Ruf nach Konsequenzen: ZDF-Schummeleien alarmieren Politik
Johannes B. Kerner ist Moderator der umstrittenen ZDF-Show: In großen Stil manipuliert.
Foto: dpaBerlin. Berichte über weitere Umfrage-Manipulationen beim ZDF alarmieren die Politik. „Bei so vielen offenen Fragen plädiere ich für eine Sondersitzung des Programmausschusses“, sagte die Bundesvorsitzende der Grünen, Simone Peter, Handelsblatt Online. „Dass jetzt immer neue Manipulations-Verdachtsfälle bekannt werden, vergrößert den Schaden für das Ansehen der Öffentlich-Rechtlichen weiter“, fügte Peter hinzu, die auch Mitglied im Fernsehrat des Senders ist.
Es müsse daher „jetzt zügig und umfassend Transparenz hergestellt werden und alles auf den Tisch kommen“, sagte die Grünen-Chefin weiter. „Wir müssen in der nächsten Sitzung des Fernsehrates alle Fakten kennen und über die Konsequenzen sprechen.“ Insbesondere müsse die Verantwortung für die Manipulation „ehrlich“ beantwortet werden. „Wir wollen keine Bauernopfer sehen, sondern sicher sein, dass sich so etwas in Zukunft nicht wiederholt“, sagte Peter.
Christian Lindner, FDP-Vorsitzender und ebenfalls Mitglied im ZDF-Fernsehrat, forderte als Konsequenz aus den Manipulationen die Mitwirkung einer „unabhängigen Stelle“ bei künftigen Shows mit Umfragen. „Wir brauchen einen Sicherungsmechanismus, der es einzelnen Redaktionsmitgliedern unmöglich macht, die Ergebnisse einer Sendung so zu verfälschen“, sagte Lindner Handelsblatt Online. „Eine unabhängige Stelle im Sender, die objektiv Umfrageergebnisse einer Kontrolle unterzieht, könnte das leisten.“
Unabhängig davon forderte Lindner, die Manipulation der Sendung „Deutschlands Beste“ „restlos“ aufzuklären. „Die Verfälschung der Ergebnisse schadet dem Ansehen des ZDF und seiner Glaubwürdigkeit“, sagte der FDP-Chef.
Fast alle Sender der ARD legen mittlerweile die Verdienste ihrer Intendantin oder ihres Intendanten offen. Einzige Ausnahme: der Hessische Rundfunk (HR). Das Gehalt des Intendanten Helmut Reitze (Foto) ist Verschlusssache. Der „Focus“ und die „Süddeutsche Zeitung“ schätzten das Gehalt Reitzles einmal auf 215.000 bis 220.000 Euro. Die Gehälter der anderen Senderchefs sind allerdings öffentlich – und jetzt hat das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ auch ihre Nebenverdienste recherchiert.
Foto: PRThomas Kleist ist Intendant des Saarländischen Rundfunks (SR). In diesem Jahr wird Kleist nach „Spiegel“-Angaben 216.762 Euro verdienen. Besonders interessant ist jedoch Kleists Nebenverdienst. Auf 16.620 Euro zusätzlich kommt Kleist – der Chef des kleinen SR streicht damit nebenbei mehr ein, als so mancher Intendant eines größeren Senders.
Nebenbei verdienen die Intendanten meistens durch Aufsichtsratsposten bei ARD-Tochterunternehmen. Die Tätigkeiten gehören zwar zum Job dazu, die Vergütung gibt es aber zusätzlich.
Als Dagmar Reim im Jahr 2003 Intendantin beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) wurde, war sie die erste Frau an der Spitze einer ARD-Anstalt. Die RBB-Chefin verdient mittlerweile 228.000 Euro (2012). Nebenher bekam sie 12.000 Euro – von denen sie allerdings 3000 Euro spendete.
Foto: PRBeim kleinsten und ärmsten Sender der ARD, Radio Bremen, verdiente Jan Metzger im vergangenen Jahr 246.000 Euro. Bis zum Jahr 2012 gab es zudem 12.000 als Nebenverdienst für den Intendanten. Seit März bezieht Metzger allerdings keine Vergütung mehr für seine Aufsichtsratstätigkeit bei der Sendertochter Bremedia.
Foto: PRKarola Wille ist die Chefin des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR). Im Jahr 2012 kam Wille auf ein Jahressalär von 247.801 Euro. Dazu kommen Nebenverdienste, die sich auf 21.888 Euro summieren. Bei der Compliance-Beauftragten des MDR hat Wille laut „Spiegel“ allerdings eine Untersuchung zum Thema Nebenverdienste in Auftrag gegeben.
Foto: dpa„Mainzelmann“ Thomas Bellut ist seit dem 15. März 2012 Intendant des ZDF. Bis zum Jahresende verdiente Bellut beim Zweiten 276.173 Euro. Dazu kamen 33.291 Euro aus Nebenjobs.
