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Gastbeitrag Hermann SimonDie Erfolgsstory der Hidden Champions geht weiter

Marktführerschaft heißt für Mittelständler mehr als nur der Größte zu sein. Sie „führen“ Kunden, Wettbewerber und ihre Märkte durch einzigartige Standards und sind so für den globalen Wettbewerb der Zukunft gerüstet.Hermann Simon 26.05.2014 - 14:57 Uhr Artikel anhören

Unternehmensberater und Wirtschaftsprofessor: Hermann Simon. Sein Spezialgebiet: Strategie, Marketing und Pricing. Und natürlich mittelständische Weltmarktführer.

Foto: picture-alliance/ dpa

Bonn. Hermann Simon ist Gründer der globalen Strategieberatung Simon-Kucher & Partners sowie Bestseller-Autor und Management-Denker. Im Rahmen der Handelsblatt-Online-Serie „Hidden Champions: Deutschlands geheime Weltstars“ schreibt der Mittelstands-Experte regelmäßig Gastbeiträge zum Thema.

Kein Land der Welt hat so viele mittelständische Weltmarktführer wie Deutschland. Von den 2734 Hidden Champions, die ich weltweit aufgespürt habe, kommen 1307, das sind 48 Prozent, aus Deutschland. Für die Aufnahme in die Hidden Champions-Liste gibt es drei Kriterien:

  • Das Unternehmen muss in seinem Markt zu den Top 3 in der Welt gehören oder Nummer 1 auf seinem Kontinent sein.

  • Der Umsatz muss unter 5 Milliarden Euro liegen.

  • Das Unternehmen muss in der Öffentlichkeit eine geringe Bekanntheit aufweisen.

Seit 28 Jahren beschäftige ich mich mit den Hidden Champions. Meine wichtigsten Einsichten: Deutsche Unternehmen sind für den globalen Wettbewerb der Zukunft gut gerüstet. Die Hidden Champions bilden dabei die Speerspitze beim Aufbruch nach Globalia. Selbst die große Krise haben sie mit Bravour gemeistert.

Die Unternehmen sind zwar kaum bekannt, besitzen aber welt- und europaweit herausragende Marktpositionen, die sie sich durch Spitzenleistungen verdient haben. Das gilt nicht nur für etablierte, sondern auch für junge Marktführer, von denen jüngst erstaunlich viele neu entstanden sind.

Sieben Lehren der Hidden Champions
Hidden Champions wissen nicht nur, was sie wollen, sondern haben auch die Willensstärke und Energie, manchmal die Besessenheit, ihre Ziele in Taten umzusetzen. Führung bedeutet, dass sie dieses Feuer in vielen Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen entzünden.(Quelle: Hermann Simon; "Hidden Champions des 21. Jahrhunderts")
Hidden Champions schaffen - und profitieren von - Bedingungen, die eine extrem geringe Fluktuation erzeugen. Hochleistung erreicht man nur mit einer Mannschaft, die eine starke Motivation und Identifikation mit dem Unternehmen aufweist. Grundlage hierfür ist die Selektion der richtigen Mitarbeiter.
Manche Hidden Champions stoßen mit engen Märkten und hohen Marktanteilen an Wachstumsgrenzen. Sie gehen den Schritt in die Diversifikation. Um ihre traditionellen Stärken nicht zu gefährden, wählen sie die konsequente Dezentralisierung - in der Regel bis hin zu rechtlich eigenständigen Firmen.
Fokussierung bietet normalerweise die einzige Chance, Weltklasse zu werden. Hidden Champions fokussieren ihre beschränkten Ressourcen besser als andere und bleiben bei dieser Richtung, bis sie die Spitzenposition erreicht haben. Dabei ist die Definition des Spielfelds selbst Bestandteil der Fokussierung.
Nichts verändert die Welt in den nächsten Jahrzehnten stärker als die Globalisierung. Für Unternehmen, die diesen Wandel nutzen, eröffnen sich ungeheure Wachstumschancen. Der Aufbau weltweiter Produktions- und Vertriebssysteme dauert jedoch oft genug mehrere Generationen. Zunächst internationalisieren sich die Umsätze, dann folgt das Personal und als Letztes das Management.Die meisten Hidden Champions stecken mit ihren Strategien und dem Umsetzen in der Praxis mitten in diesem Prozess. Simon: "Um die Chance zu nutzen, muss man seine nationalen Beschränkungen ablegen und große Ausdauer mitbringen."
Die meisten Hidden Champions planen massive Innovationsaktivitäten. Sie integrieren dabei Markt und Technik als gleichwertige Antriebskräfte. Diese Ausgewogenheit gelingt nur wenigen Großunternehmen. Innovation ist in erster Linie eine Frage von Kreativität und Qualität - keineswegs nur eine Sache des Geldes.
Kundenorientierung ist für den Erfolg der Hidden Champions wichtiger als Wettbewerbsorientierung. Die langjährige Kundenbeziehung ist ihre größte Stärke. Denn es gilt: Hochleistung für Kunden führt automatisch zu Wettbewerbsvorteilen. Simon: "Topkunden ähnlich wie Topkonkurrenten als Leistungstreiber einsetzen."

