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RezensionSo entkommen Sie Gier, Angst und anderen Tücken an den Finanzmärkten

Zwei psychologische Ratgeber für „Daytrader“ sind mehr als nur Börsenbücher. Sie verhelfen zu einem besseren Umgang mit den eigenen Gefühlen, die dem Erfolg im Wege stehen.Ulf Sommer 13.01.2024 - 14:43 Uhr

Düsseldorf. Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass 2023 trotz Rezession und Kriegen ein überdurchschnittlich gutes Aktienjahr mit Rekordständen wird? Ein Daytrader lässt sich auf solche Spekulationen wenig bis gar nicht ein. Ihr oder ihm geht es um minuten- oder gar sekundenschnelle Käufe und Verkäufe innerhalb eines Tages. Entwicklungen, die über einen Tag hinausreichen, spielen kaum eine Rolle.

Um diesen Daytrader – eine gute deutsche Übersetzung gibt es für den „Tages-Aktionär“ nicht – geht es in zwei in deutscher Sprache neu erschienenen Büchern. Beide sind ungewöhnlich. Sie geben keine Anleitungen, wie sich Daytrading am sinnvollsten ausüben lässt.

Es geht vielmehr um das mindestens genauso wichtige Drumherum: um Gefühle, Emotionen, Gier und Rückschläge. Alles wichtige Begleiterscheinungen, um in diesem schnelllebigen Geschäft nicht nur finanziell, sondern vor allem auch mental gut zu überleben.

Schon der Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt, dass Tom Hougaard keine übliche Börsenlektüre anbietet. Sein Untertitel „Best Loser Wins“ (der beste Verlierer gewinnt) zielt darauf ab, mit Verlusten ohne Angst umzugehen, ohne Groll oder den Wunsch nach Rache, sondern aus ihnen zu lernen.

Es gibt keine Einführungen zu Indikatoren, Chartformationen oder Handelssystemen. Die Kapitel lauten stattdessen: „Normal verliert“, „Normal ist nicht genug“, „Sind Sie normal?“ oder „Schließt die Schule“. Mit Letzterem ist keine herkömmliche Bildungsanstalt für Kinder, sondern eine nicht existierende Schule für Trading gemeint. Wenn es sie gäbe, dann müsste sie wegen Erfolglosigkeit geschlossen werden.

Die meisten Trader sind erfolglos

Der Autor ist davon überzeugt, dass die große Mehrheit der bekannten Trader auf Dauer erfolglos ist. Genauso wie auch er einst wenig erfolgreich an der Börse startete. „Best Loser Wins“ ist in großen Teilen die Geschichte vom Erwachsenwerden des Autors an den Märkten.

Nach dem Studium der Wirtschafts- und Finanzwissenschaften, einer Anstellung bei der amerikanischen Investmentbank JP  Morgan Chase und dann als leitender Marktstratege in der Londoner City für einen CFD-Broker war der gebürtige Däne nach eigener Einschätzung eigentlich prädestiniert dafür, erfolgreicher Trader zu werden. Aber weit gefehlt. „Auf dem Papier war ich mehr als qualifiziert, durch die Finanzmärkte zu navigieren. In der Realität – diesem Haifischbecken voller Trader – half mir mein Studium nicht wirklich weiter.“

Zu seiner eigenen Überraschung war Hougaard längst nicht so erfolgreich, wie er es sich ausgemalt hatte. Leicht profitabel, aber doch weit von seinen Zielen entfernt. Er nahm sich deshalb eine Auszeit und lernte, dass der wahre Kampf im Kopf stattfindet. Fortan trainierte er seinen Geist und setzte sich mental mit seinem Trading und den damit verbundenen Verlusten immer und immer wieder auseinander.

Tom Hougaard: Best Loser Wins
Finanzbuch Verlag
München 2023
288 Seiten
25 Euro

Dadurch erlebte er so viele „imaginäre Verluste“, dass er in der Folge die Verluste im realen Leben gar nicht mehr mit Schmerzen verband. Mal verdiente er in weniger als sieben Sekunden etwas mehr als 17.000 Pfund. „Ein anderes Mal habe ich in nur acht Sekunden 29.000 Pfund verloren.“ Bei solch abrupten Wechseln keinen Frust, keine Gier oder Verzweiflung zu empfinden ist für den Autor der Schlüssel zum Erfolg.

Er verdient mehr als manch ein Profifußballer

Heute verdient Hourgaard nach eigener Aussage mehr Geld als ein durchschnittlicher Profifußballer. Und das nicht, weil er über besondere Fähigkeiten verfüge und die Märkte besser als andere deuten könne, „sondern weil ich gelernt habe, meine Gefühle zu kontrollieren“.

Was es dafür braucht, ist seiner Meinung nach die Fähigkeit, anders als die restlichen 99 Prozent zu denken. Gut sind Kapitel wie „Risiko steuern“ oder „Gewinn-Trades aufstocken“. Sie beschreiben in wohltuend verständlichem Stil, warum Anleger dazu neigen, Verluste laufen zu lassen, sodass sie immer größer werden, oder Gewinne vorschnell mitzunehmen.

Oder warum Daytrader dazu neigen, an der Börse auch dann aktiv zu werden, wenn sie nicht wirklich hinter dem Kauf stehen. Für Hougaard ist es die Angst, etwas zu verpassen, oder einfach nur das Vermeiden von Langeweile. Sich über solche Abläufe klar zu werden, hilft bei künftigen Entscheidungen.

