Smart Home: Rekordpreise für Strom? Dieses Start-up will die Rechnung senken
Das Start-up will mit Service und Beratung punkten.
Foto: TinkDüsseldorf. Für die meisten Unternehmen sind die stark steigenden Energiekosten eine Bedrohung. Beim Start-up Tink, das Smart-Home-Lösungen für Heizungen verkauft, fördern sie dagegen den Absatz.
„Die aufgrund der Ukrainekrise stark gestiegenen Energiekosten haben eine Sonderkonjunktur in der Kategorie smartes Heizen ausgelöst“, berichtet Julian Hueck, der Tink zusammen mit Marius Lissautzki vor sechs Jahren gegründet hat. Im ersten Quartal sprang der Umsatz um 35 Prozent nach oben und dürfte in diesem Jahr die Marke von 100 Millionen Euro durchbrechen.
Viele Verbraucher interessieren sich für eine intelligente Steuerung der Elektronik in ihrer Wohnung – gerade, weil sie dadurch auch Strom sparen können. Etliche Konsumenten aber sind von der komplizierten Technik abgeschreckt, wie eine Umfrage des Branchenverbands Bitcom zeigte. Genau da setzt Tink an.
„Wir wenden uns mit unserer Plattform an den Massenmarkt, nicht an die Technik-Nerds“, sagt Lissautzki. Kern des Sortiments sind smarte Heizungsthermostate, die den Energieverbrauch um durchschnittlich 20 Prozent senken sollen.
Übernahme sichert Netz von Servicetechnikern
Das Potenzial für solche Anwendungen ist groß. So sollen nach einer Analyse von Statista mit Smart-Home-Anwendungen in Deutschland in diesem Jahr 6,33 Milliarden Euro umgesetzt werden. Bis 2026 soll der Markt auf 9,08 Milliarden Euro wachsen. Von diesem Umsatz soll 2026 rund 1,12 Milliarden allein auf das Energie-Management entfallen, das Kerngeschäft von Tink. Und in diesen Zahlen sind die Folgen des Ukrainekriegs und der dadurch beschleunigte Anstieg der Energiepreise noch nicht berücksichtigt.
Um von diesem Markt noch stärker zu profitieren, hat das Unternehmen jetzt einen bundesweiten Installationsservice gestartet, der mit dem Kauf der Produkte mitgebucht werden kann. Während Start-ups wie 1Komma5 Grad für die Installation moderner Heizungslösungen ein deutschlandweites Netzwerk an Elektroinstallateuren aufbauen, setzt Tink mehr und mehr auf eigene feste und freie Mitarbeiter. Außerdem hat das Unternehmen eine Reparaturwerkstatt eingerichtet.
Ein wichtiger Schritt zum Ausbau des Service war die Übernahme von Roboexpert, einem Onlineshop, der sich auf smarte Anwendungen für den Garten spezialisiert hat, etwa Mähroboter. Damit erweiterte Tink nicht nur sein Sortiment und gewann 100.000 Kunden dazu. „Wir haben einen großen Sprung gemacht durch die Akquisition von Roboexpert“, erklärt Hueck. Denn das Unternehmen verfügt über ein eigenes Installationsnetzwerk. „Wir haben dadurch jetzt die Kompetenz gewonnen, Installateure zu gewinnen, zu führen und einzusetzen“, sagt der Tink-Mitgründer.
Bereits vierstellige Zahl von Wallboxen installiert
Da Tink sein Sortiment deutlich erweitern will, ist diese Serviceexpertise wichtig. Es geht nicht nur um Heizthermostate, im Portfolio befinden sich beispielsweise auch Wallboxen für die Aufladung von Elektroautos. Neu hinzu kommen sollen etwa Wärmepumpen. „Die neuen Kategorien werden deutlich komplexer, da braucht man eigene Installateure, um die Qualität und Verfügbarkeit zu gewährleisten, die wir brauchen“, so Hueck. Gerade die Kategorie Wallbox sei sehr gut angelaufen. „Wir haben den Bereich im Februar gestartet und schon eine vierstellige Anzahl installiert“, so Hueck. Die Nachfrage sei höher als die Zahl der verfügbaren Geräte.
Um das Wachstum von Tink bestmöglich zu begleiten, haben sich die Gründer für jede Phase gezielt passende Investoren gesucht. So kam in der Startphase Rocket Internet an Bord, das spezialisiert darauf ist, junge Marken aufzubauen und bekannt zu machen.
Die Tink-Gründer wollen vom Boom bei Smart-Home-Anwendungen profitieren.
Foto: TinkIm vergangenen Jahr haben die Gründer dann entschieden, einen Private-Equity-Growth-Investor reinzunehmen, Cadence Growth Capital. Die Runde hatte ein Volumen von rund 30 Millionen Euro. „Das gibt uns das Kapital, um neue Kategorien und neue Länder zu erschließen und den Dienstleistungsbereich ausbauen zu können“, sagt Lissautzki.
Cadence verspricht sich viel von dem Engagement. „Mit dem Investment in Tink haben wir die ideale Kombination aus starkem Management-Team und einem bewiesenen Geschäftsmodell in einem stark wachsenden Markt rund um das klimaneutrale smarte Zuhause gefunden“, begründet Sebastian Eiseler, Managing Director und Gründer von Cadence Growth Capital, die Entscheidung.
Erfolgreiche Partnerschaft mit Versorger Vattenfall
Als strategischer Partner ist zusätzlich der Energieversorger Vattenfall dabei. Sie verkaufen Smart-Home-Technologien und Stromverträge im Bündel. „Die bisherigen fünf Jahre der Partnerschaft zwischen Vattenfall und Tink waren für beide Seiten sehr erfolgreich“, erklärt Rainer Wittenberg, Geschäftsführer Vattenfall Europe Sales, auf Nachfrage.
Der Energieversorger unterstütze Tink darüber hinaus bei Erschließung neuer Kategorien im Bereich E-Mobilität und dezentraler Energielösungen. So vermarkten sie beispielsweise gemeinsam Wallboxen.
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Neben der Erweiterung des Sortiments sieht Tink „ein riesiges Potenzial in der Internationalisierung“, wie Hueck betont. Im ersten Schritt hat das Unternehmen die Märkte Österreich, Niederlande und Belgien aufgebaut. Jetzt beginnt in Schweden die Expansion in den skandinavischen Raum. Gebremst wird das Wachstum im Moment allerdings durch Lieferprobleme bei vielen Herstellern. Das sei eine echte Herausforderung, die man gemeinsam mit den Produzenten lösen müsste, räumt Hueck ein.
Dabei hat der Gründer eine Beobachtung gemacht: Anbieter, die vorher für ihre hocheffizienten Lieferketten gelobt wurden, hätten jetzt die größten Probleme bei der Lieferfähigkeit. Und er ergänzt: „Unternehmen, die vorsichtiger gearbeitet haben und höhere Lieferbestände hatten, tun sich jetzt sehr viel leichter.“