Die Ziele dieser Firmen sind äußerst ambitiös und vor allem auf Wachstum und Marktführerschaft ausgerichtet. Das Wachstum vollzieht sich dabei eher kontinuierlich als in spektakulären Schüben und erweist sich als ziemlich stabil. Marktführerschaft heißt für die Hidden Champions mehr als nur größter Marktanteil. Sie beanspruchen, Kunden, Wettbewerber und ihre Märkte durch das Setzen von Standards und Benchmarks zu „führen“.

Sie fokussieren sich auf enge Märkte und schaffen durch Tiefe einzigartige Produkte. Sie beherzigen die Einsicht, dass man nur durch Fokussierung und Tiefe Weltklasse wird und dass Einzigartigkeit nur intern entstehen und nicht am Markt per Outsourcing hinzugekauft werden kann.

Doch Fokussierung macht einen Markt klein. Globalisierung hingegen macht den Markt groß und ermöglicht die Realisierung ausreichender Economies of Scale. Fokussierung und Globalisierung sind deshalb die beiden unverzichtbaren Pfeiler der Hidden Champions-Strategie. Bei der Globalisierung bleiben die Unternehmen ihrer Präferenz fürs Selbermachen treu. Sie vertreiben nicht über Dritte, sondern über eigene Tochtergesellschaften und erhalten so auch in Auslandsmärkten den direkten Kundenkontakt.

Die Hidden Champions pflegen enge Beziehungen zu ihren Kunden. Ihre Kundennähe ist insgesamt ihre größte Stärke, noch vor der Technologie. Bei den erfolgreichen Mittelständlern haben 38 Prozent der Mitarbeiter regelmäßig Kundenkontakte, bei Großunternehmen sind es lediglich 8 Prozent. Selbst die Topmanager der Markführer sind nahe an Geschäft und Kunden.

Hidden Champions investieren doppelt so viel wie deutsche Industrieunternehmen, nämlich 6 Prozent vom Umsatz in Forschung & Entwicklung. Pro 1.000 Mitarbeiter halten sie fünfmal so viele Patente wie Großunternehmen. Die Kosten pro Patent sind dabei um den Faktor fünf niedriger. Technologie und Kundenbedürfnisse fungieren als gleichgewichtige Antriebskräfte von Innovationen.

Was macht Marktführerschaft aus?
Marktführerschaft ist bei vielen Hidden Champions ein Identitätsbildendes Ziel, das für Selbstverständnis und Strategie eine herausragende Rolle spielt. Die Definition von Marktführerschaft ausschließlich über den Marktanteil wird von den meisten Hidden Champions als zu eng angesehen.(Quelle: Hermann Simon, "Hidden Champions - Aufbruch nach Globalia")
Vielmehr verbinden sie mit diesem Begriff einen umfassenden Anspruch auf Führung gegenüber Marktteilnehmern wie Kunden, Lieferanten bis hin zu Wettbewerbern. Die wichtigsten konstitutiven Merkmale des Führungsanspruchs liegen in Technologie, Qualität, Bekanntheit und Prestige, erst danach folgen Umsätze und Stückzahlen.
Mehr als zwei Drittel der Hidden Champions sind Weltmarktführer. Die Hidden Champions konnten ihre schon starken Marktpositionen weiter ausbauen und sehen sich im Durchschnitt seit 22 Jahren als Marktführer. Das ist ein sehr langer Zeitraum.
Formulierung und Kommunikation des Anspruchs, den Markt zu führen, erfolgen bei vielen Hidden Champions explizit und in einem frühen Stadium der Entwicklung. Die Ambition, Marktführer zu werden, ist eine wichtige Antriebskraft, die erheblich zur Motivation der Mitarbeiter beiträgt.
Die hohen Marktanteile der Hidden Champions wurden durch Leistung verdient und nicht durch aggressive Preise erobert. In diesem Sinne handelt es sich um "gute" Marktanteile, die mit entsprechend hoher Profitabilität einhergehen.
Einen Markt zu führen ist ein hoher Anspruch, der verlangt, besser und anerkannter zu sein als die Konkurrenten. Nur dann wird die Führungsrolle von den anderen Marktteilnehmern akzeptiert. Die behandelten Wachstumsziele und Marktführerschaftsziele ergänzen sich synergetisch. Höhere Marktanteile tragen zum Wachstum bei, und Wachstum erlaubt mehr Investitionen in den Ausbau der Marktposition.

