Tjalling Erkelens: Cannabis-Pionier Bedrocan warnt vor negativen Folgen nach der Legalisierung
Die Zahl der Patienten, die in Deutschland mit Cannabis behandelt werden, steigt stetig.
Foto: APFrankfurt. Tjalling Erkelens hat ein leicht verständliches Geschäftsmodell. Er liefert ein Produkt an einen Kunden. Das Produkt ist Cannabis, und der Kunde ist das Office of Medicinal Cannabis in den Niederlanden – die staatliche Behörde, die Produktion und Export von Cannabis in den Niederlanden regelt.
Mit seiner Firma Bedrocan versorgt Erkelens seit rund 20 Jahren schwer erkrankte Patienten mit Medizinalcannabis – seit 2008 auch in Deutschland. Das Naturprodukt soll dabei helfen, Schmerzen zu lindern und Krämpfe abzumildern. Doch Erkelens fürchtet, dass sich die Versorgung der Patienten mit Medizinalhanf durch die geplante Legalisierung von Cannabis in Deutschland verschlechtern könnte.
„Länder wie Kanada zeigen, dass bei einer Legalisierung Patienten, die auf medizinisches Cannabis angewiesen sind, benachteiligt werden“, sagt er. „Das hat zu Versorgungsengpässen für Patienten geführt, denn viele Erzeuger haben sich vom medizinischen Cannabis abgewandt, um den größeren Markt für Freizeitcannabis zu erobern. Dort sind die Qualitätsanforderungen niedriger, die Vorschriften weniger streng, und es locken höhere Gewinne“, so der Bedrocan-Chef.
Tatsächlich zeigen die Daten von Statistics Canada, dass mit der Liberalisierung von Cannabis für den Freizeitkonsum Ende 2018 in Canada die Umsätze mit Medizinalcannabis sukzessive zurückgingen. Dagegen stiegen die von Freizeitcannabis stark an.
Die Bundesregierung hatte in ihrem Koalitionsvertrag vergangenen November festgehalten, die „kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften“ einzuführen. Ein entsprechendes Gesetz will der Bundesdrogenbeauftragte Burkard Blienert (SPD) in dieser Legislaturperiode auf den Weg bringen.
Die größte Sorge des Bedrocan-Chefs bei einer Legalisierung in Deutschland ist, dass Patienten zu Freizeitcannabis wechseln, wenn es viel komplizierter und langwieriger wird, medizinisches Cannabis zu erhalten. „Dann haben die Patienten keinen regelmäßigen Kontakt mehr zu ihrem Arzt oder ihrer Apotheke und die medizinische Betreuung fehlt“, sagt der Bedrocan-Gründer. Zudem können falsche Dosierungen oder die niedrigere Qualität des Freizeitcannabis für Patienten gefährlich werden, insbesondere wenn sie keine oder wenig Erfahrung mit Cannabis hätten, ergänzt er.
Der 65-Jährige hat eigentlich Lehramt studiert und ein paar Jahre als Journalist gearbeitet, bevor er über seine Schwiegereltern das Thema Gemüseanbau kennenlernte. Zusammen mit seinem Schwager Freerk Bruining gründete er 1984 seine Firma Bedrocan und spezialisierte sich zunächst auf die Produktion von Chicorée mit Deutschland als großem Abnehmer.
Sechs Tonnen Cannabisblüten pro Jahr
Nach der Jahrtausendwende wurde in den Niederlanden das staatliche Cannabis-Büro OMC geschaffen, das die Produktion und die Abgabe von medizinischem Cannabis regelt. Bedrocan bewarb sich erfolgreich um eine Produktionslizenz und lieferte in den Anfängen pro Jahr rund 40 Kilogramm Cannabisblüten, die über das OMC zur Versorgung von Patienten an Apotheken gingen.
Heute ist Bedrocan der größte Hersteller von medizinischem Cannabis in der EU und produziert etwa sechs Tonnen Blüten pro Jahr. Das Familienunternehmen erzielte zuletzt einen Jahresumsatz von 15 Millionen Euro.
