Weltmarktführer aus Heiligenhaus: Kiekert und der Knarziator
Das ein Autotürschloss satt und hochwertig klingt, ist kein Zufall. Im speziell entwickelten und gefertigten Testständen werden die Prototypen extremen Tests unterzogen.
Foto: Kiekert AGDass das Geräusch satt und hochwertig klingt, ist kein Zufall. Ebenso wenig, dass die Tür, nachdem Bendel sie wieder leicht geschlossen hat, sich fest ansaugt und nun wirklich wieder fest geschlossen ist.
Ein Feature für Technikverliebte? Nein, in Heiligenhaus arbeiten bodenständige Entwickler, die sich in China genauso zurechtfinden wie in Amerika und in Europa, aber auch noch wissen, was Autofahrern das Leben leichter macht. So denkt das Kiekert-Testfahrzeug für die Fahrer mit. Zum Beispiel, wenn sie gerade mit großem Grill oder langen Holzlatten aus dem Baumarkt kommen. Dann klappt es mit einem Knopfdruck die einzelnen Rückbänke automatisch um.
Kiekert-Schlösser stecken in jedem fünften Pkw weltweit. Und seit der neue Eigentümer Lingyun nun selbst aus China kommt, setzen auch immer mehr Fahrzeughersteller im Reich der Mitte auf Schlösser, die im Bergischen Land entwickelt wurden. Fast 1.000 Mitarbeiter arbeiten in Heiligenhaus, rund die Hälfte in der Produktion. Das größte Werk von Kiekert steht allerdings in Tschechien, das kleinste wird gerade in Russland eröffnet.
Insgesamt arbeiten 5.000 Menschen an neun Standorten in sechs Produktionswerken, fünf Entwicklungszentren und Vertriebseinheiten rund um den Globus. Doch das liebevoll „Knarziator“ genannte Testgerät steht im beschaulichen Heiligenhaus. Es simuliert Fahrzeugbewegungen und nimmt den Körperschall auf.
Dort werden auch die anderen selbst entwickelten Testanlagen betrieben, die prüfen, ob Schlösser vor Staub und Wasser in allen Aggregatzuständen geschützt sind. Allein vier von 200 Ingenieuren dort kümmern sich um die Akustik. Wenn die Außengeräusche beim Fahren immer weniger werden - und dank der Elektromobilität künftig auch die Motorgeräusche - , müssen schließlich auch die Schlösser und Verriegelungen immer leiser werden.
Karl Krause, CEO Kiekert: „Die Chinesen haben keinen Sanierungsfall übernommen.“
Foto: Pressebild„Ein BMW muss nach BMW klingen“, erklärt Bendel zudem den Aufwand, „ein Mercedes nach Mercedes, ein VW nach VW und ein Rolls-Royce nach Rolls-Royce.“
Immerhin stecken in jedem Autotürschloss bis zu 130 Einzelteile, die möglichst geräuscharm und zuverlässig ineinander greifen sollen. In Heiligenhaus werden pro Jahr 5,5 Millionen Schlösser gefertigt, weltweit sind es in den Werken in Tschechien, USA, China und Mexiko pro Jahr rund 55 Millionen. Für das laufende Jahr peilt Vorstandschef Karl Krause 650 Millionen Euro Umsatz an, das wären fünf Prozent mehr als 2013. Zu den Konkurrenten zählen Brose, Magna, Hülsbeck & Fürst.
Auch wenn Kiekert seit Jahren mehr als ein Drittel des europäischen Markts bedient, ein Viertel des US-Markts und selbst im lokalen chinesischen Markt zwölf Prozent hält, hat das Unternehmen schwierige Phasen hinter sich. „Damals waren wir global zu schwach aufgestellt und finanziell angeschlagen“, erinnert sich Karl Krause, seit sieben Jahren Vorstandschef.
Härtetest: Bei Regen, Sturm und Eis müssen die Schlösser funktionieren.
