Politik der Eskalation: Der Irrweg des Westens (Ложный путь Запада)

Politik der Eskalation
Der Irrweg des Westens (Ложный путь Запада)

Regierung und Medien schalten angesichts der Ereignisse in der Ukraine von besonnen auf erregt um. Aber die Politik der Eskalation schadet deutschen Interessen. Ein Essay auf Deutsch, Russisch und Englisch.

Ein jeder Krieg geht mit einer geistigen Mobilmachung einher, einem Kriegskribbeln. Selbst kluge Köpfe sind vor diesen kontrolliert auftretenden Erregungsschüben nicht gefeit. „Dieser Krieg ist bei aller Scheußlichkeit doch groß und wunderbar, es lohnt sich ihn zu erleben“, jubelte Max Weber 1914, als in Europa die Lichter ausgingen. Thomas Mann empfand „Reinigung, Befreiung, und eine ungeheure Hoffnung.“

Selbst als bereits tausende Tote auf den belgischen Schlachtfeldern lagen, ließ das Kriegskribbeln nicht nach. 93 Maler, Schriftsteller und Wissenschaftler verfassten vor nunmehr exakt hundert Jahren den „Aufruf an die Kulturwelt“. Max Liebermann, Gerhart Hauptmann, Max Planck, Wilhelm Röntgen und die anderen ermunterten ihre Mitbürger zur Grobheit wider den Nächsten:

„Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt. Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins. Dieses Bewusstsein verbrüdert heute 70 Millionen Deutsche ohne Unterschied der Bildung, des Standes und der Partei.“

Geschichte wiederholt sich nicht, fällt man sich sogleich selbst ins Wort. Aber so ganz sicher kann man sich in diesen Tagen nicht sein. Die Staats- und Regierungschefs des Westens haben im Angesicht der kriegerischen Ereignisse auf der Krim und in der Ost-Ukraine plötzlich keine Fragen mehr, nur noch Antworten. Im US-Kongress wird offen über die Bewaffnung der Ukraine diskutiert. Der ehemalige Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski empfiehlt, die dortigen Bürger für den Häuser- und Straßenkampf auszurüsten. Die deutsche Kanzlerin redet, wie es ihre Art ist, weniger deutlich, aber nicht weniger unheilvoll: „Wir sind bereit, tiefgreifende Maßnahmen zu ergreifen.“

Der deutsche Journalismus hat binnen weniger Wochen von besonnen auf erregt umgeschaltet. Das Meinungsspektrum wurde auf Schießschartengröße verengt.

Blätter, von denen wir eben noch dachten, sie befänden sich im Wettbewerb der Gedanken und Ideen, gehen im Gleichschritt mit den Sanktionspolitikern auf Russlands Präsidenten Putin los. Schon in den Überschriften kommt eine aggressive Verspannung zum Ausdruck, wie wir sie sonst vor allem von den Hooligans der Fußballmannschaften kennen.

Der „Tagesspiegel“: „Genug gesprochen!“ Die „FAZ“: „Stärke zeigen“. Die „Süddeutsche Zeitung“: „Jetzt oder nie“. Der „Spiegel“ ruft zum „Ende der Feigheit“ auf: „Putins Gespinst aus Lügen, Propaganda und Täuschung ist aufgeflogen. Die Trümmer von MH 17 sind auch die Trümmer der Diplomatie.“
Westliche Politik und deutsche Medien sind eins.

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Der Irrweg des Westens (Ложный путь Запада)

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Wer hat wen zuerst getäuscht?

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Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Politik

Kommentare zu " Politik der Eskalation: Der Irrweg des Westens (Ложный путь Запада)"

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  • Ich gehe davon aus, dass es nie spät sein sollte, ein Paar rhetorischen Fragen an Autor der spannenden Artikel zu schreiben.
    Die erster Frage wäre: für welches Leserauditorium wurde die russische Übersetzung angedacht?
    Ich bin sicher, alle Leser des Handelsblattes beherrschen Deutsch, viele - Englisch dazu, als übliche Handelssprache auf dem ganzen Welt. Ist das zufälligerweise für „einen erniedrigten Volk -Russen“ gewesen?
    Und gleich kommt die zweite Frage: wo haben Sie und die deutsche Leser“ das erniedrige russische Volk „ gesehen? Am Nizzas Strand oder Miami Beach etwa? Oder in London-City? Auf Bali? Diese Russen wissen, dass Handelsblatt existiert, sprechen Deutsch, Englisch, einige andere Sprachen. Aber, bitte ich um Verzeihung, ist sehr weit davon sich als „ein erniedrigtes Volk „ zu bezeichnen. In Gegenteil - alle Vokabulare, die Sie für „amerikanischen Tea Party “ benutzt haben, sind zutreffend für diesen Russen.
    Ich möchte Sie leider enttäuschen, aber das andere Teil des russischen Volkes hat nie über Handelsblatt gehört und noch lange nicht hören wird. Und westliche Sanktionen haben damit nicht zu tun. Sondern der Machhaber der heute Russland und sein Oligarchen - Klan.
    Die Leser von Handelsblatt, der Autor und das Redaktion können als Ergänzung zum diesen Artikel einfach „Herr „ Zhirinovsky ein paar Minuten zu hören. Viel mehr spannend als die ganze Polemik auf Deutsch, Englisch, Holländisch, Chinesisch usw.
    Als Fazit: Wo wäre es jetzt die Bundesrepublik Deutschland, wenn in Mai 1945 die Rote Armee bis auf Normandie marschiert hätte und Amerikaner, Englanden und Franzuzen nicht gewesen wäre?
    Möchte Jemand bis heute weiter marschieren und es in den Ferienlagern üben mit Kalaschnikow umgehen zu können, womit auf Ferienlager Seliger-See „die erniedrigen russischen Jugendlichen „ sich beschäftigen? Solche Zukunft wurde ich meine und Euren Kinder nicht wünschen.

  • Vielen Dank für diesen einigermaßen ausgewogenen Artikel! Die offenen Anfeindungen ohne jede objektive Analyse, die die Eskalation nur verschlimmern, kann ich nicht mehr lesen. Ich möchte nur auf einen Punkt eingehen: Hillary Clinton betreibt Wahlkampf, in dem sie Putin verunglimpft? Außenpolitik als Innenpolitik, das kennen wir schon. Auch Victoria Nuland sagte schon am Anfang der Ukraine-Krise sehr deutlich, was sie von Europa hält. Müssen wir Europäer uns das gefallen? HABEN WIR KEINE EIGENEN INTERESSEN? Russland liegt auf dem gleichen Kontinent und USA sind weit weg.

  • In Vorab entschuldige ich mich für die nicht Sachlichkeit!

    Um mit der Zeit zu gehen, und den Hype der strategisch wichtigen Sanktionen gegen RUSSIA zu stärken, schlage ich gut überlegt zum nächstem Sanktionspaket folgendes hinzufügen.
    "Die Umbenennung des bekanntesten Dortmunder Fussbalvereins zu BONOTRUSSIA DORTMUND für ein Jahr." Um den Gedankengang zu zeigen, und somit auf Russland weiteren Druck auszuüben, und Russland wie durch andere Sanktionen zu schwächen.

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