Hartz IV im Selbstversuch: 7,45 Euro – genug zum Leben?
Wie viel Geld braucht man zum Leben? Reicht der Hartz IV-Satz?
Foto: ImagoDüsseldorf. Hunger. Ich weiß es noch nicht, aber es ist vor allem dieses Gefühl, das mich in den kommenden beiden Wochen begleiten wird. Und der ständige Drang, mich entschuldigen zu müssen. Nein, ich kann nicht Mittagessen gehen. Nein, ich hole keinen Kaffee unten im Café. Nein, heute Abend kann ich nicht ausgehen. Morgen auch nicht. Ich habe kein Geld.
Zwei Wochen lang soll ich vom Hartz IV-Satz leben, so der Auftrag der Redaktion. Der Grund: Die Arbeitsmarktreform ist gerade zehn Jahre alt geworden. Und noch immer wird darüber diskutiert. Vor allem über die Leistungen. Reicht der Satz zum Leben? Ja, klar. Irgendwie. Aber wie genau, haben wir uns gefragt.
12,61 Euro am Tag. Das ist der Betrag, mit dem ich für die kommenden zwei Wochen auskommen muss. Der Regelsatz für einen Alleinstehenden liegt bei 391 Euro, ab Januar sind es 399 Euro. Ziehe ich meine Stromkosten anteilig ab, die das Amt im Ernstfall nicht übernehmen würde, sowie meine Handy- und Internet- und Versicherungskosten bleiben für 14 Tage 8,74 Euro pro Tag.
Natürlich ist das nicht die Realität eines Betroffenen. Der Satz wird im Ernstfall auch abzüglich Vermögen berechnet. Ein Betroffener sollte auch noch etwas zurücklegen. Und das Budget ist inklusive aller nötigen Anschaffungen wie Elektrogeräte oder Kleidung.
Würde ich Hartz IV bekommen, wäre meine Wohnung viel zu teuer und zu groß. Für eine Einzelperson darf die Wohnung 407 Euro kosten, inklusive Nebenkosten. Die Heizkosten kommen auf den Betrag drauf. Maximal 50 Quadratmeter darf die Wohnung haben. Für Personen, die neu in das ALG II-System eintreten, so wie in diesem Fall ich, werden höhere Kosten übernommen: 448 Euro plus Heizkosten. Meine Wohnung kostet 120 Euro mehr. Wäre der Ernstfall eingetreten, müsste ich sofort ausziehen. Oder hätte schon viel früher reagieren müssen. Denn so blieben mir nur 7,45 Euro. Für mich ist klar, wäre ich arbeitslos, würde ich als erstes die Kosten senken.
Egal, wie niedrig der Satz ist: Für mich wird nach den zwei Wochen alles wie immer sein. Ich kann mit Freunden etwas Trinken gehen, ohne groß darüber nachzudenken, ob mein Konto das her gibt. Sollte meine Waschmaschine kaputt gehen, muss ich mir eben eine neue kaufen, auch wenn mir das auch nicht so leicht von der Hand gehen würden. Bei Schuhen oder einer Winterjacke würde ich nicht lange überlegen. Außerdem habe ich Arbeit, mein Tag ist ausgefüllt. Dass ich von heute auf morgen auf Hartz IV angewiesen sein sollte, ist unwahrscheinlich.
Das Wissen, dass diese Situation wieder vorbei geht, dass sie gewollt herbeigeführt wurde, ist eine völlig andere, als aus welchem Grund auch immer auf Hartz IV angewiesen zu sein. Was sie mit Menschen macht, bei denen kein Ende in Sicht ist, kann ich nur erahnen.
Aber Britta weiß es. Sie ist eine von 4,3 Millionen Hartz-IV-Empfängern in Deutschland. Sie würde gerne arbeiten, sagt sie. Aber sie findet nichts. Eigentlich ist die 55-Jährige Verkäuferin. Vor vier Jahren verlor sie ihren Job. Bewerbung um Bewerbung hat sie seitdem verschickt. Muss sie auch, es ist eine der Auflagen des Jobcenters. Doch meist bekommt sie nicht mal eine Absage.
Sie vermutet, dass ihr Qualifikationen fehlen, dass sie zu lange raus ist, dass sie zu alt ist. Dabei wäre sie dankbar, wenn sie endlich wieder eine Aufgabe hätte. Sie sagt, das sei das Schlimmste – sich überflüssig fühlen.
Die Einsamkeit sei das Zweitschlimmste, sagt Britta. Die fehlenden sozialen Kontakte. Ein Leben im Abseits zu führen. Fast immer sei sie Zuhause. Wo solle sie auch hin, mit ein paar Euro in der Tasche? Womit sich die Zeit vertreiben? Das Radio laufe den ganzen Tag. Nicht immer würde sie zuhören. Aber so sei es wenigstens nicht so still in der Wohnung.
