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Die Kinderpullover von Oktopulli wachsen mit. Foto: Karo Vitellaro

OktopulliFaire Kinderpullis, aber kaum teurer als H&M – der Schnitt entscheidet

Ein Pullover soll gleich vier Größen abdecken: Das Start-up Oktopulli verkauft Kinderkleidung, die mitwächst – und verzichtet auf einen Trick der Fast-Fashion-Industrie.Sebastian Dalkowski 07.06.2024 - 04:00 Uhr

Berlin. Nichts an dieser Coca-Cola ist ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist bloß, dass sie an diesem Ort ausgeschenkt wird. Eine Nebenstraße im Berliner Stadtteil Kreuzberg, die Räume eines Modelabels, das nicht nur seine Pullover möglichst verträglich für den Planeten herstellen möchte, sondern außerdem die Angestellten geradezu auffordert, sich einzumischen. Ausgerechnet hier wird keine Szene-Brause konsumiert, sondern das Getränk eines regelmäßig kritisierten Weltkonzerns.

Die Cola-Flasche ist der erste Hinweis darauf, dass hier keine durch und durch idealistischen Träumer am Werk sind, die beschlossen haben, die Welt zu retten. Wobei, ein bisschen die Welt retten, das wollen sie hier schon.

Nancy Frehse, 32, Geschäftsführerin von Oktopulli, führt an diesem Freitagmorgen im April durch die Räume ihres Unternehmens. Oktopulli, das ist eine Produktionsstätte mit angeschlossenem Ladenlokal, wobei die meisten Kleidungsstücke im Onlineshop verkauft werden. Was sie im Laden verdienen, das trägt gerade mal die Miete, sagt Frehse. Von draußen kann man durch die Fenster in die Werkstatt schauen und den Leuten bei der Arbeit zusehen. Passanten sollen mitbekommen, wie Kleidung entsteht.

Oktopulli hat sich vorgenommen, es anders zu machen. Gerade in einer Branche, die besonders häufig kritisiert wird. Für ihren Ressourcenverbrauch – nach Angaben des Europäischen Parlaments verursacht die Textilindustrie laut Schätzungen zehn Prozent aller weltweiten Treibhausgasemissionen – und für ihre Arbeitsbedingungen. Der Großteil der Kleidung wird in Billiglohnländern produziert.

Oktopulli will eine Alternative zur billigen Fast Fashion aus Südostasien sein, aber funktioniert das auch?

Das Produkt

Frehse sagt, sie wollen coole, faire Biokleidung herstellen, „die nicht nur nach Waldorf aussieht“. Momentan sind das vor allem Pullover für Kinder und Erwachsene. Die lassen sie aber nicht in Südostasien produzieren, nicht einmal in Portugal oder in der Türkei wie Armedangels, Deutschlands bekanntestes Label für faire Biomode, sondern in ihrer eigenen Nähwerkstatt gleich neben dem Laden.

Die Oktopulli-Gründerinnen Carla Reuter (links) und Nancy Frehse. Foto: Oktopulli

Außerdem arbeitet das Unternehmen mit zwei Werkstätten in Leipzig zusammen. Noch immer braucht es Menschen für die Herstellung von Kleidung. Deshalb ist der Lohn der entscheidende Kostenfaktor, und deshalb produziert fast keine deutsche Marke mehr in Deutschland. Frehse sagt, sie wollen das lokale Handwerk fördern.

Die Kinderpullover werden zu 50 bis 70 Prozent aus Reststoffen und B-Ware genäht, für den Rest und für die Produktion der Erwachsenenpullover verwendet Oktopulli Stoffe aus der Türkei, die das GOTS-Siegel tragen. Das steht für Global Organic Textile Standard. Damit werden biologisch erzeugte Naturfasern zertifiziert. Die Pullover bestehen aus Baumwolle, also aus einem nachwachsenden Rohstoff. Elasthan, das aus Erdöl besteht und damit endlich ist, verwendet Oktopulli zwar in geringen Mengen, kauft es aber nie neu ein.

