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Globaler SüdenIndien drängt an die Spitze der Schwellenländer

Indiens Regierungschef Narendra Modi möchte die Stimme des globalen Südens sein und China militärisch Paroli bieten. Doch im Westen hat er auch mit einem Vertrauensverlust zu kämpfen.Mathias Peer 13.01.2024 - 17:20 Uhr

Bangkok. Den Anblick kennen die Inder von ihrem Regierungschef aus zahlreichen Videoansprachen: Mit erhobenem Zeigefinger richtet sich Narendra Modi konzentriert an die Kamera, während hinter ihm vier akkurat aufgereihte indische Nationalflaggen das Bild ausfüllen. Nur dieses Mal passt die übliche Kulisse nicht ganz zur Botschaft. Sprechen will der mächtigste Mann Südasiens bei dem Auftritt nämlich nicht nur für sein Land, sondern für die halbe Welt.

Wenige Wochen vor dem Jahreswechsel hatte Modi dafür zum virtuellen Gipfel des „globalen Südens“ gerufen – mit Teilnehmern aus 130 Ländern in Asien, Afrika und Südamerika. Es ist bereits das zweite von Indien veranstaltete Gesprächsforum dieser Art innerhalb weniger Monate, was laut Modi ein klares Signal für den Rest der Welt sein soll: „Der globale Süden will Autonomie, er ist bereit, in der Weltpolitik Verantwortung zu übernehmen.“

Dass Indiens Premierminister sich selbst als den Auserwählten sieht, um die Botschaft der Schwellen- und Entwicklungsländer international vorzutragen, war im vergangenen Jahr zunächst seinem Vorsitz der G20-Staaten geschuldet. Diesen hat Modi nun zwar an Brasilien abgegeben – die Stimme des globalen Südens will er aber bleiben. Der 73-Jährige kündigte an, ab 2024 eine jährliche Konferenz in Indien ausrichten zu wollen, die die Entwicklung des globalen Südens zum Thema macht. Es gehe darum, Lösungen für gemeinsame Probleme aufzuzeigen. „Das wird uns in Zukunft stärken“, verspricht Modi.

Das große Selbstbewusstsein, mit dem sich Modi an die Spitze der Schwellen - und Entwicklungsländer stellen will, hat gute Gründe: Er vertritt nicht nur das bevölkerungsreichste Land der Welt, sondern steht auch für einen der größten Hoffnungsträger in der Weltwirtschaft: Seit inzwischen drei Jahren in Folge erzielt Indien ein höheres Wirtschaftswachstum als China, der bisherige Wachstumsmotor Asiens. In keiner anderen großen Volkswirtschaft der Welt läuft die Konjunktur derzeit so gut wie in Modis Heimat.

Indien als aufstrebende Führungsmacht

Ökonomen gehen von einem anhaltenden Trend aus: Für 2024 erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) in Indien eine Wachstumsrate von 6,3 Prozent – in China nur noch von 4,2 Prozent. In den kommenden Jahren dürfte sich der Abstand sogar noch vergrößern: Für 2028 rechnet der IWF damit, dass Indiens Bruttoinlandsprodukt weiterhin um mehr als sechs Prozent zulegt, während China nur noch einen halb so hohen Wert erreicht.

Läuft es wie erwartet, dann hat Modi bis dahin auch eine seiner größten wirtschaftlichen Ambitionen erreicht – oder steht zumindest unmittelbar davor: Bis zum Ende des Jahrzehnts will er mit seinem Land eine höhere Wirtschaftsleistung als Japan und Deutschland erzielen – und Indien damit von der aktuell fünft- zur dann drittgrößten Volkswirtschaft der Welt machen.

Modi leitet daraus nicht nur den Anspruch ab, die politische Führungsmacht der Schwellenländer zu sein, sondern er glaubt auch, sein Land als neue Werkbank der Welt verankern zu können. Die bisherigen Erfolge sind dabei zu wesentlichen Teilen auch eine Folge der Geopolitik: Weil der Westen China zunehmend misstraut und sich Unternehmen gegen eine Verschärfung der Spannungen absichern wollen, suchen sie nach Alternativen – und werden in Indien fündig.

