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Marihuana als Medizin „Made in Germany“: Jetzt erobert heimisches Hanf die Apotheken

Ab diesem Mittwoch wird medizinisches Cannabis aus deutschem Anbau verkauft. Schwerkranke Patienten sollen damit therapiert werden. Die ersten Lieferungen kommen aus Neumünster.
07.07.2021 - 08:49 Uhr Kommentieren
Jetzt startet der Verkauf von Cannabis aus deutschem Anbau – für den medizinischen Einsatz bei schwerkranken Patienten. Quelle: Imago
Cannabispflanze

Jetzt startet der Verkauf von Cannabis aus deutschem Anbau – für den medizinischen Einsatz bei schwerkranken Patienten.

(Foto: Imago)

Frankfurt Premiere in Deutschland: Ab sofort wird Cannabis aus heimischem Anbau verkauft und in deutsche Apotheken ausgeliefert – für den therapeutischen Einsatz bei schwerkranken Patienten. Damit startet ein lang geplantes Vorhaben, seit der Bundestag Anfang 2017 den Einsatz von Cannabis für medizinische Zwecke freigegeben hat.

Die ersten Lieferungen kommen aus Neumünster in Norddeutschland. Dort hat die deutsche Tochter der kanadischen Firma Aphria eine hochgesicherte Cannabisplantage errichtet.

Den Vertrieb übernimmt ein Start-up aus dem Frankfurter Umland: Die Cansativa GmbH, die im vergangenen August als einziges Unternehmen vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) den Zuschlag für den Großhandel mit den Cannabisblüten aus deutschem Anbau erhalten hat.

Beim Bfarm ist die Cannabisagentur angesiedelt, die das Cannabis von den Anbauern in Deutschland in Besitz nimmt und an Hersteller von Cannabisarzneimitteln, Großhändler oder Apotheken verkauft. Die damit verbundenen Logistik- und Vertriebsleistungen übernimmt das 2017 von den Brüdern Benedikt und Jakob Sons gegründete Start-up Cansativa.

„Wir sind beauftragt, alle Apotheken, die bei uns das deutsche Medizinalcannabis bestellen, zu beliefern“, sagt Benedikt Sons, CEO von Cansativa. De facto bieten aber nicht alle 19.000 Apotheken in Deutschland Cannabisblüten an, nur etwa 2000 bis 2500 haben sich darauf spezialisiert.

Mit der Freigabe von Cannabis als Medizin vor vier Jahren hat sich Deutschland zu einem attraktiven Wachstumsmarkt für Medizinalhanf entwickelt. Vor allem, weil es seitdem für schwerkranke Patienten auch die Möglichkeit gibt, sich die Blüten und Extrakte von den gesetzlichen Krankenkassen erstatten zu lassen. Rund 175 Millionen Euro gaben diese im vergangenen Jahr für Cannabismedikamente,- blüten und extrakte aus, ermittelte das Marktforschungsinstitut Insight Health.

Waren es vor 2017 rund 1000 Patienten, die dank einer Sondergenehmigung Cannabis erhielten, dürften es laut Branchenschätzungen mittlerweile mehr als 90.000 sein.

Import von Cannabisblüten wächst um 37 Prozent

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr mehr als neun Tonnen Cannabisblüten nach Deutschland eingeführt – 37 Prozent mehr als im Vergleich zum Vorjahr. Für den Anbau in Deutschland hatte das Bfarm in seiner Ausschreibung 2018 mit 2,6 Tonnen pro Jahr kalkuliert. Die Ausschreibung läuft über vier Jahre, die Menge summiert sich also auf 10,4 Tonnen. Dass damit der inländische Bedarf nicht gedeckt werden würde, war schnell absehbar. Der Import von Medizinalcannabis wurde von Jahr zu Jahr ausgebaut.

Dabei war es aber immer wieder zu Lieferengpässen gekommen, wegen Missernten, verdorbener Lieferungen und auch, weil die Einhaltung umfangreicher gesetzlicher Vorschriften zuweilen Verzögerungen mit sich brachte. Die Situation könnte mit Cannabis aus Deutschland einfacher werden, meint Cansativa-Mitgründer Jakob Sons: „Die Lieferkette bei Cannabis aus Deutschland ist besser planbar, weil es viel weniger Schnittstellen gibt als bei den Importen aus dem Ausland.“

Die Brüder Benedikt und Jakob Sons gründeten das Liefer-Start-up Cansativa. Quelle: Cansativa
Cansativa

Die Brüder Benedikt und Jakob Sons gründeten das Liefer-Start-up Cansativa.

