Kommentar: Warum ausgerechnet Deutschland auf eine Zinswende hoffen muss

Manchmal sind es die kleinen Pointen, die große Trendwenden andeuten: Deutschland könne doch zur Lösung seines Haushaltsproblems eine seiner Nordseeinseln feilbieten. Diesen unerbetenen Rat erhielt die Bundesregierung diese Woche. Und zwar ausgerechnet aus Griechenland, jenem Euro-Staat, der die kreative Buchführung erfunden hat.
Und bevor man jetzt rätselt, ob angesichts der Größe des Haushaltslochs eher Norderney (kleineres Loch) oder Sylt (größeres Loch) verkauft werden müsste, sollte man festhalten: Diese Anekdote gibt das neue ökonomische Panorama Europas tatsächlich ganz gut wieder.
Denn die Häme der Griechen hat sich die Bundesrepublik ganz ordentlich verdient. Es war schließlich der damalige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der mit erhobenem Zeigefinger als „Zuchtmeister“ durch Europa lief und den Südeuropäern einen Sparkurs diktieren wollte. So wollte er vor allem die griechische Überschuldung eindämmen, die Anfang der Zehnerjahre die Währungsunion an den Rand des Abgrunds brachte.
Dieses Mal ist es Deutschland, das, nachdem das Bundesverfassungsgericht den Haushalt für 2023 gekippt hatte, ein veritables Haushaltsproblem hat – und zudem Schlusslicht Europas in Sachen Wachstum ist. Die Zeit der Berliner Selbstgerechtigkeit jedenfalls ist vorbei.
Die ständig rezipierte Metapher vom „kranken Mann“ mag für Europas größte Volkswirtschaft übertrieben sein, ökonomisches Kraftwerk des Kontinents aber ist Deutschland schon länger nicht – und wird es auf absehbare Zeit auch nicht sein. Das Wachstumspotenzial liegt nach Schätzung des Sachverständigenrats perspektivisch gerade mal bei knapp einem halben Prozent.
Der Kampf gegen die Inflation geht weiter
Darauf hoffen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) angesichts der sinkenden Inflation nun schnell auch die Zinsen wieder senkt und somit der deutschen Wirtschaft das Wachstum erleichtert, sollte Berlin indes nicht. Denn die „letzte Meile“, wie es Bundesbank-Chef Joachim Nagel neulich ausdrückte, ist im Kampf gegen die Inflation die schwierigste.
Ja, die Inflationsrate der Euro-Zone ist im November überraschend stark um 0,5 Prozentpunkte auf 2,4 Prozent gesunken (auch hier übrigens steht Deutschland mit 3,2 Prozent schlechter da). Die historisch einmaligen Zinserhöhungen von null auf 4,5 Prozent in knapp anderthalb Jahren wirken. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat spät, aber dann umso entschlossener reagiert.
Doch der Kampf ist längst nicht beendet. Die Teuerungsrate ohne die volatilen Preise für Energie und Lebensmittel liegt immer noch bei 3,6 Prozent. Außerdem werden in den kommenden Monaten die inflationsdämpfenden Effekte der gesunkenen Energiepreise verschwinden. Und auch die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale ist angesichts der kräftig steigenden Gehälter in der gesamten Euro-Zone längst nicht gebannt.
Die Inflationserwartungen der Finanzmarktakteure liegen laut aktueller ZEW-Umfrage auch für 2025 noch 0,5 Prozentpunkte über dem EZB-Inflationsziel von zwei Prozent. Und vor allem: Die langfristigen Inflationstreiber wie Arbeitskräftemangel, zunehmender Protektionismus und der teure ökologische Umbau der Volkswirtschaften werden ihre Kräfte erst noch in den kommenden Jahren entfalten.
Preissteigerungsrate droht sich deutlich über EZB-Ziel einzupendeln
Die Gefahr, dass sich das Inflationsniveau trotz aktuell sinkender Raten in der langen Frist deutlich über der Zielmarkte der EZB einpendelt, ist real. Nach einer Studie des Internationalen Währungsfonds passierte genau das in der Hälfte der untersuchten historischen Inflationsschocks.
Es gibt also alles in allem wenig Gründe für Lagarde, den Zinssenkungszyklus in den kommenden Monaten zu starten, wie viele Finanzmarktakteure es zu erhoffen scheinen. Deutschland bleibt also nichts anderes übrig, als aus eigener Kraft zu alter Wachstumsstärke zurückzufinden. Das geht in der langen Frist ohnehin besser über entschlossene Reformen als über günstigere Bedingungen zur Refinanzierung.
Auch Verkäufe aus dem Kapitalstock des Landes – und sei es Sylt – dürften kaum dabei helfen, die Wachstumsschwäche Deutschlands zu überwinden. Auch das übrigens kann man von den Griechen lernen: Die haben sich auch aus ihrem Schlamassel befreit, und Lesbos, Mykonos und Co. gehören trotzdem immer noch zum Land.