Foto: dpaLutz Marmor – hier bei der Pressekonferenz zum 40. Geburtstag der Sesamstraße – erhält als Intendant des Norddeutschen Rundfunks (NDR) im laufenden Jahr 305.417 Euro. Obendrauf gibt es 27.000 Euro – unter anderem aus Mandaten bei zwei Banken und einer Versicherung.
Foto: dpaDer ehemalige Regierungssprecher Ulrich Wilhelm erhielt 2012 als Intendant des Bayrischen Rundfunks (BR) 309.720 Euro. Unter den Senderchefs war Wilhelm bisher der Einzige, der freiwillig auf Nebenverdienste verzichtet. Eigentlich würden ihm Bezüge bei den Tochterfirmen Europool, Telepool und Bavaria Filmkunst zustehen.
Foto: dpaPeter Boudgoust (hier mit der Ex-WDR-Intendantin Monika Piel) wird als Chef des Südwestrundfunks (SWR) im laufenden Jahr 309.864 Euro verdienen. Der Nebenverdienst liegt mit 14.000 Euro im Mittelfeld. Nur ein Intendant bekommt eine höhere Grundvergütung ...
Foto: dpa... denn die WDR-Intendanten sind die Topverdiener unter den Senderchefs. Monika Piel erhielt im Jahr 2011 341.500 Euro. Das war deutlich mehr, als die Bundeskanzlerin bekommt. Dazu kamen Nebenverdienste von 58.922 Euro pro Jahr – ebenfalls Rekord.
Seit dem 1. Juli 2013 ist Piels Nachfolger Tom Buhrow (hier bei der symbolischen Übergabe des „Staffelstabs“) im Amt. Der ehemalige „Tagesthemen“-Moderator hält es in Sachen Nebenverdienste gänzlich anders als Piel ...
... denn Tom Buhrow erhält laut „Spiegel“ ein deutlich höheres Gehalt - 367.232 Euro pro Jahr inklusive Dienstwagen. Dafür verzichtet er aber auf den Großteil der Nebenverdienste. Buhrow hat in seinem Vertrag vereinbart, dass er insgesamt maximal 6000 Euro pro Jahr für seine Tätigkeiten in Aufsichtsgremien bekommt. Aus gutem Grund: Als „Tagesthemen“-Moderator stand er einmal in der Kritik, weil er lukrative Nebenjobs übernommen hatte.
Foto: dpaDas ZDF hatte in den zwei Shows „Deutschlands Beste!“ am 2. und 3. Juli die angeblich nach Umfragen beliebtesten 50 Frauen und Männer vorgestellt. Am vergangenen Freitag räumte der Sender ein, dass die Redaktion die Listen gezielt manipuliert habe. Eingeladene Gäste der Shows seien im Ranking nach oben gestuft worden.
Der „Tagesspiegel“ berichtete zudem, dass das ZDF bereits 2007 eine Zuschauerabstimmung neu berechnet hat. Damals ging es um ein Zuschauer-Voting für die damalige Show „Unsere Besten – Musikstars aller Zeiten“. Die umstrittene Rockband „Böhse Onkelz“ landete damals auf Platz 1 des Rankings. Das ZDF habe das aber nicht akzeptiert und ließ eine „Neuberechnung“ vornehmen. Statt auf Platz 1 landete die Band dann auf Platz 25. Als Siegertrio wurden Herbert Grönemeyer, Udo Jürgens und Wolfgang Amadeus Mozart präsentiert.
Der Vorsitzende des ZDF-Fernsehrats, der CDU-Politiker Ruprecht Polenz, schlug inzwischen vor, bei künftigen Shows mit Umfragen Experten mitwirken zu lassen. „Zu möglichen strukturellen Konsequenzen könnte gehören, dass bei jeder Sendung, in die Zuschauer per Umfrage repräsentativ einbezogen werden sollen, eine Stelle mitwirkt“, sagte Polenz der Nachrichtenagentur dpa. Dies solle eine Institution sein, die mit derartigen Befragungen Erfahrungen habe „wie zum Beispiel die ZDF-Medienforschung oder die Forschungsgruppe Wahlen“.
Der Fernsehratsvorsitzende hatte in einem Schreiben an die Mitglieder des Kontrollgremiums erklärt, der Vorfall habe die Glaubwürdigkeit des ZDF beschädigt. Es müsse Konsequenzen geben, damit sich so etwas nicht wiederhole.
Kritisch zu den Schummeleien äußerte sich auch TV-Moderator Jörg Pilawa, der zu Jahresbeginn vom ZDF zur ARD gewechselt ist. „Die scripted reality ist jetzt auch in der Unterhaltung angekommen“, sagte der 48-Jährige der dpa. Das Fernsehen entferne sich auf diese Weise vom Zuschauer. Unter „scripted reality“ versteht die Branche TV-Beiträge, die dokumentarisch wirken, aber von Drehbuchautoren verfasst werden.