Investitionen: Wieso deutsche Firmen die Geschäftsrisiken in China ernster nehmen sollten
Shanghai, Berlin. Er sei sich sicher, dass er in seinen Privaträumen abgehört werde, sagt der Chef eines großen deutschen Konzerns in China am Rande einer Wirtschaftsveranstaltung ganz nebenbei. Das war vor rund vier Jahren – seitdem sind die Risiken für Unternehmen und ihre Mitarbeiter, die in China Geschäfte machen, noch gestiegen: Bespitzelung, rechtliche Grauzonen, Probleme beim Transfer von Daten und immer wieder Festnahmen ausländischer Geschäftsleute.
Doch deutsche Unternehmen investieren in der Volksrepublik so viel wie nie zuvor – und reagieren erst langsam auf die unsicheren Rahmenbedingungen. Experten warnen, dass Unternehmen in China die Risiken ernster nehmen müssen.
„Die meisten potenziellen Investoren sind besorgt wegen der offensichtlich schwächelnden Wirtschaft, vor allem im Konsumsektor, und natürlich wegen der als schwieriger eingeschätzten politischen Lage in China“, sagt Bernhard Weber, stellvertretender Vorsitzender des China-Netzwerks Baden-Württemberg (CNBW), der selbst mehrere Jahre in China gearbeitet hat. Der Verein versteht sich als neutrale Plattform unter anderem für Manager im Chinageschäft.
„Im vergangenen Jahr waren viele deutsche Unternehmen angesichts der Meldungen über Durchsuchungen bei Beratungsunternehmen in China einigermaßen nervös“, sagt Thomas Heck, Chinaexperte der Beratungsfirma PwC in Deutschland. Mittlerweile beschäftigten die Unternehmen auch die veränderten Investitionsbedingungen in China. Das betreffe beispielsweise die Frage des Datentransfers ins Ausland. „Strengere Gesetze im Cybersecurity-Bereich, Datenschutz mit breiten Bereichen, die nicht genau definiert sind, sorgen für Verunsicherung“, meint auch Weber.
Vordergründig geben sich die deutschen Unternehmen in der Volksrepublik gelassen. Sie glauben, dass China die guten Beziehungen zur Bundesregierung nicht riskieren würde, indem die Behörden etwa einen deutschen Manager verhaften würden. Zudem seien die deutschen Investitionen und das deutsche Know-how in der Volksrepublik weiterhin gern gesehen, heißt es.
Deutsche Direktinvestitionen auf Rekordhoch
Die Risiken halten die bereits in China tätigen deutschen Unternehmen auch nicht davon ab, noch mehr in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt zu investieren. Noch nicht zumindest. Zahlen des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), über die die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, belegen das – insbesondere was die großen deutschen Unternehmen angeht. So lagen die deutschen Direktinvestitionen in China im vergangenen Jahr insgesamt auf einem Rekordhoch von 11,9 Milliarden Euro.
Noch hätten die meisten Unternehmen die schärferen Kontrollen des Staates gar nicht richtig bemerkt, weil es sie im täglichen Geschäft weniger störe, sagte der langjährige Chinakenner und ehemalige Chef der EU-Handelskammer in Peking Jörg Wuttke kürzlich dem Handelsblatt.
Tatsächlich ist in der jüngsten Zeit auch kein Fall eines deutschen Geschäftsmanns bekannt geworden, der in China festgehalten wurde. Aus dem Auswärtigen Amt heißt es auf Nachfrage, dass die deutschen Vertretungen in China derzeit eine „knappe zweistellige Zahl inhaftierter deutscher Staatsangehöriger“ konsularisch betreuten. In der Mehrzahl der Fälle in China kenne das Auswärtige Amt die Gründe für die Inhaftierung. Das Ministerium wollte sich jedoch nicht näher dazu äußern.
Berichte über Festnahmen verunsichern Manager
Die Entwicklungen bereiten einigen Mitarbeitern deutscher Firmen schon lange Sorgen. Jüngste Berichte über Festnahmen europäischer Staatsbürger in China, aber auch die Durchsuchungen bei Beratungsfirmen im vergangenen Jahr lösten bei ihm „Schaudern“ aus, sagt der Manager eines großen deutschen Unternehmens in China im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Eine aktuelle Umfrage der deutschen Auslandshandelskammer in Peking zeigt, wie groß die Verunsicherung bereits jetzt bei den deutschen Firmen in China ist. Ein Drittel betrachte „rechtliche Unsicherheit“ als größte Herausforderung für das Geschäft, heißt es darin.
Wer in der Volksrepublik Geschäfte macht, befindet sich rechtlich auch im Alltag oft in einer Grauzone. Etwa bei dem Versuch, die eigene Kommunikation vor dem Zugriff des chinesischen Staates zu schützen. Die meisten Mitarbeiter ausländischer Firmen nutzen sogenannte VPN-Tunnel, um in China staatlich blockierte Webseiten etwa des Handelsblatts oder der „New York Times“ zu lesen. Dabei sind Anwendungen, die diese Blockaden umgehen können, in China verboten.
