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FlugverkehrSo treibt Indien den Aufstieg zur Luftfahrt-Supermacht voran

Nirgendwo wurden in den vergangenen zwölf Monaten so viele Flugzeuge bestellt wie in Indien. Mit der neuen Flotte könnte Air India auch gegen die Lufthansa antreten.Mathias Peer 19.01.2024 - 18:48 Uhr

Gurgaon, Hyderabad. Der Ort, an dem in den kommenden Monaten Tausende indische Piloten und Flugbegleiter ausgebildet werden sollen, ist noch eine Baustelle: Wenige Monate vor dem geplanten Start von Südasiens größtem Trainingszentrum für die Luftfahrtindustrie sind die Sessel in den Klassenzimmern in Plastikfolien eingepackt, geplante Flugsimulatoren und Übungsschwimmbecken müssen erst noch geliefert werden. Doch bereits ab Oktober soll die 55.000 Quadratmeter große Anlage in der nordindischen Stadt Gurgaon den Eigentümer Air India wie am Fließband mit Personal versorgen: Mit 500 neu ausgebildeten Piloten pro Jahr und monatlich 300 bis 400 neuen Flugbegleitern plant man bei der ehemaligen Staatsairline.

Der Nachwuchs wird dringend benötigt: Die Fluggesellschaft, die nach der Privatisierung vor zwei Jahren vom indischen Konglomerat Tata übernommen wurde, ist zentraler Teil eines gigantischen Expansionsplans. Im vergangenen Jahr bestellte die Airline 470 neue Flugzeuge bei Airbus und Boeing für einen Listenpreis von 70 Milliarden Dollar – viermal so viele, wie sie derzeit in Betrieb hat. Inzwischen treffen die ersten Maschinen ein: Im laufenden Jahr will Air India im Schnitt alle sechs Tage einen neuen Jet in Empfang nehmen.

Air India ist nicht die einzige Airline des Landes, die ihre Flotte massiv ausbaut: Konkurrent Indigo bestellte im Sommer 500 Airbus-Jets – der gemessen an der Zahl der Maschinen größte Einzelauftrag in der Luftfahrtgeschichte. In keinem Land wurden damit in den vergangenen zwölf Monaten so viele Flugzeuge geordert wie in Indien. Akasa Air, Indiens jüngste Airline, trieb die Zahl am Donnerstag weiter nach oben: Sie meldete bei der Luftfahrtmesse Wings India die Bestellung von 150 Boeing-737-Max-Maschinen – ungeachtet der jüngsten technischen Probleme bei dem US-Hersteller.

Die Airlines wetten mit dem Ausbau ihrer Flotten auf eine stark steigende Nachfrage im bevölkerungsreichsten Land der Welt: Branchenvertreter gehen davon aus, dass derzeit nur rund vier Prozent der 1,4 Milliarden Inder regelmäßig mit dem Flugzeug unterwegs sind – und sehen viel Luft nach oben: Die Zahl der Passagiere auf Inlandsflügen wird nach Prognosen des Beratungsunternehmens CAPA India bis 2030 von zuletzt rund 150 Millionen auf 350 Millionen steigen. Der Hersteller Airbus geht davon aus, dass in den kommenden zwei Jahrzehnten kein anderer großer Luftfahrtmarkt so stark zulegen wird wie der indische.

Milliardeninvestitionen in neue Flughäfen

In der neuen Zentrale von Air India, die vor einem halben Jahr südlich von Indiens größtem Flughafen in der Hauptstadtregion Delhi eröffnet hat, setzt der neue Eigentümer Tata auf Aufbruchstimmung nach der Privatisierung: Die Hälfte der 18.000 Konzernmitarbeiter kam erst im vergangenen Jahr zu der Fluggesellschaft. Der aus Neuseeland stammende Airline-Chef Campbell Wilson ist nur ein paar Monate länger an Bord. „Wir befinden uns mitten in einer Metamorphose“, sagt er, „genauso wie die gesamte Branche hier in Indien“.

