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VerbraucherpreiseInflationsrate in Deutschland steigt wieder

Die Teuerungsrate klettert wieder nach oben. Die Hauptursache liegt ein Jahr zurück. Es gibt Anzeichen, dass die Inflationsrisiken anhalten.Stefan Reccius 04.01.2024 - 17:23 Uhr aktualisiert

Frankfurt. In Deutschland könnten Rufe nach kräftigen Lohnerhöhungen wieder lauter werden. Der Grund: Die Inflation hat laut Statistischem Bundesamt im Dezember spürbar auf 3,7 Prozent angezogen. Über weite Strecken des Jahres 2023 war die Teuerungsrate deutlich gefallen. Die Trendwende bei der Inflation fällt mit steigenden Preisen an der Tankstelle und im Restaurant zusammen.

Maßgeblich für den Anstieg der Inflationsrate ist ein statistischer Sondereffekt: Im Dezember 2022 hatte die Bundesregierung einmalig die Abschlagszahlungen für Gas und Fernwärme übernommen, um Verbraucher zu entlasten. Was seinerzeit die Energierechnungen drückte, wirkt ein Jahr später preistreibend.

Sondereffekt treibt Inflation

Rein statistisch spricht der zugrunde liegende Sondereffekt dafür, dass die Inflationsrate perspektivisch wieder sinkt. Davon gehen die meisten Ökonomen und auch die Europäische Zentralbank (EZB) aus. Wie zügig die Teuerung sich dem EZB-Ziel von zwei Prozent nähert, ist jedoch umstritten. Diese Entwicklung wird darüber entscheiden, wann die EZB nach zehn Zinserhöhungen erstmals wieder die Leitzinsen senkt.

Manche Volkswirte rechnen gar mit einer jahrelangen Phase der Stagflation. Hinter diesem Fachbegriff verbirgt sich eine chronische Wachstumsschwäche gepaart mit dauerhaft erhöhten Inflationsraten. Eine Entwicklung, die beispielsweise der der Rückversicherer Munich Re fürchtet. Anzeichen für anhaltende Inflationsrisiken gibt es allemal.

„Das sind vor allem die derzeit kräftig steigenden Löhne, die insbesondere bei Dienstleistungen zu höheren Preisen führen“, sagt Clemens Fuest, Chef des Münchener Ifo-Instituts. Zudem geben wieder mehr Unternehmen als vor wenigen Monaten an, ihre Preise erhöhen zu wollen. Auch das spricht nach Ansicht des Ifo-Instituts dafür, dass der Rückgang der Inflation ins Stocken gerät.

CO2-Preis und Mehrwertsteuer belasten

Hinzu kommen steigende Steuern und Abgaben, die viele Menschen akut in ihrem Portemonnaie spüren. Der CO2-Preis ist mit dem Jahreswechsel von 30 auf 45 Euro gestiegen. Shell, Aral und Co. reichen die Kosten an ihre Kunden weiter. Wer regelmäßig Benzin tankt oder mit Öl heizt, wird ab sofort mehr zahlen müssen.

Auch Restaurantbesuche werden teurer. Der zwischenzeitliche Rabatt auf die Mehrwertsteuer für Gastronomen von 19 Prozent auf sieben Prozent ist ausgelaufen. Seit dem 1. Januar gilt wieder der alte, höhere Mehrwertsteuersatz. In der Gastronomie schlägt außerdem der auf 12,41 Euro pro Stunde gestiegene Mindestlohn besonders zu Buche.

Zäher Kampf gegen Teuerung

Michael Heise, Chefvolkswirt des Vermögensverwalters HQ Trust, führt darüber hinaus die absehbar steigende Mehrwertsteuer für Gas und höhere Netzentgelte für Strom an. „Auch in den kommenden Monaten dürfte sich die Situation nicht durchgreifend verbessern“, warnt Heise. Für Ulrike Kastens von der Deutsche-Bank-Tochter DWS sind die Inflationsgefahren ebenfalls „bei weitem noch nicht gebannt“. Sie begründet das mit anziehenden Löhnen.

Manche Experten geben sich eine Spur gelassener. Für Ulrich Kater, den Chefvolkswirten der Dekabank, bleibt die Inflation in Deutschland ungeachtet der jüngsten Daten grundsätzlich auf Abwärtskurs. „Daran wird sich in den kommenden Monaten trotz leichter Belastungen aus den Energiepreisen nichts ändern“. Entscheidend sei nun, „dass sich auch die Preise von Dienstleistungen beruhigen“.

Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der Förderbank KfW, rät ebenfalls erst einmal zu Gelassenheit. Die Expertin verweist neben dem statistischen Einmaleffekt mit den Abschlagszahlungen für Gas und Fernwärme auf die Kerninflation – also die Rate ohne Preise für Energie und Nahrungsmittel, die stark schwanken. Die Kerninflation sinke weiter. „Das signalisiert, dass der Preisdruck in der Breite unverändert nachlässt, und spricht für einen intakten Abwärtstrend bei der Inflation.“

Konsens ist diese Lesart freilich nicht. Heise von HQ Trust, interpretiert die Preistrends bei der Kerninflation anders: Sie sei im Dezember nur wenig auf 3,5 Prozent zurückgegangen. Das zeige einen weiterhin bestehenden Preisdruck in der Breite der Wirtschaft.

Von der Zwei-Prozent-Marke der EZB sind wir in Deutschland 2024 noch ein gutes Stück entfernt.
Michael Holstein
Chefvolkswirt der DZ Bank

„Im neuen Jahr dürfte der Preisdruck vorerst weiter erhöht bleiben“, betont auch Michael Holstein, Chefvolkswirt der DZ Bank. „Von der Zwei-Prozent-Marke der EZB sind wir in Deutschland 2024 auch deshalb noch ein gutes Stück entfernt.“ Deutsche-Bank-Volkswirt Sebastian Becker erwartet, dass „der Weg hin zu dauerhaft niedrigeren Inflationsraten wohl steinig bleiben“ wird. Dafür sprächen nicht zuletzt die hohen Lohnabschlüsse.

Viele Tarifverhandlungen 2024

Beschäftigte und Gewerkschaften könnte eine höhere Inflationsrate in Kombination mit aktuellen Preiserhöhungen zu noch selbstbewussteren Lohnforderungen verleiten. Bis Ende 2024 stehen für knapp zwölf Millionen Beschäftigte Tarifverhandlungen an, berichtet der größte Gewerkschaftsdachverband DGB. Die mit Abstand größte Tarifrunde startet ab September in der Metall- und Elektroindustrie mit 3,6 Millionen Beschäftigten.

Bislang hat sich die verbreitete Sorge, dass sich höhere Gehälter und Preise gegenseitig aufschaukeln, kaum bewahrheitet: Eine befürchtete Lohn-Preis-Spirale ist ausgeblieben. „Mittelfristig dürfte aber der Lohneffekt dominieren“, sagt Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen mit Blick auf die Preise von Dienstleistungen. Solveens Sorge: Die Kerninflation ohne Energie und Nahrungsmittel werde sich mittelfristig eher bei drei Prozent einpendeln – spürbar über dem EZB-Ziel von zwei Prozent.

Käme es tatsächlich so, dürften sich die Hoffnungen von Investoren auf baldige Zinssenkungen durch die Europäische Zentralbank (EZB) als verfrüht erweisen. Über den Herbst war die Inflation schneller gesunken als erwartet. Das schürte Erwartungen, die Notenbank könnte beizeiten die Leitzinsen senken, womöglich schon im ersten Halbjahr 2024. Dieser Zinsoptimismus hat maßgeblich zum Rekord des Deutschen Aktienindex (Dax) Ende Dezember beigetragen.

EZB wird bei Leitzinsen abwarten

Nicht wenige Ökonomen halten die Zinsfantasien an den Börsen für übertrieben. Dass der Abwärtstrend bei der Inflation nun unterbrochen ist, bestärkt sie in dieser Meinung. Die ambitionierten Erwartungen an Zinssenkungen könnten „auf die Probe gestellt werden“, warnt etwa Ralf Umlauf, Volkswirt der Landesbank Helaba.

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Auch EZB-Chefin Christine Lagarde bremst. Bei der jüngsten Sitzung der Notenbank vor Weihnachten sei das Thema Zinssenkungen nicht zur Sprache gekommen, betonte Lagarde. Das dürfte sich bei der ersten EZB-Zinssitzung des Jahres in drei Wochen zwar ändern. Mit einem konkreten Zeitplan für mögliche Zinssenkungen ist am 25. Januar gleichwohl noch nicht zu rechnen.

Aufschlussreicher dürfte die darauffolgende EZB-Sitzung im März werden: Dann legt die Notenbank neue, eigene Prognosen zur Inflationsentwicklung vor. Erfahrungsgemäß fällt die Notenbank eher auf Basis frischer Projektionen weitreichende Entscheidungen. Bis dahin dürfte die EZB auf Zeit spielen – und darauf setzen, dass die neuen Inflationszahlen aus Deutschland tatsächlich ein einmaliger Ausreißer nach oben bleiben.

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