(Foto: Cansativa)

Auch Dominik Ziegra vom Marktforschungsinstitut Insight Health erwartet, dass mit der Verfügbarkeit deutscher Cannabisblüten die Versorgungssicherheit der Patienten deutlich verbessert wird. „Wenn die geplante Jahresmenge von 2,6 Tonnen erreicht und gegebenenfalls auch noch um 50 Prozent ausgebaut wird, wie es laut Bfarm-Ausschreibung grundsätzlich möglich ist, könnte rund ein Drittel des derzeitigen Bedarfs aus deutscher Produktion gedeckt werden“, sagt der Marktexperte.

Bis es so weit ist, dürften aber noch einige Monate vergehen: Aphria liefert erst einen kleinen Teil der insgesamt vereinbarten Jahresmenge von einer Tonne aus. Und bei den anderen beiden Ausschreibungsgewinnern, der Deutschlandtochter der kanadischen Firma Aurora und dem Berliner Start-up Demecan, verzögert sich die ursprünglich vom Bfarm für Ende 2020 geplante Lieferung weiter.

Zum Teil sind die Verzögerungen beim Bau der Anlagen Lieferengpässen während der Coronakrise geschuldet. Vor allem aber benötigten die deutschen Anbauer zusätzliche Zeit, um Pflanzen zu kultivieren, die die geforderten Gehalte etwa des Cannabis-Inhaltstoffs Tetrahydrocannabinol (THC) erreichen, das die berauschende Wirkung von Cannabis erzeugt.

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Für Selbstzahler ist Cannabis aus Deutschland günstiger als Importware

Eine spannende Frage wird sein, wie sich der Markt hierzulande verändert, wenn das deutsche Medizinalcannabis in größerem Umfang verfügbar ist. Denn wie eine dem Handelsblatt vorliegende Information des Bayrischen Apothekenverbandes zeigt, soll das Cannabis vom Bfarm zu 4,30 Euro je Gramm abgegeben werden, was etwa der Hälfte des derzeit üblichen Herstellerabgabepreises von acht bis neun Euro entspricht.

„Wir gehen davon aus, dass der günstige Preis für das deutsche Medizinalcannabis einen gewissen Druck auf den Markt nach sich ziehen wird. Andere Lieferanten dürften reagieren und ihre Preise ebenfalls senken“, sagt Dominik Ziegra von Insight Health.

Benedikt Sons von Cansativa erwartet dagegen zumindest kurzfristig keine Preissenkungen im großen Stil. „Cannabis aus Deutschland kommt als limitierte Menge in den Markt. Die Nachfrage nach Cannabisblüten ist weiterhin hoch, also gibt es für die anderen Marktteilnehmer erst einmal keine Notwenigkeit, ihre Preise zu senken“, meint er.

Wie sich die Preise für den Patienten ändern, ist noch nicht absehbar. Patienten, die die verordneten Blüten selbst zahlen, dürften künftig günstiger an Cannabisblüten kommen, wenn sie sich für das deutsche Produkt entscheiden. Denn aktuell sieht die Apothekenvergütung bei Selbstzahlern einen Aufschlag von 100 Prozent auf den Einkaufspreis vor. Je niedriger dieser ist, umso niedriger fällt auch der Abgabepreis an den Patienten aus.

Für die GKV-Erstattungen gelten andere Regelungen. Bisher konnte der Apotheker als Einkaufspreis 9,52 Euro pro Gramm Cannabisblüten zugrunde legen, abhängig von der verkauften Menge kamen Aufschläge hinzu. Jetzt soll dieser Wert wegen der Einführung der günstigen deutschen Cannabisblüten angepasst werden.

Unabhängig von der Preisgestaltung könnte Cannabis aus Deutschland aber allein schon wegen seiner Herkunft Pluspunkte im Markt sammeln. Etwa bei den Ärzten, erwartet Jakob Sons. „Unser Eindruck ist, dass Ärzte mit Cannabis aus Deutschland subjektiv ein höheres Maß an Qualität verbinden. Das Label made in Germany erhöht das Vertrauen in ein immer noch stigmatisiertes Produkt“, sagt er.

Die Wachstumsaussichten für Cannabis in Deutschland sehen die beiden Cannabisunternehmer weiterhin sehr positiv. Cansativa will in diesem Jahr erstmalig mehr als zwei Tonnen Cannabisblüten absetzen und einen Umsatz in zweistelliger Millionenhöhe erzielen. Die Entgelte für die Logistikdienstleitungen im Auftrag des Bfarm sind dabei nur ein Teil des Geschäfts. Das Gros des Umsatzes erwirtschaftet Cansativa mit dem Import von Cannabisblüten aus Kanada, Dänemark, Portugal, Spanien und den Niederlanden.

Mehr: Stada steigt in den Cannabismarkt ein

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