Foto: Kiekert AGDer Finanzinvestor Permira hatte im Jahr 2000 den Weltmarktführer übernommen und dem Unternehmen die Finanzierungskosten aufgebürdet. Dann stiegen die beiden britischen Fonds Bluebay und Silver Point sowie Morgan Stanley ein. Sie holten den Ingenieur Krause an die Spitze. Er konnte die globale Expansion anstoßen, und seit 2010 laufen die Geschäfte bei Kiekert wieder erfolgreich.
Mittlerweile hält das Unternehmen mehr als 1.200 Patente, vor drei Jahren waren es noch 800. Im Frühjahr 2012 dann kam Lingyun. „Die Chinesen haben keinen Sanierungsfall übernommen“, stellt Krause klar.
Die Kunden, zu denen alle deutschen Hersteller sowie Ford, GM, Renault Nissan, PSA und Fiat Chrysler zählen, seien damals zurückhaltend gewesen. „Doch als klar wurde, dass die Chinesen nicht reinreden, endete der Beobachterstatus für unsere Kunden“, sagt Krause. „Wir wirtschaften autark, sind heute weniger kennzahlengetrieben als zu den Zeiten, als Finanzinvestoren die Kiekert-Anteile hielten.“
Auch die Belegschaft habe sich für den chinesischen Investor starkgemacht. Heute tagt der Aufsichtsrat vier- bis fünfmal im Jahr. Es wird deutsch und chinesisch gesprochen, früher war Englisch angesagt.
Branchenexperten halten es für einen genialen Schachzug von Kiekert, sich einen chinesischen Investor geangelt zu haben: „Kiekert ist aktiv auf die Chinesen zugegangen“, sagt einer, der sich bei Kiekert auskennt. „Lingyun öffnet uns Türen an der richtigen Stelle, das ist in China sehr wichtig“, sagt Krause. „Zu den Vertragsverhandlungen gehen wir aber allein“, stellt er klar.
Durch den chinesischen Investor steht Kiekert zurzeit stärker im Fokus. Viele Mittelständler wollten wissen, wie es so ist mit den Chinesen, erzählt Krause. Doch er und sein Team finden es unspektakulär. Für sie zählt das langfristige Engagement, „ohne dass man immer Zehnjahrespläne machen müsste“, fasst Krause zusammen. „Wir sprechen im Hier und Jetzt.“
Und so stehen auf den Messen jetzt nicht nur Kiekert-Mitarbeiter aus Heiligenhaus, sondern auch einige aus China. „Ein zunächst ungewohntes Bild“, sagen Konkurrenten. Spektakulär in den Medien aber erschien Kiekert vor 16 Jahren. Damals sorgte ein Lieferengpass bei Kiekert für den Stillstand der Bänder bei Ford in Köln. Kiekert machte damals einen Blitzschlag für die Probleme verantwortlich, von denen aber nicht alle Hersteller betroffen waren. Bei Ford sei ein Schaden von 200 Millionen Mark entstanden.
Ein Insider berichtet: Der einstige Kiekert-Chef Sterzenbach habe damals „die Hersteller am Nasenring durch die Manege“ geführt und ihnen ihre Abhängigkeit von den Zulieferern demonstriert. Das hatte Folgen: Heute „splitten die Hersteller ganz bewusst zwischen mehreren Zulieferern und zwingen Konkurrenten zur Zusammenarbeit“, erklären Branchenvertreter. Der Fall Kiekert von 1998 habe dabei möglicherweise eine Rolle gespielt.
Doch drei Eigentümerwechsel später sehe die Zukunft für Kiekert vielversprechend aus, denn das Unternehmen sei nicht nur bei Innovationen, sondern auch bei den Preisen konkurrenzfähig, sagt ein langjähriger Geschäftspartner.
Tatsächlich stecken Kiekert-Schlösser immer häufiger in kleineren Wagen und eben in den Modellen, die nur für den chinesischen Markt gefertigt werden. Das Know-how zahlt sich aus, wovon auch das benachbarte Velbert profitiert.
Dort sitzt Huf Hülsbeck & Fürst. Das Unternehmen liefert Schlüssel, die den Fahrer elektronisch oder mechanisch identifizieren. Es beliefert oft dieselben Kunden wie Kiekert. Die Firmen ergänzen sich, kooperieren häufig. 2008 hat Huf die Elektroniksparte von Kiekert übernommen.