Eine Statistik ist dem 52-Jährigen, der den Großteil seiner Karriere bei Singapore Airlines verbrachte, mit Blick auf seine neue Wahlheimat besonders wichtig: Die Zahl der Flugreisen pro Kopf entspräche in Indien erst einem Fünftel des Wertes in China. „Das Potenzial ist riesig“, sagt Wilson. „Mit steigendem Wohlstand wird man auch in Indien ähnlich häufig reisen wie die Menschen in anderen vergleichbaren Märkten.“

Der erwartete Anstieg der Passagierzahlen geht mit massiven öffentlichen Infrastrukturinvestitionen einher. Als Premierminister Narendra Modi vor zehn Jahren sein Amt antrat, hatte Indien 74 kommerzielle Flughäfen. Seither hat sich die Zahl mehr als verdoppelt. Künftig wollen die Behörden das Wachstum weiter beschleunigen. Geplant sind Investitionen von zwölf Milliarden US-Dollar. Luftfahrtminister Jyotiraditya Scindia geht davon aus, dass die nächsten 70 Flughäfen innerhalb von fünf bis sieben Jahren fertiggestellt werden – im Schnitt bekommt Indien damit jeden Monat einen neuen Airport.

Hinzu kommt der Ausbau bestehender Infrastruktur – etwa in Delhi: Die Kapazität des Indira-Gandhi-Flughafens in der Hauptstadt soll in diesem Jahr von 70 Millionen auf 109 Millionen Passagiere jährlich ausgeweitet werden. Die Regierung glaubt, dass er damit zur Nummer zwei der meistfrequentierten Airports der Welt aufsteigen wird – hinter dem Hartsfield-Jackson-Flughafen in der US-Metropole Atlanta.

Die Klimadebatte spielt bei dem Expansionsdrang der indischen Luftfahrt bislang nur eine Nebenrolle. Die Regierung hat sich zwar vorgenommen, in den kommenden Jahren 121 Flughäfen klimaneutral zu machen. Zudem hat sie im vergangenen Jahr den Beitritt zum Luftfahrt-Klimakompensationsprogramm Corsia erklärt. Doch Klimaaktivisten halten die Pläne für zu unambitioniert. Greifen soll Corsia erst ab 2027. Man wolle damit den Fluglinien Zeit für ihr Wachstum geben, ohne finanzielle Nachteile zu erfahren, teilte die Regierung mit.

Air India will Verbindungen nach Europa ausbauen

Indiens Airlines wollen die Zeit nutzen, um gegenüber der internationalen Konkurrenz aufzuholen. Für den Auftakt seiner globalen Offensive stellt sich Air-India-Chef Wilson während des Wings-India-Branchentreffens bei Temperaturen von knapp 30 Grad zum Fototermin auf das Rollfeld des alten Flughafens von Hyderabad. Hinter ihm glänzt seine neueste Anschaffung in der Sonne: der Langstreckenflieger Airbus A350, der nun erstmals in eine indische Flotte aufgenommen wird. Fünf weitere A350 erwartet das Unternehmen bis März. „Wir können damit so gut wie jeden Punkt auf der Erde erreichen“, sagt Wilson.

Bislang ist das internationale Geschäft eine Schwachstelle von Indiens Luftfahrtsektor: „Indischen Fluglinien mangelt es an Nonstop-Verbindungen ins Ausland“, sagt Wilson im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Wir wollen diese Lücke schließen – in der Langstrecke sehen wir da große Chancen.“ Mit den neuen Jets will er vor allem die Flüge nach Europa und Nordamerika ausbauen – und hofft, dass die Direktflüge Airlines wie Emirates und Qatar mit ihren Umstiegsverbindungen über Dubai und Doha abhängen können.

Auch die Lufthansa, die wie Air India Mitglied des Zusammenschlusses Star Alliance ist und ihre Verbindungen nach Indien zuletzt deutlich ausgebaut hat, sieht Wilson als Konkurrenten: Es gibt Bereiche, in denen man versuche, zusammenzuarbeiten und andere, in denen man im Wettbewerb stehe, sagt er.

Dem öffentlichen Werben der Lufthansa um eine vertiefte Partnerschaft erteilt Wilson vorerst eine Absage: „Wir führen konstruktive Gespräche, wir müssen sie aber in einer Geschwindigkeit angehen, bei der sich beide Seiten wohl fühlen“, sagt Wilson. Er verweist darauf, dass sich sein Unternehmen erst am Beginn seiner Umstrukturierung befindet. „Wir sollten uns erst auf unsere Transformation konzentrieren, bevor wir uns in Dinge stürzen, zu denen wir noch nicht bereit sind.“

Lufthansa-Chef Carsten Spohr hatte im vergangenen Jahr eine engere Zusammenarbeit mit Air India als zentralen Bestandteil seiner Indien-Strategie beschrieben. Diskutiert wurde laut indischen Medienberichten unter anderem eine Art Gemeinschaftsunternehmen für Verbindungen zwischen Indien und Frankfurt, bei denen sich Lufthansa und Air India die Erlöse teilen würden, unabhängig davon, wessen Flugzeug zum Einsatz kommt.

