Amrit Acharya: Welches Start-up Indien zur Werkbank der Welt macht
Bangalore. Die globalen Handelsströme machten um die Fabrik von Sharath Kumar Shetty lange einen großen Bogen. Sein Familienbetrieb mit ein paar Hundert Mitarbeitern in der südindischen Industriestadt Hosur lieferte Autoteile aus Aluminium – in der Vergangenheit ausschließlich an die heimische Industrie. Doch seit einigen Monaten sind die Druckgussmaschinen von Fabrikleiter Shetty auch Teil von Indiens Versuch, zur neuen Werkbank für den Rest der Welt aufzusteigen.
Sein Debüt auf dem Weltmarkt schafft Shetty mit handtellergroßen, silbrigen Bauteilen. Sie sollen in Scheinwerfergehäusen des US-Automobilzulieferers Grote zum Einsatz kommen. „Unser allererstes Exportprodukt“, freut sich der Manager. 5000 Stück produziere er davon derzeit pro Monat. Für das kommende Jahr hat er bereits einen drei- bis viermal so großen Exportauftrag für ein weiteres Bauteil in Aussicht.
Dass es die Komponenten aus dem kleinen indischen Werk in die internationale Autolieferkette schaffen, liegt nicht nur an dem insgesamt stark wachsenden Interesse an Indien als Standortalternative zu China. Ausschlaggebend für den Deal ist ein indischer Gründer, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Neuausrichtung von Asiens Lieferketten entscheidend mitzugestalten.
Produktion in Indien: Zetwerk ermöglicht Start in wenigen Wochen
Amrit Acharya verspricht ausländischen Unternehmen, mit seinem Industrie-Start-up Zetwerk die Hürden für die Produktion in Indien aus dem Weg zu räumen – und den Fertigungsstart in dem Schwellenland innerhalb weniger Wochen zu ermöglichen. Wer Industriegüter etwa für Autofertigung, Maschinenbau oder Elektronikprodukte produzieren will, schickt seine Pläne an Zetwerk.
Das Start-up verteilt dann den Auftrag an passende Fabriken aus einem Netzwerk aus mehr als 10.000 Zulieferern – Shetty ist mit seinem Werk einer davon. Zetwerk übernimmt im Hintergrund dabei sowohl das Projektmanagement als auch die Qualitätskontrolle. „Viele unserer Kunden suchen in Indien nach einem zweiten Standbein neben ihrer Produktion in China, haben hier aber noch nicht viel Erfahrung“, sagt Acharya.
Der 35-jährige Unternehmer mit MBA-Abschluss von der University of California, Berkeley hat damit einen Nerv getroffen – nicht nur bei den Kunden, die ihm zuletzt einen Jahresumsatz von rund 1,4 Milliarden Dollar bescherten.
Auch internationale Investoren vertrauen auf Acharyas Geschäftsmodell: Zetwerk hat laut dem Datenanbieter Traxcn mehr als 660 Millionen US-Dollar bei Risikokapitalgebern eingesammelt.
Zetwerk gehört zu den wertvollsten Start-ups Indiens
Das fünf Jahre alte Start-up wurde mit 2,7 Milliarden US-Dollar bewertet und gehört damit zu den wertvollsten Neugründungen des Landes. Wichtige Geldgeber sind unter anderem die US-Beteiligungsgesellschaften Lightspeed und Sequoia mit ihrem Indien-Ableger Peak XV Partners.
Der rasante Aufstieg von Zetwerk in der globalen Lieferkette kam für den Gründer überraschend – ursprünglich arbeitete das Start-up lediglich mit indischen Abnehmern zusammen. Doch als sich während der Coronapandemie die Lieferkettenprobleme in China häuften, erhielt Acharya eine Flut von Anfragen von Unternehmen, die sich nach Indien umorientieren wollten. „Angefangen hat es mit zwei oder drei Kunden aus dem Ausland, innerhalb weniger Monate waren es dann aber schon mehr als hundert.“
Den Großteil seines Auslandsgeschäfts macht Zetwerk bisher in den USA. Kunden in Deutschland hat es bisher noch nicht. Aber inzwischen macht das internationale Geschäft ein Drittel des Umsatzes aus. Innerhalb der nächsten zwei Jahre werde der Anteil wohl auf 50 Prozent steigen, prognostiziert Acharya.
Zetwerk profitiert damit von einem Trend: Viele Konzerne wollen sich unabhängiger von China machen. Apple zum Beispiel ließ seine iPhones früher fast ausschließlich in der Volksrepublik fertigen. Nun baut der Weltkonzern seine Kapazitäten in Indien seit Monaten kräftig aus.
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Dessen Zulieferer Foxconn hat für die kommenden Jahre weitere Investitionen in Milliardenhöhe in Indien angekündigt. Der E-Auto-Hersteller Tesla will laut indischen Regierungsangaben das Volumen der in Indien zugekauften Komponenten fast verdoppeln.
Zetwerk-Gründer Acharya will mit seinem Angebot primär kleinere Unternehmen erreichen, die bei der Erschließung von Indien als Beschaffungsmarkt auf Unterstützung angewiesen sind. Sein Start-up sorge dafür, dass Kunden bei der Qualität der gelieferten Produkte keine bösen Überraschungen erlebten.
Auch andere Start-ups wollen von der Lieferkettenverlagerung nach Indien profitieren: Das im vergangenen Jahr gegründete Unternehmen Covvalent mit Sitz in der Hauptstadtregion Delhi konzentriert sich auf Spezialchemie-Aufträge, die mithilfe indischer Hersteller erfüllt werden. Moglix, wie Zetwerk mit mehr als zwei Milliarden Dollar bewertet, will den Einkauf in Indien transparent und günstig machen.
Gemeinsam haben die Unternehmen, dass sie Indiens stark fragmentierte Zuliefererlandschaft leichter erschließbar machen. „Die Industriemarktplätze machen Abläufe effizienter und erzielen damit enorme Erfolge“, kommentiert Prashanth Prakash, Mitgründer des Risikokapitalgebers Accel India, der zu den Investoren bei Zetwerk gehört. „Sie unterstützen Indien dabei, die verlorene Zeit aufzuholen, wenn es darum geht, ein führender Produktionsstandort zu werden.“
Indiens Wettbewerbsfähigkeit habe zugenommen
„Indiens Wettbewerbsfähigkeit hat deutlich zugenommen“, sagt Acharya. Die anhaltenden geopolitischen Spannungen des Westens mit China würden seinem Land zusätzlich helfen: „Indien ist gerade in einer besonders günstigen Lage“, sagt er.
Der Andrang der Kunden führt jedoch dazu, dass Zetwerk sein Geschäftsmodell zumindest teilweise ändern muss. Inzwischen sind die Aufträge so umfangreich, dass es oft nicht mehr ausreicht, die freien Kapazitäten bestehender Zulieferer anzuzapfen.
Zetwerk hat deshalb damit begonnen, eigene Werke zu eröffnen. In einer Fabrik in der Industriestadt Noida produziert das Start-up seit vergangenem Jahr Elektronikprodukte für Kunden. In Bangalore eröffnete es kürzlich eine Fertigung für die Luftfahrtindustrie.
„Wir entwickeln uns ein Stück weit vom virtuellen zum tatsächlichen Auftragsfertiger“, sagt Acharya. Es gehe darum, verlässliche Produktionsdienste anzubieten: „Ob wir das mit Partnern oder alleine machen, ist am Ende zweitrangig.“
Erstpublikation: 26.12.2023, 10:42 Uhr.