in Bietigheim-Bissingen machen wir sonst alles: die Produktentwicklung, das Design, die Beschaffung für jeden Meter Stoff, jeden Knopf. Die Muster produzieren wir auch hier.
Sind Sie dann gar nicht vor Ort in der Produktion?
Natürlich bin ich regelmäßig auch persönlich vor Ort. Wir haben in allen unseren langjährigen Partnerbetrieben eigene Teams installiert. Diese überwachen nicht nur die Produktqualität oder Termintreue, sondern behalten auch die Einhaltung von Arbeitsstandards oder Nachhaltigkeitsaspekte permanent im Blick.
Was kostet Sie die Überprüfung der Lieferketten?
Wir haben eine Abteilung Nachhaltigkeit mit sieben Vollzeitkräften, die auch vor Ort in den Produktionsbetrieben sind und die Nachhaltigkeit immer weiterentwickeln. Der größte Aufwand ist aber die Dokumentation.
Sie haben sogar einen Nachhaltigkeitsbotschafter engagiert, warum?
Wir haben das Thema Nachhaltigkeit schon lange vorangetrieben, es muss aber auch an die Kunden transportiert werden. Mit Boris Herrmann bekommen wir das sehr glaubwürdig hin.
… der Segler und Klimaschützer, der im Boot mit Greta Thunberg nach Amerika gesegelt ist.
Ja, ich hätte mir keinen besseren Partner wünschen können, weil er gute Impulse auch im operativen Geschäft gibt.
„Unsere Branche hat vier Jahre Krise in den Bilanzen“, sagt der Olymp-Chef.
Foto: dpaWäre es nicht nachhaltiger, wenn Sie wie Wolfgang Grupp von Trigema hierzulande produzierten?
In unserer hohen Güteklasse brauchen wir mindestens 50 bis 55 Lohnminuten pro Hemd. Die je nach Ausführung bis zu 116 individuellen Arbeitsschritte sind zudem komplex und anspruchsvoll, da sehe ich allein schon wegen des Arbeitskräftemangels keine Alternative zur Fertigung in Asien.
>> Lesen Sie auch: Wolfgang Grupp tritt ab – so regelt der Trigema-Chef seine Nachfolge
Und in Osteuropa?
Wir haben bei dem zur Olymp-Gruppe gehörenden Strickspezialisten Maerz ein Werk nahe der ungarischen Stadt Szeged. Allerdings sind auch dort inzwischen viele internationale Industrien angesiedelt, unter anderem Autohersteller wie Mercedes, die Arbeitskräfte brauchen. Es wird in Ungarn wie in ganz Europa immer schwieriger, Mitarbeitende zu finden.
Ihr Umsatz ist infolge der Coronakrise von 270 Millionen Euro im Jahr 2019 auf 160 Millionen Euro im Jahr 2021 gesunken. Sie sagen, Sie haben nie Verlust gemacht. Können Sie zaubern?
Nein, mein Unternehmen wird seit jeher solide geführt. Wir sind massiv auf die Kostenbremse gestiegen, haben Kurzarbeit und natürliche Fluktuation genutzt und das Marketingbudget nahezu halbiert. Wir haben mit unseren langjährigen Lieferanten gemeinsame Lösungen gefunden. Und ich habe nie betriebsbedingt kündigen müssen.
Haben Sie Corona-Hilfen bekommen?
Die gezahlten Überbrückungshilfen waren durchaus hilfreich, haben den finanziellen Schaden aber nur zu einem Bruchteil kompensieren können.
Werden Sie, wie angekündigt, 2024 wieder das Vor-Corona-Niveau beim Umsatz erreichen?
Zunächst: Nein. 2024 wird nochmal ein brutal herausforderndes Jahr.
Bezner hat den Segler Boris Herrmann (l.) als Nachhaltigkeitsbotschafter gewonnen.
Foto: OlympWoran liegt’s?
Die vergangenen acht Wochen haben uns gezeigt, dass die Modebranche weiter leidet, das war schlimm.
Schlimmer als Corona?
In gewisser Hinsicht ja, weil die Geschäfte ja durchgehend geöffnet waren.
Was waren die Gründe?
Die geopolitischen Herausforderungen, Inflation, massive Kaufzurückhaltung und die Wärme bis Mitte Oktober. Das Nachordergeschäft lag 20 bis 30 Prozent unter dem Schnitt. Unsere Lager sind voll, viele meiner Kunden haben sicher noch mehr Schweiß auf der Stirn – und Probleme mit der Liquidität.
Dann ruhen jetzt alle Hoffnungen auf dem Weihnachtsgeschäft?
Die Wochen bis Jahresende werden entscheidend sein.
Weil zum Jahreswechsel weitere Galeria-Filialen schließen, die für Sie ein sehr wichtiger Vertriebsweg sind?
Ja, bis Ende Januar 2024 werden 38 Verkaufspunkte zugesperrt worden sein. Dies macht sich bei uns unmittelbar bei den ausbleibenden saisonalen Nachorders negativ bemerkbar.
Das heißt, 2023 wird ein schlechtes Jahr?
Wir werden 2023 definitiv mehr als im vorigen Jahr umsetzen und vielleicht bei 235 Millionen Euro landen.
Sie verschweigen Ihre Gewinne – gibt es denn welche?
Es gab in den 25 Jahren bis 2019 immer Wachstum bei uns. Es war unser Glück, dass wir gesund in die Krise gegangen sind. Die Gewinne sind immer da gewesen, aber derzeit nicht zufriedenstellend. Mein Ziel ist es, durch diese Phase durchzusteuern. Ich möchte aber auch in Zukunft Großinvestitionen tätigen können.
Zum Beispiel?
Wir werden bis Ende des Jahres ein ERP-System, also eine neue Unternehmenssteuerungssoftware, für einen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag installieren, das uns – neben weiteren Investitionen wie in die digitale Produktentwicklung oder einen digitalen Showroom – in eine andere Liga bringen wird.
„Für die Banken sind wir alle in der falschen Branche“
Das klingt sportlich, aber was wird konkret besser, billiger oder schneller?
Wir können den Prozess von der Kollektionsentwicklung bis zum Verkauf um sechs Wochen auf viereinhalb Monate verkürzen. Das spart Zeit und Ressourcen.
Aber diese neue Dynamik können Sie jetzt noch gar nicht umsetzen. Wann wird es in der Modebranche wieder besser?
Ab 2025 wird es erst wieder aufwärts gehen. Aber ich glaube an die Zukunft. Ich bin alles andere als verzweifelt.
In diesem Jahr meldeten so viele Modehersteller und Händler Insolvenz an wie nie zuvor …
Das stimmt, und: Für die Banken sind wir alle in der falschen Branche …
Haben auch Sie unangenehme Gespräche mit den Banken?
Nein. Aber unsere Branche bekommt einen Risikoaufschlag derzeit.
Mehr Unternehmergespräche
Zwei sehr wichtige Olymp-Kunden waren 2023 im Schutzschirmverfahren: Galeria und Peek & Cloppenburg. Welches Verfahren hat Sie mehr geschmerzt?
Beide sind enorm schmerzhaft. Die Insolvenz von P&C Düsseldorf hat mich allerdings deutlich mehr überrascht.
Inzwischen gibt es auch Kritik an Schutzschirm- oder vorinsolvenzlichen StaRUG-Verfahren. Man könne sich dadurch leicht entschulden und Mietverträge ändern.
Die Kritik am Schutzschirmverfahren ist berechtigt. Neben der massiven Entschuldung ermöglicht es zum Beispiel, die Mieten neu zu verhandeln, außerdem müssen die Unternehmen drei Monate die Gehälter nicht zahlen. Das führt zu Marktverzerrungen. Das Schutzschirmverfahren geht zulasten der Starken.
Olymp-Zentrale in Bietigheim-Bissingen: Das Unternehmen mit 890 Mitarbeitenden erzielte zuletzt knapp 230 Millionen Euro Jahresumsatz.
Foto: OlympWeil Sie zum Beispiel die Preise nicht erhöhen können?
Es stimmt, wir waren sehr zurückhaltend mit Preiserhöhungen. Aber inzwischen haben wir die Preise trotz der starken Kostensteigerungen bei Rohstoffen, Herstellung, Transport und Energie nur moderat um fünf bis sechs Prozent angehoben. Wir profitieren in solchen Momenten von den langjährigen Lieferbeziehungen mit unseren Lieferanten, zum Beispiel in Indonesien. Wir sind in dem Land geblieben, als viele Konkurrenten sich von dort wegen der unsicheren politischen Lage zurückgezogen haben.
Als Deutschlands größter Hemdenhersteller leben Sie vor allem von Business-Hemden, die immer weniger getragen werden. Wie lautet Ihre Antwort darauf?
Unser Anteil an Casual-Hemden und Shirts beträgt heute rund 20 Prozent, der wird sicher größer werden. Zugleich erhöhen wir unsere Innovationskraft im Business-Segment, wie zuletzt mit den 24/Seven-Hemden, die bequem sind wie ein T-Shirt, aber eben stilvoll, wie es nur ein Hemd sein kann. Das Hemd ist nicht tot. Und wir wollen uns weiter international aufstellen.
„Der nächsten Generation werde ich mehr Zeit geben“
Sie haben vier Kinder, wird Ihnen eines nachfolgen?
Ich weiß es noch nicht. Klar ist, sie müssen freiwillig kommen, Nachfolger müssen leidenschaftlich für die Firma brennen.
Was haben Sie aus Ihrer Nachfolge gelernt?
Wer nachfolgt, sollte ausreichend Erfahrungen außerhalb von Olymp gesammelt und dort seine Leistungsfähigkeit bereits unter Beweis gestellt haben und nicht vor seinem 30. Geburtstag hier einsteigen.
Warum?
Wenn Nachfolger zu früh kommen, werden sie verbrannt, das ist weder für die Nachfolger noch für das Unternehmen gut. Ich bin damals vielleicht etwas zu früh eingestiegen. Ich hätte gern noch mal einen Masterabschluss gemacht. Daraus habe ich gelernt. Der nächsten Generation werde ich mehr Zeit geben.
Herr Bezner, vielen Dank für das Interview.