Das Besondere an der Kinderkleidung ist, dass sie mitwächst. Jeder Pullover soll vier Größen abdecken. „Der liebe Gott hat nie gesagt: Kinder brauchen alle drei Monate ein neues Kleidungsstück“, sagt Frehse. Dieses Feature verdankt der Pullover vor allem dem Raglan-Schnitt. Eigentlich läuft eine Naht über die Schulter, hier aber übers Schlüsselbein. Man kennt diesen einst verbreiteten Schnitt fast nur noch aus dem Sport, weil er Bewegungsfreiheit gibt.

„Moneymaker-Schnitt“, nennt Frehse das, was die Textilindustrie sonst einsetzt. Weil er dafür sorgt, dass Kinder schnell aus ihrer Kleidung herauswachsen und neue brauchen. Bei Mädchen kommt hinzu, dass die Kleidung normalerweise enger anliegt, also noch schneller zu klein ist. Dabei haben sie bis zur Pubertät keine anderen Körperproportionen als Jungen, sagt Frehse.

Die Naht eines Raglan-Pullovers verläuft nicht über die Schulter, sondern übers Schlüsselbein. Foto: Pavel Sepi

Die Pullover von Oktopulli haben leichte Übergröße, und die Ärmel sind länger, sodass man sie umkrempeln kann. Außerdem sind sie genderneutral. Das betrifft sowohl das Design als auch die Schnitte. Prinzessinnen-Motive auf rosa Stoff sucht man hier vergebens.

Bis auf die Kleidungsstücke im Geschäft hält Oktopulli keine Ware vor, sondern näht nur auf Bestellung. Zum einen ist es für ein kleines Label schwieriger, in Vorleistung zu gehen. Zum anderen produzieren sie so auch nur, was wirklich gebraucht wird. Frehse sieht aber auch eine Bildungsaufgabe darin. Käufer sind es gewohnt, dass der Pullover ein bis zwei Tage nach der Bestellung mit der Post kommt. Hier beträgt die Wartezeit zwei bis drei Wochen. Die Leute sollen begreifen, dass ein Mensch diesen Pullover wirklich für sie näht.

Mit Preisen aus der Fast-Fashion-Industrie kann Oktopulli nicht mithalten, schon allein wegen der Lohnkosten. Ein Pullover für Kinder kostet rund 60 Euro, für Erwachsene 120. Bei H&M und C&A würde man für Kinder und Erwachsene locker mit 20 Euro auskommen.

Aber es gibt drei Preise. Den regulären Preis, den Supporter-Preis und den Soli-Preis. Der Supporter-Preis liegt etwas höher und ermöglicht einer anderen Person, den Pullover zum günstigeren Soli-Preis zu kaufen. Bei einem Kinderpullover sind das 40 statt 60 Euro. Da ein Pullover vier Größen umfasst, macht das zehn Euro pro Größe. Da wäre auch ein Pullover aus der Fast-Fashion-Industrie nicht so viel günstiger.

Frehse hält dieses Preismodell für ökonomisch klug. Schließlich verliert das Unternehmen keine Kunden, wenn die gerade knapp bei Kasse sind. „Die Person kommt doppelt und dreifach zurück, wenn es ihr wieder bessergeht.“ Bisher mussten sie noch nie jemanden ablehnen, der die günstige Variante kaufen wollte, weil immer genügend Leute den Supporter-Preis bezahlen, sagt Frehse.

Die Produktionsbedingungen

Auch in der Unternehmensführung versucht Frehse, einen anderen Weg zu gehen. Oktopulli hat neun Angestellte. Vollzeit bedeutet eine 35-Stunden-Woche. Alle müssen 30 Tage Urlaub nehmen, bei Bedarf gibt es weitere bezahlte freie Tage. Das entscheiden sie hier gemeinsam im Team. Es ist Frehse lieber, die Person nimmt sich ein paar zusätzliche freie Tage, als dass sie sich aus Erschöpfung krankschreiben lässt. Es sei nur positiv für die Produktion, wenn sie erholt zurückkehre.