Sie ist dankbar, dass es Hartz IV gibt. Doch mit dem Geld auszukommen sei schwer. Auch deshalb, weil sie noch Schulden zurück zahlen muss. Frisches Obst oder Gemüse kann sie sich nur selten leisten. Also geht sie zur Düsseldorfer Tafel. Sie schämt sich dafür. Aber hier bekommt sie nicht nur Lebensmittel, sondern kann auch mal ein paar Worte mit jemandem wechseln.
Für mich übernehmen Freunde und Kollegen die Aufgabe der Düsseldorfer Tafel, wenigstens zum Teil. Und ich stelle meine Essgewohnheiten um. Auf Brot und Nudeln. Nudeln und Brot. Merke, dass ich den Kauf von Dingen, die ich eigentlich brauche, aufschiebe – Waschmittel zum Beispiel, oder Shampoo. Ich nehme stattdessen die Proben im Drogeriemarkt mit, ohne dort etwas zu kaufen. Ein bisschen schäme ich mich deshalb. Und trotzdem, ich schummle. Denn ich weiß ja, in zwei Wochen kann ich alles wieder bedenkenlos kaufen.
Eine Packung Nudeln, ein Brot, Aufschnitt, Milch, Eier. Mein Tageseinkauf im Discounter liegt bei 5,45 Euro. Das Brot wird vielleicht für zwei Tage reichen. Deshalb leiste ich mir noch frische Mandarinen. Doch mein leeres Portemonnaie wiegt schwer, weil Weihnachten vor der Tür steht. Wie ich von dem Geld, das ich noch habe, Geschenke machen soll, weiß ich nicht.
Ich treffe mich mit Petra Jungen. Sie betreut schon viele Jahre im Arbeitslosenzentrum Düsseldorf Hartz IV-Empfänger bei praktischen Problemen: Schreiben vom und ans Jobcenter, Anträge, Tipps, wie man mit dem Geld auskommen kann. Denn dafür ist die Arbeitsagentur nicht zuständig.
Die Hilfe von Petra Jungen und ihren Kollegen ist freiwillig. Und sie hat jede Geschichte schon einmal gehört. Die Überforderung der Hilfesuchenden bei der Amtssprache der Jobcenter. Die beklemmenden Situationen derjenigen, die seit Jahren Bewerbungen schreiben – ohne Erfolg. Von Depressionen und Perspektivlosigkeit. Von Sanktionen und Überforderung.
4500 Betroffene beraten Jungen und ihre Kollegen pro Jahr. Sie sind im Schnitt 45 Jahre alt, viele sind ausländischer Herkunft. Häufig muss Jungen erst einmal psychologische Hilfe leisten, bevor es um sachliche Hilfestellung gehen kann. Denn viele haben Wut im Bauch. Sie fühlen sich „angemacht“, wenn wieder einer der Briefe in Amtssprache kommt. „Ich bin doch kein Verbrecher“, hat sie schon häufig zu hören bekommen. Dann springt sie ein, beruhigt, erklärt – und hilft dann bei der Formulierung der Antwort.
Ich will wissen: Wie kann ich von meinem Hartz IV-Satz leben? Sie sagt: „Das Geld reicht, um nicht zu verhungern, aber etwas Unvorhergesehenes darf nicht passieren.“
Die Wochenenden sind das schlimmste. Ich kann nicht ausgehen, nicht Kaffeetrinken, ins Kino oder in die Kneipe. Stattdessen gehe ich spazieren. Aber auch das birgt nur Verlockungen. Denn an jeder Ecke gibt es Dinge, die ich plötzlich kaufen will. Also gehe ich nach Hause. Einen Arbeitslosen-Pass habe ich natürlich für die zwei Wochen nicht. Wäre ich betroffen, könnte ich einen beantragen. Dann gäbe es Vergünstigungen, zum Beispiel beim Tanzhaus NRW oder in der Tonhalle, der Düsseldorfer Philharmonie. Doch wie ich mir das – trotz Rabatt – leisten sollte, kann ich nicht nachvollziehen.
Der Freitag beginnt ätzend. Denn ich habe meine Brote vergessen. Mittags treffen wir uns mit Ressortkollegen zu einem Meeting. Vielleicht wird es das letzte Mal sein, dass wir so zusammenkommen. Ich will nicht ungemütlich sein und ich habe Hunger. Schon wieder.
Ich rechne im Kopf, aber egal wie ich die Preise auf der Speisekarte drehe, das Essen inklusive Getränk wir mein Tagesbudget sprengen. Sagen will ich nichts. Die Kollegen haben mich sowieso schon durchgefüttert. Als alle bestellen, denke ich: „Scheiß drauf“ und bestelle ebenfalls.
Nach den zwei Wochen bringe ich erst einmal allen Kollegen, die mich zwei Wochen durchgefüttert haben, Kaffee vom Verlagscafé mit. Das allein sprengt schon das Tagesbudget der vergangenen Wochen. Es ist mir egal, ich bin einfach nur dankbar, dass ich es wieder kann.