Wettbewerb: Hier kümmert sich der Chef um die Kindergartenplätze
Köln. Bei der Personalsuche legt sich Dirk Schulte-Uebbing besonders ins Zeug. „Als Unternehmen müssen wir einen Strauß aus diversen Möglichkeiten anbieten, um Fachkräfte nach Dortmund zu locken. Der Standort ist vergleichsweise wenig attraktiv“, sagt der Geschäftsführer der Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung Dosu.
Im Stadtteil Brechten beschäftigt Schulte-Uebbing 15 feste und zehn freie Mitarbeiter. Selten sei mehr als die Hälfte von ihnen zugleich im Büro. Denn bei Dosu dürfen alle jederzeit von zu Hause aus arbeiten. „100 Prozent Homeoffice“ nennt Schulte-Uebbing die Option.
Es ist nicht der einzige Vorzug, mit dem Dosu lockt. Auch den Familien von Beschäftigten soll es gut gehen. Um Kindergartenplätze in Dortmund kümmert sich der Chef höchstpersönlich. Zudem haben Beschäftigte die Möglichkeit, einmal im Monat einen Freitagnachmittag freizunehmen, sofern sie ihr Wochenpensum dann schon erledigt haben.
Neue Führungskräfte können gemeinsam mit ihren Familien zusätzlich zum Gehalt über ein zweckgebundenes Budget von 5000 Euro verfügen. Dies ermöglicht es ihnen, in einem Coworking-Space auf der Ostseeinsel Rügen zu arbeiten.
Zuschuss zur Workation auf Rügen, flexible Arbeitszeit oder freie Wahl des Arbeitsorts: Mit solchen Leistungen für das Personal hat Dosu im Ranking „Beste Arbeitgeber“ in den Kategorien Remote Work und Familienfreundlichkeit jeweils Platz eins erreicht. In der Studie wurden rund 2000 Unternehmen aus vier Größenklassen vom Sozialwissenschaftlichen Institut Schad (SWI Human Resources) dazu befragt, welche Möglichkeiten sie für Remote Work sowie für die Familienfreundlichkeit bieten.
IT-Firmen liegen vorn
Ein Ergebnis: IT-Unternehmen schneiden in der Erhebung besonders gut ab. Sie belegen vier der insgesamt acht Spitzenplätze. IT-Arbeit lasse sich gut außerhalb des Büros erledigen, erläutert Studienleiter Johannes Higle. „Und letztlich leidet die IT besonders unter dem Fachkräftemangel. Arbeitgeber müssen daher viel bieten, um Mitarbeiter anzulocken und zu binden.“
Homeoffice ist noch längst keine Selbstverständlichkeit, wie Zahlen belegen. Zwar hat sich in den vergangenen fünf Jahren die Zahl der Stellenanzeigen mit der Möglichkeit zum Remote-Arbeiten verfünffacht, wie eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung ergab. Doch in absoluten Zahlen liegt der Anteil damit erst bei 18 Prozent.
Zudem gab es beim tatsächlich im Homeoffice geleisteten Arbeitsvolumen eine Seitwärtsbewegung. Beschäftigte verbringen dort aktuell durchschnittlich 17 Prozent ihrer Arbeitszeit, hat eine Umfrage des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung ergeben. Der Wert entspricht in etwa dem des Vorjahres.
Experte Higle sieht den Trend zum ortsunabhängigen Arbeiten langfristig dennoch ungebrochen. „Die Spitze ist noch nicht erreicht. Der Fachkräftemangel wird zunehmen – und damit auch der Anteil an Remote Work.“ Schon jetzt ist ortsunabhängiges Arbeiten für 39 Prozent ein entscheidender Faktor bei der Wahl des Arbeitgebers – das ergab eine Erhebung der Unternehmensberatung PwC.
Beschäftigten geht es allerdings nicht nur darum, möglichst unabhängig vom gemeinschaftlichen Büro zu arbeiten. „Wichtig ist für viele auch die Unterstützung durch den Arbeitgeber im Homeoffice“, erläutert SWI-Experte Higle. „Mitarbeiter schätzen zum Beispiel ein Coaching gegen Stress oder zur Ergonomie des Arbeitsplatzes.“ Er registriert in der jüngsten SWI-Befragung ein verstärktes Bemühen von Unternehmen, Familien von Beschäftigten ein möglichst attraktives Angebot zu machen. So benennen erste Unternehmen Familienbeauftragte. Beschäftigte können sich an sie wenden, um das Unternehmen stärker für ihre Bedürfnisse zu sensibilisieren – zum Beispiel, wenn sie Angehörige pflegen müssen.