Frehse sagt aber auch, es gehe nicht alles, was wünschenswert wäre. „Trotz all dieser Ideale sind wir ein ökonomischer Betrieb. Wir müssen am Ende auch unsere Miete zahlen können.“ Oktopulli ist keine Basisdemokratie, Frehse bleibt die Geschäftsführerin.

Über die Gehälter spricht die Belegschaft ebenfalls. Der Stundenlohn liegt zwischen 17,60 Euro und 20,90 Euro. Ziel ist ein Stundenlohn von 25 Euro. Die Höhe hängt von Kompetenz und Verantwortung ab, aber auch von der Lebenssituation. Wer zum Beispiel ein Kind hat, bekommt mehr Geld.

Die Näherinnen dürfen beim eigenen Gehalt mitreden. Foto: PR

Frehse darf als Geschäftsführerin höchstens das Fünffache der am schlechtesten bezahlten Teilzeitkraft bekommen, so haben sie es festgelegt. Momentan liegt sie aber noch klar darunter. Sie verdient 3500 Euro im Monat.

Arbeitslohn und Materialkosten entscheiden darüber, wie teuer ein Pullover ist. Im schlimmsten Fall läuft es in der Modeindustrie umgekehrt, und der Preis des Pullovers entscheidet, wie viel Menschen und Material kosten dürfen. Frehse sagt, sollte es nur mit Ausbeutung funktionieren, würde sie Oktopulli nicht weiterführen.

Die Unternehmensform

Oktopulli ist eine GmbH, aber auch ein Unternehmen im sogenannten Verantwortungseigentum. Dafür gibt es in Deutschland noch keine eigene Rechtsform, auch wenn die Regierungskoalition sich das vorgenommen hat.

Oktopulli behilft sich damit, die Purpose-Stiftung, die diese Unternehmensform voranbringen will, mit einem Vetorecht auszustatten. Diese muss zum Beispiel Nein sagen, wenn Oktopulli verkauft werden soll oder die Eigentümerinnen das Unternehmen an ihre Kinder vererben wollen.

Im Kern bedeutet Verantwortungseigentum: Die Eigentümerinnen dürfen dem Unternehmen keine Gewinne entnehmen, der Fortbestand des Betriebs steht über allem. Als Gründerin wird Frehse aber einmalig 100.000 Euro bekommen, sobald es sich das Unternehmen leisten kann. Frehse glaubt nicht daran, dass ihr Gründungsrisiko auf ewig vergütet werden soll. „Ab irgendeinem Punkt bin ich nur ein kleiner Teil.“

Verantwortungseigentum schränkt zwar ein, bringt aber auch viele Vorteile, hat Frehse festgestellt. Sie hätten viel schneller das Vertrauen der Kundschaft gewonnen, außerdem viele Bewerbungen erhalten. Weil die andere Seite eben weiß: Der Unternehmenszweck, faire Kleidung herzustellen, bleibt bestehen, selbst gegen den Willen der Chefetage.

Die Vergangenheit

Wie alle guten Unternehmensgeschichten beginnt auch diese nicht mit einem festen Plan, sondern eher aus Versehen. „Ich bin da ein bisschen reingefallen“, sagt Nancy Frehse.

Ein Vorbild war ihre Mutter, die, obwohl alleinerziehend, nicht nur ihr Studium abschloss, sondern sich danach selbstständig machte.

Während der Pandemie wollte sie eigentlich nur einen Pullover für ihren Neffen nähen und stellte fest, wie schnell er wieder herausgewachsen war. So stieß sie auf den Raglan-Schnitt.

Aus dem Bekanntenkreis kamen weitere Nachfragen. Schließlich nähte sie zusammen mit ihrer Studienfreundin Carla Reuter 20 Exemplare, um sie auf Etsy zu verkaufen, eine Art Ebay für selbst gefertigte Produkte. Den Gewinn spendeten sie. Als die Pullover innerhalb eines Tages verkauft waren und auch die zweite Fuhre schnell weg war, erkannten sie die Marktlücke.