Wie rasant der Umzug der Lieferketten funktionieren kann, will der Elektronikkonzern Apple in diesem Jahr abermals unter Beweis stellen: Das wertvollste Unternehmen der Welt hatte sich lange Zeit fast ausschließlich auf China als Produktionsort für seine iPhones verlassen, setzt inzwischen aber verstärkt auf Indien. 2023 kamen bereits sieben Prozent der weltweit verkauften Geräte aus indischen Fabriken. Nun arbeitet Apple daran, Indiens Anteil auf ein Viertel der globalen Produktion hochzuschrauben.

Einen großen Anteil daran hat der Auftragsfertiger Foxconn, der zusätzlich zu seiner bereits bestehenden iPhone-Fabrik im Bundesstaat Tamil Nadu im April nun ein weiteres Werk im benachbarten Karnataka eröffnen will. 50.000 Mitarbeiter sollen dort künftig 20 Millionen Smartphones pro Jahr produzieren – hauptsächlich iPhones. Die bereits getätigten und geplanten Investitionen dafür beziffern die lokalen Behörden auf 2,7 Milliarden Dollar.

Und auch Indiens größtes Konglomerat Tata, das kürzlich das Indiengeschäft des Apple-Zulieferers Wistron übernommen hat, will seine iPhone-Produktion weiter ausbauen: In der Nähe der IT-Metropole Bangalore plant das Unternehmen ein weiteres Werk, das mit ebenfalls rund 50.000 Mitarbeitern die Apple-Geräte herstellen soll.

Indien als asiatisches Gegengewicht zu China

Die Strategie der Abgrenzung von China scheint sich für Indien damit zu lohnen. Seit einer Eskalation im Grenzstreit der beiden Länder im Jahr 2020, als an der umstrittenen Grenze im Himalaja Soldaten beider Seiten getötet wurden, versucht Premier Modi, Indien so weit wie möglich vom Nachbarn im Norden zu lösen.

Die Klarheit hat Indien auch zum attraktiven Sicherheitspartner für den Westen und seine Verbündeten gemacht, die in Asien ein Gegengewicht zu China schaffen wollen. Während andere Länder der Region ihre Beziehungen zu Peking auf keinen Fall gefährden wollen, schlägt sich Indien eindeutig auf die Seite der Chinaskeptiker.

2024 hat das Land dabei eine besondere Rolle: Modi wird erstmals die Staats- und Regierungschefs aus den USA, Australien und Japan zum sogenannten „Quad Summit“ empfangen. Die Sicherheitspartnerschaft der vier Länder gilt als eine der wichtigsten Initiativen, China in der Region militärisch auszubalancieren.

Doch bei seinen Versuchen, die Weltpolitik nach Indiens Interessen zu prägen, stößt Modi auch an Grenzen: Vorwürfe in Kanada und den USA, wonach indische Regierungsmitarbeiter in einen Mord und einen Mordversuch an Gegner der indischen Regierung verwickelt sein sollen, haben im Westen zu einem Vertrauensverlust geführt – und erneut vor Augen geführt, dass Modis hindunationalistische Politik nicht immer mit westlichen Werten in Einklang zu bringen ist.

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Damit wird auch die im Frühjahr anstehende Wahl für Modi zur Bewährungsprobe. Zwar nicht so sehr innerhalb Indiens, da er keinen ernst zu nehmenden Herausforderer hat und sich deshalb so gut wie sicher eine dritte Amtszeit wird sichern können.

Aber im Ausland wird man genau hinsehen, wie Modi diesen Wahlkampf führt und ob er und seine Parteifreunde auf die in der Vergangenheit übliche Hetze gegen Minderheiten und das Schikanieren von Oppositionellen verzichten. Wie sehr Modi auf der internationalen Bühne gehört werden wird, hängt damit auch davon ab, welchen Ton er in seiner Heimat anschlägt.

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