Chinesische Gesetze sind meist sehr weit auslegbar, ein mit Deutschland vergleichbares Rechtssystem gibt es in der Volksrepublik nicht. Immer wieder werden auch Verhaftungen von Geschäftsleuten öffentlich. Meist ist der vorgebliche Grund ein Spionageverdacht – ein sehr weit gefasstes Vergehen in China. In bestimmten Regionen der Volksrepublik kann einem sogar das zufällige Fotografieren von Polizisten zum Verhängnis werden.
Beispiele: Erst kürzlich berichtete das „Wall Street Journal“, dass der 2018 verschwundene britische Geschäftsmann Ian J. Stones bereits seit mehreren Jahren in China im Gefängnis sitzt. Anfang Januar hatte das chinesische Ministerium für Staatssicherheit mitgeteilt, dass sie den Chef einer Beratungsfirma „aus einem Drittland“ mit dem Nachnamen Huang festgenommen hätten. Hinzu kommt, dass immer wieder Journalistinnen und Journalisten verschwinden und festgenommen werden.
Chinas Staatsführung hat angesichts des Vertrauensverlustes inzwischen eine Charmeoffensive gestartet. „Die Berichte über Festnahmen und Ausreiseverbote haben ausländische Unternehmen in China verunsichert“, sagt William Klein, Partner bei der Beratungsfirma FGS Global und ehemaliger langjähriger US-Diplomat in Peking. Die chinesische Staatsführung reagiere auf diese Sorgen und versuche, Vertrauen wieder aufzubauen. „Ihre Botschaft lautet: Ausländische Investoren sind willkommen und sicher in China.“
Internationale Unternehmen haben vor allem in der Coronazeit Tätigkeiten, die nicht unbedingt von China aus gemacht werden müssen, in andere Länder verlegt. Doch die chinesische Staatsführung wird immer besser darin, den Zugang zu Informationen zu beschränken – insbesondere wenn aus Ländern außerhalb Chinas darauf zugegriffen wird, wie eine aktuelle Analyse des Berliner China-Thinktanks Merics zeigt.
Die chinesische Regierung teile immer weniger Informationen mit der Öffentlichkeit, heißt es darin. Gleichzeitig verlange sie von Drittanbietern von Daten, den Zugang für Ausländer zu beschränken. „Dies stellt Unternehmen, Regierungen und Forscher gleichermaßen vor große Herausforderungen bei der Bewertung der künftigen Entwicklung Chinas in wichtigen Bereichen“, heißt es in der Analyse.
Aus ihr geht hervor, dass China vor allem im Technologiebereich immer intransparenter wird. So wurde der 14. Fünfjahresplan für Technologie und Innovationen, der zwischen 2021 und 2022 formuliert wurde, noch immer nicht veröffentlicht. Die chinesischen Unternehmensdatenbanken Qichacha und Tianyanchan haben den Zugang für ausländische Nutzer eingeschränkt und sind teilweise nur noch zu erreichen, wenn man sich mit einer chinesischen Telefonnummer registriert.
Wichtige Wirtschaftskennzahlen wie die Jugendarbeitslosigkeit hat der chinesische Staat zwischenzeitlich gar nicht mehr veröffentlicht. Chinesische Wirtschaftsexperten sind dazu angehalten, nicht negativ über den Zustand der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt zu reden.
Hohe Hürden für ausländische Beratungsfirmen
Besonders schwierig ist das Arbeiten für ausländische Beratungsfirmen geworden, die in China Lieferketten kontrollieren sollen. Erst im Dezember hatte China das amerikanische Beratungsunternehmen Kharon sanktioniert. Das Unternehmen unterstützt Firmen unter anderem dabei, Zwangsarbeitsrisiken in der Volksrepublik zu erkennen.
„Die Anforderungen an deutsche Unternehmen, ihre Lieferketten auf Menschenrechts- und Umweltverstöße in China zu kontrollieren, steigen – gleichzeitig wird es schwieriger, diese Daten zu bekommen“, sagt Merics-Forscherin Katja Drinhausen. Unabhängige Informationsbeschaffung und ihre Interpretation rückten immer stärker in den Fokus der chinesischen Staatsführung. „Es gibt extrem viel Spielraum für Willkür – damit steigt die Gefahr, auch für deutsche Staatsangehörige, die in China arbeiten.“
Datenbeschaffung wird zum Problem
Drinhausen sagt, dass Politik und Unternehmen sich darüber im Klaren sein müssten, dass sie künftig immer mehr Ressourcen dafür einsetzen müssten, an für ihre Geschäfte grundlegende Informationen aus China heranzukommen. Es gehe nicht mehr nur darum, Daten richtig zu interpretieren, sondern darum, sie überhaupt erst zu beschaffen.
Damit steigen die Risiken und Anforderungen für Investments in China. Unternehmer müssen sich auf schwierigere Bedingungen einstellen: „Die Zeiten ungebremsten Wachstums in China sind vorbei“, sagt PwC-Experte Heck. Nun gelte es, „sich den neuen Realitäten zu stellen und die eigene Chinastrategie auf den Prüfstand zu stellen und anzupassen“.