Spannend lesen sich Beschreibungen über den Alltag auf dem Handelsparkett: Am Anfang habe es etwas Einschüchterndes gehabt, doch im Laufe der Zeit stumpfe man ziemlich ab, wenn Unsummen den Besitzer wechseln. „Ich war einmal Zeuge, wie ein Kollege so ausgerastet ist, dass er mehrfach so heftig mit dem Fuß gegen seinen PC getreten hat, dass er einen neuen brauchte (Computer, nicht Fuß!).“

Viele Anekdoten oder Begegnungen mit Kollegen, die Hougaard zum Teil in Gedächtnisprotokollen in Interviewform schildert, was die Authentizität und den Spannungsbogen wohltuend erhöht, reizen zum Lesen.

Beispielsweise die sich über mehrere Seiten hinziehende Geschichte eines Mannes, der sein ganzes Erwachsenenleben auf dem Börsenparkett verbracht hat und sich dennoch nicht an Leute erinnern kann, die gute Arbeit geleistet haben. Allerdings hat dieses Stilmittel den Nachteil, dass der rote Faden fehlt.

Störend ist darüber hinaus eine gewisse Überheblichkeit. Beispielsweise, wenn der Autor sein Buch als das Gegenmittel bezeichnet „zu all dem Unsinn, der auf dem Trading-Spielfeld von Scharlatanen verbreitet wird, die zu 99 Prozent das Marketing beherrschen und nur zu 1 Prozent das Trading“. Bei ihm gehe es hingegen „um Aspekte des Tradings, die Ihnen sonst niemand beibringt, und außerdem verrate ich Ihnen, wie Sie an die Spitze der Trading-Pyramide gelangen“. Das ist zu reißerisch.

Trading als mentales Spiel

Wer es strukturierter haben möchte, greife zu Jared Tendler. Sein Titel „Wie Sie die psychologischen Fallen an der Börse systematisch erkennen und umgehen“ hält, was er verspricht.

Es geht darum, Schritt für Schritt Gier, Angst und Wut in den Griff zu bekommen. Tendler ist kein Börsenprofi, sondern Coach. Seine Klienten sind Pokerspieler, Unternehmer, Sportler und Trader. Sein Interesse am mentalen Spiel entstand aus persönlicher Erfahrung.

Als Student trat er im Golfsport für das Skidmore College in New York an und gewann neun Turniere. Doch bei wirklich großen nationalen Sportereignissen versagte er nach eigener Aussage immer wieder. Weil er wissen wollte, warum, studierte er Psychologie und arbeitete fortan als Psychotherapeut.

Es geht nicht um Charts, Zahlen und Trading-Ideen, sondern um Antworten darauf, was einem Erfolg an der Börse im Wege steht. Es geht um zwischenzeitliche Depotgewinne, die nicht realisiert wurden, und den Umgang mit Verlusten, die nicht hätten passieren dürfen. Grund für solche Misserfolge sind in aller Regel nicht fehlendes Fachwissen, sondern die Tücken der Psychologie.

Von Pokerspielern lässt sich einiges lernen

Das Buch ist in zehn Kapitel gegliedert, wie Emotionen, Gier, Angst, Selbstvertrauen, Disziplin – und das vielleicht weniger geläufige „Tilt“. Der Begriff kommt aus dem Pokern und beschreibt einen Spieler, der sich so sehr ärgert, dass er daraufhin grottenschlecht spielt.

Auf das Handeln an der Börse übertragen heißt das: Weil sich die Märkte anders entwickeln als gedacht, baut sich Wut kontinuierlich auf, bis sie überkocht. Aktionäre neigen in solchen Fällen häufig zu noch spekulativeren Engagements, sie halten gewinn- und verlustbringende Positionen zu lange, agieren zu aggressiv, oder sie treffen überstürzte Entscheidungen.

Solche Ausbrüche kommen aus dem Nichts, scheinbar ohne Vorwarnung. Damit umzugehen und solch negative Entwicklungen zu verhindern, beschreibt dieses Buch in klar strukturierten und gut verständlichen Handlungsempfehlungen. Kommt es beispielsweise zum „Tilt“, dann hilft es, tief durchzuatmen, eine Pause einzulegen, ganz abzubrechen oder sich im Fitnessstudio abzureagieren.

Jared Tendler: The Mental Game of Trading
Finanzbuch Verlag
München 2023
352 Seiten
35 Euro

Jedes Kapitel bietet interessante Erkenntnisse. Wer sich stark fühlt, heißt es beispielsweise im Abschnitt „Selbstvertrauen“, stockt Aktienpositionen womöglich unnötig auf, geht dadurch höhere Risiken ein und überschätzt sich. Viele Trader leiden unter solch einem überzogenen Selbstvertrauen. Typisches Anzeichen dafür ist etwa, ständig Action zu brauchen.

Genauso problematisch ist aber auch das lädierte Selbstvertrauen. In dem Fall zögern Anleger zu lange, steigen zu spät in den Handel ein, verlassen ihre eigene Linie, nur weil sie vielleicht zuvor einmal nicht aufgegangen ist.

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In der systematischen Herangehensweise an die psychologischen Fallen, die sich im Kopf abspielen und einem Erfolg im Wege stehen, liegt die Stärke dieses Buches. Es ist weit mehr als ein Börsenbuch. Denn all diese menschlichen Gefühle gibt es nicht nur an der Börse, sondern auch im Beruf oder in der Partnerschaft.

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