Die Hidden Champions setzen ihre Wettbewerbsvorteile mit Konsequenz am Markt durch. Ihre Überlegenheit beruht nicht auf einem einzelnen Vorteil, sondern auf einer Vielzahl von Wettbewerbsvorteilen. Produktqualität steht dabei unverändert an erster Stelle. In den letzten Jahren haben sie neue, schwer imitierbare Wettbewerbsvorteile in Beratung und Systemintegration geschaffen und so die Eintrittsbarrieren für neue Konkurrenten erhöht.

Stoßen die Firmen auf Grund von Marktsättigung oder hohen Marktanteilen an Wachstumsgrenzen, dann diversifizieren sie „weich“ in Geschäfte, die nahe an ihren angestammten Kompetenzen liegen. Damit die neuen Geschäfte wiederum wie Hidden Champions fokussieren und globalisieren können, werden sie als eigenständige, dezentrale Einheiten organisiert.

Das macht die Spezialisten hoch profitabel. Ihre langjährige Umsatzrendite liegt bei mehr als dem Doppelten des Durchschnitts deutscher Unternehmen. Sie haben hohe Eigenkapitalquoten. Sie verhalten sich in finanziellen Angelegenheiten konservativ und setzen auf Selbstfinanzierung.

Klassische Hidden Champions sind Einprodukt-Einmarkt-Unternehmen und kommen mit schlanken funktionalen Organisationen aus. Werden die Geschäfte oder die bedienten Märkte komplexer, so wechseln sie frühzeitig zu divisionalen Organisationsformen. So sichern sie trotz zunehmender Komplexität ihre hohe Kundennähe.

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Die kleinen Hochleistungsorganisationen achten darauf, stets mehr Arbeit als Köpfe zu haben. Sie haben in der Mitarbeiterqualifikation massiv aufgerüstet. Die Ausbildungsquote ist mit 9 Prozent um die Hälfte höher als der deutsche Durchschnitt. Die Fluktuation liegt mit 2,7 Prozent pro Jahr weit und dem Mittelwert deutscher Unternehmen von 7,3 Prozent. Auch der Krankenstand ist sehr niedrig. Bei der Rekrutierung stehen sie allerdings vor großen Herausforderungen. Sie werden vom Fachkräftemangel stark betroffen. Die geringe Bekanntheit erweist sich im Arbeitsmarkt als Nachteil.

Die Führer der Hidden Champions zeichnen sich durch eine hohe Identität von Person und Mission, fokussierte Zielstrebigkeit, Mut, Ausdauer sowie die Fähigkeit, andere zu inspirieren, aus. Die Amtsdauer der Chefs ist mit 20 Jahren mehr als dreimal so hoch wie in Großunternehmen, wo sie durchschnittlich 6,1 Jahre beträgt. Die Chefs kommen in jungen Jahren an die Spitze. Frauen spielen als Führerinnen von Hidden Champions bedeutende Rollen. Die Internationalisierung des Managements steht erst am Anfang und bleibt eine der schwierigen Aufgaben.

Unbeirrt von kurzlebigen Managementmoden gehen die mittelständischen Weltmarktführer ihren Geschäften nach. Ihre Überlegenheit haben sie in der Welt von gestern vielfach unter Beweis gestellt. Es gibt kein Geheimrezept für ihren anhaltenden Erfolg. Es sei denn, dass sie den gesunden Menschenverstand konsequenter anwenden als andere. So einfach, und doch so schwer! Wenn sie ihren Prinzipien treu bleiben, werden sie auch in Globalia, der globalisierten Welt der Zukunft, florieren.

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