Zwar müssen Unternehmen mit mehr als 15 Beschäftigten ohnehin Pflegezeit gewähren. Doch einige Unternehmen zahlen mittlerweile darüber hinaus auch Zuschüsse für pflegende Angehörige, hat Higle beobachtet. Ein weiterer Trend: das Eltern-Kind-Büro. Diese Arbeitsplätze sind oft mit Spielecken ausgestattet und ermöglichen es Eltern, ihre Kinder mit ins Büro zu bringen, wenn zum Beispiel die Betreuung in der Kindertagesstätte ausfällt.
Arbeitnehmer stellen die traditionelle Unterscheidung zwischen Vollzeit- und Teilzeitstellen immer häufiger infrage. So bevorzugt rund die Hälfte der Befragten laut einer weiteren Studie der Bertelsmann-Stiftung flexible Arbeitszeitmodelle, während nur 30 Prozent feste Zeiten in Voll- oder Teilzeit favorisieren. Vor allem Frauen, von denen rund 50 Prozent in Deutschland in Teilzeit arbeiten, wünschen sich hier mehr Wahlmöglichkeiten.
„Paare wollen heutzutage Erwerbs- und Sorgearbeit anders aufteilen. Dazu müssen sie Arbeitszeiten flexibler an ihre Bedürfnisse anpassen können“, sagt die Studienverantwortliche Michaela Hermann. Sie nimmt die Arbeitgeber in die Pflicht. „Betriebliche Hebel sollten hier mehr in den Fokus rücken. Es geht um lebensphasenorientierte Modelle, die das Auf- und Abstocken von Stunden ermöglichen.“
Familien im Mittelpunkt
Für rund 86 Prozent der Unternehmen sind familienfreundliche Maßnahmen bedeutsam. Das geht aus dem Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit der Bundesregierung hervor. Die Befragung wendet sich an Arbeitnehmer und Personalverantwortliche. Der Anteil entspricht einem Anstieg von rund acht Prozentpunkten im Vergleich zu 2015. Als Grund gibt die Erhebung den Fachkräftemangel an.
Auch der IT-Dienstleister IT4IPM rückt die Familien der Beschäftigten in den Fokus. Die hundertprozentige Tochter der Rechteverwertungsgesellschaft Gema hat in München und Berlin rund 200 Beschäftigte und ist beim SWI-Ranking in ihrer Größenkategorie Spitzenreiter bei der Familienfreundlichkeit. Um gut zehn Prozent ist die Belegschaft von IT4IPM in den vergangenen sechs Monaten gewachsen – fast ausschließlich handelt es sich dabei um IT-Entwickler.
„Wir haben als Arbeitgeber an Attraktivität gewonnen“, sagt Geschäftsführer Shpend Tahirsylaj. Er steuert an dieser Stelle aus Überzeugung gegen den Trend. „Während einige Konzerne darauf dringen, ihre Mitarbeitenden wieder in die Büros zu holen, gewähren wir zusätzliche Freiheiten.“ Das wirke sich positiv auf die Personalgewinnung aus, sagt Tahirsylaj. „Wenn Kandidaten und Kandidatinnen erst einmal im Bewerbungsgespräch bei uns sind, können wir sie deutlich häufiger von uns überzeugen als früher.“
Bei IT4IPM hat jeder Beschäftigte das Recht, mindestens zwei Tage in der Woche von zu Hause aus zu arbeiten. Auf Antrag ist es darüber hinaus möglich, die gesamte Arbeitszeit im Homeoffice zu verbringen, etwa wenn Kinder betreut werden müssen. Genehmigungen gelten immer für ein Jahr und können beliebig oft verlängert werden. Auch wer länger an seinem Urlaubsort verweilen will, kann bis zu zwei Wochen lang von dort aus tätig sein. IT4IPM hat einen Dienstleister engagiert, der prüft, ob dies im Einzelfall arbeitsrechtlich möglich ist.
Eine Trennung zwischen Voll- und Teilzeit kennt das Unternehmen nicht, sagt Tahirsylaj. „Gerade nach einer Elternzeit ändern sich die Bedürfnisse an die Arbeitszeiten häufig. Bei uns ist daher im Grunde alles frei verhandelbar. Nur weniger als 50 Prozent vertragen sich meist schlecht mit dem Projektgeschäft.“