1. Startseite
  2. Meinung
  3. Morning Briefing
  4. Morning Briefing: Pessimismus: Warum die Wirtschaft weiter stagniert

Morning BriefingPessimismus: Warum die Wirtschaft weiter stagniert

Teresa Stiens 02.01.2024 - 06:29 Uhr
Handelsblatt Morning Briefing

Pessimismus: Warum die Wirtschaft weiter stagniert / Realismus: Wie es wirklich um China steht

02.01.2024
Abspielen 06:59

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

ich wünsche Ihnen ein frohes neues Jahr 2024, das Ihnen viele Ihrer Träume erfüllt, aber auch noch einige übrig lässt. Ich erinnere mich noch, dass ich an dieser Stelle vor genau einem Jahr schrieb, dass die Messlatte für 2023 nicht besonders hoch liege, da mittlerweile ein Jahr schon als gut gelte, wenn weder eine Pandemie noch ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg ausbreche. Die Einschätzung, ob 2023 diese niedrigen Erwartungen nun erfüllt hat oder nicht, überlasse ich Ihnen.  

Aber genug der Rückschau, lassen Sie uns nach vorn blicken. Gern würde ich das neue Jahr mit einem positiven Ausblick beginnen. Aber leider ist es Teil meines Berufes, bei den Fakten zu bleiben.

Das Handelsblatt Research Institute (HRI) prophezeit in seiner neuen Konjunkturprognose für 2024 nur ein schwaches Wirtschaftswachstum von 0,3 Prozent. Für 2025 ist der Ausblick mit 0,6 Prozent nur minimal besser. Das traurige Fazit: Die deutsche Wirtschaft hat es noch immer nicht über den Vor-Corona-Stand von 2019 hinaus geschafft – und wird sich auch künftig nur mühsam aus der Stagnation befreien. Sie leidet wie keine andere Volkswirtschaft der Euro-Zone unter dem toxischen Cocktail aus Coronapandemie, Ukrainekrieg, Russlandsanktionen und Inflation.

Hinzu kommt, dass Deutschland das Potenzial seines wichtigsten Kapitals nicht nutzt: die Menschen. Eigentlich bräuchte die deutsche Wirtschaft sehr dringend helfende Hände und schlaue Köpfe. Im dritten Quartal des vergangenen Jahres waren 1,7 Millionen Stellen unbesetzt. Doch bei der Qualifikation möglicher Fachkräfte scheitert es teilweise schon an der schulischen Grundausbildung. Im Jahrgang 2022 verließen fast 52.000 junge Menschen die Schule ohne Abschluss. Jeder siebte Erwachsene gilt als funktionaler Analphabet.

Bisher konnte die deutsche Wirtschaft in Schwächephasen darauf hoffen, mithilfe einer wachsenden Auslandsnachfrage wieder zurück zum Erfolg zu finden. Doch auch diese Option scheint momentan unrealistisch. Deutschlands wichtigste Handelspartner stecken ebenfalls in Schwierigkeiten.  

Vor allem der Blick nach China macht vielen Unternehmen Sorge. Die Stimmung bei ihren chinesischen Kollegen ist schlecht. Und die Regierung in Peking schlägt derzeit einen wenig vielversprechenden Weg für den Welthandel ein. Das zeigte nicht zuletzt die Neujahrsansprache des Staatschefs Xi Jinping, der von einer „Vereinigung“ Taiwans mit China sprach, die er als „historisch unvermeidlich“ bezeichnete.

Doch wie steht es wirklich um den Giganten im Osten? „Sowohl die Optimisten als auch die Pessimisten argumentieren zu holzschnittartig“, meint Handelsblatt-China-Experte Martin Benninghoff in seiner großen Analyse der chinesischen Realität. Chinas Aufstieg sei nicht zu Ende, aber er sei weniger steil und langsamer geworden.

Die Stimmung in Unternehmerkreisen scheint dort derweil so schlecht, dass sogar das Unaussprechliche sagbar geworden ist: Kritik an Xi Jinping. Eigentlich ein Sakrileg, aber viele haben wenig oder zumindest weniger zu verlieren. „Schließlich schwindet das Vertrauen in die Lösungskompetenz eines höchst intransparenten Staates und seines Präsidenten“, schreibt Martin Benninghoff.