Im Sommer 2021 gründeten die beiden die Oktopulli GmbH. Sie begannen in einem WG-Zimmer, zogen dann auf neun Quadratmeter in ein Industriegebiet, bevor sie ins Ladenlokal nach Kreuzberg wechselten.

Die beiden können nicht nur nähen, sondern sind auch Ökonominnen. In Freiburg hat Frehse neben Kunstgeschichte auch ihren Bachelor in BWL gemacht. Für ihren Master in „Ökonomie, Nachhaltigkeit und Gesellschaftsgestaltung“ ging sie nach Koblenz an die „Hochschule für Gesellschaftsgestaltung“. Dort lernte sie nicht nur Carla Reuter kennen, die zuvor Jura studiert hatte, sondern auch, wie sich Wirtschaft so gestalten lässt, „dass ich in der Lage bin, Menschen gut zu versorgen, ohne dem Planeten zu schaden“. Wirtschaft, das lernte Frehse, ist nicht naturgegeben.

Gründerin Nancy Frehse spricht mit einer Mitarbeiterin. Foto: Claudia Bernhard

So machten Frehse und Reuter Oktopulli zum Praxisfall für die Theorie. Sie liehen sich 25.000 Euro aus der Familie, bekamen außerdem einen Startkredit der bundeseigenen Bank KfW über 75.000 Euro, den sie für Maschinen, Einrichtung, Miete und die ersten Gehälter brauchten. Sie zahlen ihn noch zurück.

Reuter ist zwar noch Gesellschafterin, aber mittlerweile stärker damit beschäftigt, in der Purpose-Stiftung die Rechtsform Verantwortungseigentum voranzubringen.

Frehse hält auch Vorträge, war Mentorin an der Uni Heidelberg im Fach BWL. Trotzdem stellt sie immer wieder fest: „Man wird ziemlich schnell in eine Ecke gestellt.“ Weil es auf klassische Unternehmer naiv wirkt, was Oktopulli macht. „Das finde ich krass bei unserem Background.“

Sie sei keine linke Ökonomin, „überhaupt nicht. Ich bin die Ökonomin, die schaut, wie wir ressourcenschonend und menschenfreundlich arbeiten können. Und wenn das links ist, dann soll das meinetwegen links sein. Ich meine, dass genau das im Grundgesetz steht, wie wir unseren Planeten bewirtschaften sollen.“

Die Zukunft

Noch ist unklar, ob Oktopulli dauerhaft funktioniert. Es gibt Monate, in denen es sich bereits trägt. Der Anfang ist ermutigend. 2022 hat Oktopulli laut Frehse 190.000 Euro Umsatz gemacht, 2023 mit knapp 3300 Pullovern 250.000 Euro eingenommen. Das Unternehmen ist noch in der Investitionsphase.

Kürzlich hat Oktopulli eine erfolgreiche Finanzierungsrunde abgeschlossen. Innerhalb von anderthalb Monaten kamen über stille Beteiligungen 150.000 Euro zusammen. Im besten Fall erhalten die Anleger das Zweieinhalbfache inklusive der Einlagen zurück. „Im Start-up-Investment-Game ist das nichts“, sagt Frehse. Da gehe es eher um das 25-Fache. Mitbestimmen dürfen die Investoren auch nicht. „Alle haben gesagt, dann wird euch doch niemand Geld geben. Aber das war überhaupt nicht so.“

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Ab 2028 will Oktopulli nur noch aus sich selbst heraus wachsen. Das Unternehmen braucht das Wachstum, um sich tragen zu können. „Unser Geschäftsmodell ist definitiv skalierbar“, sagt Frehse. Gute Ideen müssten skalierbar sein. Sie glaubt aber nicht an Standorte, die so groß sind wie Kleinstädte. Dann lieber viele kleine Teams aufbauen.

In wenigen Wochen kommen die mitwachsenden Hosen für Kinder auf den Markt. Frehse sagt: „Wir möchten, dass du dich als Kind oder Erwachsener in fünf Jahren komplett bei Oktopulli einkleiden kannst.“ Ende des Jahres werden sie voraussichtlich in größere Räume umziehen.

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