Bedrocan beschäftigt rund 100 Mitarbeiter, in Vollzeitstellen gerechnet sind es etwa 75. Die Familie hält 75 Prozent der Aktien, die restlichen ein Luxemburger Fonds. Familienoberhaupt Tjalling Erkelens will sich ab dem kommenden Jahr aus der Unternehmensführung zurückziehen. Sein ältester Sohn Jacob soll nachfolgen.
Mit seiner Firma Bedrocan hat der Niederländer sich auf medizinisches Cannabis spezialisiert.
Foto: HandelsblattBedrocan zeichnet sich dadurch aus, dass es ein standardisiertes Produkt anbietet. „Bei uns kann das Produkt auf genau eine Ursprungspflanze zurückgeführt werden, wir mischen keine Sorten. Arzt und Patient kennen die therapeutische Wirkung, können genau dosieren und die Wirkung des Produkts überwachen“, sagt Erkelens.
Ein gleichbleibendes standardisiertes Produkt zu haben ist auch für die Erforschung von Cannabis als Medizin in wissenschaftlichen Studien oder die Herstellung von cannabinoidhaltigen Medikamenten wichtig. Deswegen arbeiten viele Wissenschaftler und auch Pharmaunternehmen mit Bedrocan zusammen.
100.000 Cannabis-Patienten allein in Deutschland
Deutschland als größtem Abnehmer liefert Bedrocan über das OMC derzeit 2,5 Tonnen Blüten pro Jahr, das sind rund 200 Kilogramm pro Monat. Den Bedarf in Deutschland deckt das bei Weitem nicht. Denn seit der Freigabe von Cannabis für den medizinischen Einsatz im Jahr 2017 ist der Import von Cannabisblüten aus verschiedenen Ländern nach Deutschland auf mittlerweile mehr als 20 Tonnen pro Jahr angestiegen, zeigt die aktuelle Statistik des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte.
Waren es vor der Liberalisierung etwa 1000 Patienten, die mit einer Ausnahmegenehmigung medizinisches Cannabis erhalten haben, bewegt sich die geschätzte Zahl der Patienten in Deutschland nun Richtung 100.000 Menschen.
Sorge, dass eine Legalisierung in Deutschland sein Geschäft beeinträchtigen könnte, hat Erkelens nicht. Sein Produkt wird von vielen Ländern so stark nachgefragt, dass sich das Unternehmen entschlossen hat, außerhalb der Niederlande einen neuen Produktionsstandort in der EU aufzubauen, um selbst als Lieferant tätig zu werden. Zurzeit werden mögliche Standorte sondiert: Bedrocan will in der neuen Anlage eine Jahreskapazität aufbauen, die mit der Produktion in den Niederlanden vergleichbar ist.
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Vor rund zehn Jahren hatte Erkelens schon in Kanada mit Medizinern und Investoren eine Firma gegründet, um medizinisches Cannabis anzubauen. Die wurde im Zuge der Konsolidierungswelle in Kanada Teil der börsennotierten Firma Canopy Groth, von der Bedrocan International ein Aktienpaket erhielt. Als Canopy Growth sich 2016 bei seiner Zukunftsstrategie auf die Massenproduktion von Cannabis für den Freizeitkonsum festlegte, verkaufte Bedrocan seine Anteile an dem kanadischen Unternehmen. Denn Bedrocan will kein Cannabis für den Freizeitkonsum liefern.
Cannabisunternehmen müssen strikt zwischen Cannabis für den medizinischen Gebrauch und Cannabis für den Freizeitkonsum trennen, findet Erkelens. „Man kann nicht beides auf einmal machen“, sagt er. Es gebe unterschiedliche Anforderungen an die Pflanzen, den Anbau, die Produktion und die Regulatorik, all das erfordere auch spezifische Kenntnisse der Mitarbeiter. „Für uns ist Cannabis kein Lifestyleprodukt. Es ist ein Arzneimittel, das effizient, sicher und für alle erschwinglich sein sollte“, sagt er.