EU wünscht sich mehr Landerechte in Indien

Geschäftsreisen von Deutschland nach Indien haben zuletzt deutlich zugenommen. Für das steigende Interesse sorgt unter anderem Indiens starkes Wirtschaftswachstum, das im vergangenen Jahr erneut an der Spitze aller großen Industrie- und Schwellenländer lag. Air-India-Chef Wilson sieht in Indiens Wirtschaftsboom nach eigenen Worten aber nicht nur als Segen, sondern auch als Fluch: „Aufgrund des gestiegenen Interesses an Indien bauen sehr viele ausländische Airlines ihre Verbindungen nach Indien aus“, sagt er. „Während ihre Heimatmärkte stagnieren, sehen viele in Indien eine Wachstumschance. Das sorgt für zusätzliche Konkurrenz.“

Die Forderung der EU nach einer Ausweitung der Landerechte für europäische Airlines lehnt Wilson daher ab: Indien investiere gerade viel in die Entwicklung der eigenen Luftfahrtbranche, sagt er. „Es wäre kontraproduktiv, das alles zunichtezumachen, indem man jetzt einfach die Schleusentore öffnet“, sagt er. „Indien muss hier auf seine eigenen Interessen achten.“

Lange war es dem Land nicht gelungen, eine stabile Luftfahrtindustrie aufzubauen: Zahlreiche private Airlines scheiterten in den vergangenen Jahren an technischen und finanziellen Problemen – zuletzt die bis dahin fünftgrößte Fluglinie Go First, die im vergangenen Jahr Insolvenz anmeldete. Ein Problem der Branche war, dass Air India in seiner Zeit als Staatsbetrieb nicht profitorientiert arbeitete – und so den Markt verzerrte. Doch auch Air India geriet vor der Privatisierung angesichts schrumpfender Marktanteile und wachsender Schulden immer stärker unter Druck.

Mit der Übernahme durch Tata kam die Airline zurück zu dem Konzern, der Air India 1932 gegründet und bis zur Verstaatlichung zwei Jahrzehnte später betrieben hatte. Das neue Air-India-Management fand zum Antritt ein weitgehend heruntergewirtschaftetes Unternehmen vor: Investitionen in Technik und Personal waren über Jahre ausgeblieben. Die letzten neuen IT-Mitarbeiter hatte die Airline 2007 eingestellt. Die Firmen-E-Mail-Software funktionierte so schlecht, dass die meisten Beschäftigten auch für berufliche Zwecke lieber ein privates Gmail-Konto benutzten. Die Entertainment-Systeme an Bord der Flugzeuge stammten aus der Zeit der ersten iPhone-Generation.

Air India will zurück in „höchste Ränge der globalen Luftfahrt“

Die Präsentation des neuen A350 in der Air-India-Flotte lieferte das Kontrastprogramm: Mitarbeiterinnen schwärmten vor Journalisten von HD-Touchscreens mit 53 Zentimetern Bildschirmdiagonale. „Es gibt 1600 Stunden an indischem Content“, sagte eine von ihnen. Die Airline wirbt mit einem „verbesserten Passagiererlebnis“, das dazu beitragen werde, Air India wieder „in die höchsten Ränge der globalen Luftfahrt zu befördern“.

Noch kämpft die Airline aber mitunter weiter mit Problemen bei der Kundenzufriedenheit, wie sich bei regulären Flügen beobachten lässt.  Passagiere klagen mitunter über die Qualität ihres Essens. Vor wenigen Tagen hatte eine Air-India-Passagierin für Schlagzeilen gesorgt, weil sie in einem vegetarischen Gericht angeblich Hähnchenstücke fand.

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Airline-Chef Wilson weiß, dass sein Unternehmen noch Zeit braucht, um einheitlich hohe Standards zu erreichen. Er vergleicht den Neuanfang der Fluglinie mit Indiens Nationalsport Cricket: „Manche Spiele dauern nur ein paar Stunden, andere enden erst nach mehreren Tagen“, sagt er und fügt hinzu: Sein Umbau von Air India entspreche eindeutig der Langversion.

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