Bei all diesen eher düsteren Ausblicken, wirken die Worte der Präsidentin des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung geradezu wohltuend. Im Interview mit dem Handelsblatt widerspricht Friederike Welter all jenen, die den Abgesang der deutschen Industrie bereits angestimmt haben. „Das Thema Deindustrialisierung wird überbewertet“, sagt Welter. Sie beobachte zwar, dass mehr Unternehmen neue – zusätzliche – Produktionsstandorte im Ausland aufbauten. Eine echte Produktionsverlagerung im großen Stil gebe es im Mittelstand aber nicht.

Außerdem sieht Welter einen Wandel im Unternehmertum. „Die Start-up-Gründer haben es vorgemacht: gründen, verkaufen, unter Umständen im verkauften Unternehmen weiterarbeiten, erneut gründen“, erklärt sie. Bei Familienunternehmen sei die Bindung der Nachfolger zwar noch da, aber auch sie schauten inzwischen rationaler auf die Geschäftsmodelle. Das Fazit der Mittelstandsforscherin: Dieses Umdenken der Unternehmergenerationen sei „durchaus gesund“.

Aus Israel kam gestern Abend die Nachricht, dass das Oberste Gericht ein Kernelement der Justizreform der Regierung von Benjamin Netanjahu gekippt hat. Hunderttausende Menschen waren im Laufe des vergangenen Jahres gegen die umstrittene Reform auf die Straße gegangen. Die Gesetzesänderung im Juli hatte dem Gericht die Möglichkeit genommen, gegen „unangemessene“ Entscheidungen der Regierung vorzugehen. Netanjahu hatte argumentiert, das Gericht sei in Israel zu mächtig. Die Judikative stellte ihre Macht gestern unter Beweis, indem sie das gegen sie gerichtete Gesetz für nichtig erklärte.

Als Begründung hieß es, die Gesetzesänderung hätte „den Kerneigenschaften des Staates Israel als demokratischem Staat schweren und beispiellosen Schaden zugefügt“. Sollte die rechtsreligiöse Regierung von Ministerpräsident Netanjahu die Entscheidung nicht akzeptieren, droht dem Land eine Staatskrise – mitten im Krieg.

Wenn das neue Jahr bereits in tristen Nachrichten versinkt, ist zumindest noch auf das Gefühl der Schadenfreude Verlass, um sich ein wenig aufzuheitern. Ein Ausdruck, den es übrigens nur im Deutschen gibt.  

Wenn Sie für heute noch auf der Suche nach einer heimlichen Portion Schadenfreude sind, empfehle ich Ihnen den Text von Katharina Kort und Axel Postinett über prominente und doch gescheiterte Immobilienzocker. Zu den unglücklichen Investorinnen und Investoren zählen unter anderem Hollywoodschauspieler Leonardo DiCaprio oder die Musiker Taylor Swift und Kanye West.

DiCaprio etwa machte mit einer Drei-Zimmer-Wohnung im teuren Greenwich Village in New York satte zwei Millionen Dollar Verlust. Sein üppiger Trost: Er bekam beim Verkauf der Wohnung immerhin noch acht Millionen Dollar gutgeschrieben. So wird er den millionenschweren Schaden und meine damit einhergehende Freude mit Sicherheit gut verschmerzen können.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start ins neue Jahr mit viel Freude und wenig Schaden.

Verwandte Themen
Xi Jinping

Es grüßt Sie herzlich
Ihre

Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt

PS: „Albtraum Chef“: Die Rolle des Mittelmanagers scheint vielfach unattraktiv, unbequem und unbeliebt geworden zu sein, zeigt unser Wochenendtitel von Freitag. Dabei war diese Rolle selten so entscheidend. Uns interessiert Ihre Meinung: Ist Chefsein gerade im Mittelmanagement mittlerweile tatsächlich ein „Albtraum“? Warum – oder warum nicht? Wie kann Führung wieder mehr Leuten Spaß machen? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in fünf Sätzen an forum@handelsblatt.com. Ausgewählte Beiträge veröffentlichen wir mit Namensnennung am Donnerstag gedruckt und online.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt