Rezension: Generalabrechnung oder Gegenmodell – was hilft im Kampf gegen Big Tech?
In dieser Diskussion sticht eine Neuerscheinung aufgrund ihrer Schärfe heraus: Mit „Big Tech muss weg“ hat Martin Andree, Medienwissenschaftler an der Universität Köln, kein Sachbuch im eigentlichen Sinne veröffentlicht, sondern eine Kampfansage. Das plakative Ziel in der Unterzeile: „Wir werden sie STOPPEN.“
Andree hat sich in seiner Forschung viel mit Medienwirkung befasst. Anders als in seinen Fachpublikationen geht es dem Wissenschaftler aber nicht darum, wie etwa Marketing das Individuum beeinflusst. Sondern um die Gefahr, dass die großen Plattformen in einer „feindlichen Übernahme“ erst das Mediensystem und dann die Wirtschaft unter ihre Kontrolle bringen.
Die apokalyptische Prognose: Wenn Gesellschaft und Politik nichts tun, werde 2029 der „Point of no Return“ erreicht – nämlich dann, wenn digitale Plattformen drei Viertel aller Werbeausgaben auf sich vereinten und damit vielen analogen Medien die Geschäftsgrundlage verloren ginge.
Martin Andree: Big Tech muss weg!
Campus Verlag
Frankfurt 2023
288 Seiten
25 Euro
Das Buch zeigt, wie schwierig es ist, die Dominanz der großen Konzerne einzuhegen. Grundlage der Argumentation ist der „Atlas der digitalen Welt“, eine Studie, die Andree selbst 2020 veröffentlicht hat.
Diese belegt mit Zahlen, was viele aufgrund ihres eigenen Verhaltens intuitiv wissen: Ein Großteil der Internetnutzung konzentriert sich auf einige wenige Websites, Apps und Plattformen, etwa Google, Youtube und Instagram. Selbst Konzerne mit großen Marketingbudgets tun sich schwer, eine signifikante Reichweite aufzubauen.
Der Medienwissenschaftler weiß: Wohl und Wehe vieler Unternehmen hängt von den großen Plattformen ab. Wenn Google den Algorithmus der Suchmaschine verändert oder Meta mehr Kurzvideos statt Nachrichten zeigt, können von einem Tag auf den anderen die Besucherzahlen von Nachrichtenportalen einbrechen. Unternehmen wie Buzzfeed, die bei der Verbreitung fast nur auf soziale Medien setzen, haben darüber fast ihre Existenzgrundlage verloren.
Andree leitet aus dieser Beobachtung ein Schreckensszenario ab: Erst würden die Medienhäuser „schneller als das Eis in der Arktis“ wegschmelzen. Ihre Kontrollfunktion könnten sie damit immer weniger ausüben. Und da auch die politische Meinungsäußerung zunehmend über die Plattformen der Digitalkonzerne laufe, gelänge der politische Diskurs „in ihre Gewalt“.
Das Verhalten der Digitalkonzerne in der medialen Sphäre ist nicht der einzige Kritikpunkt. Andree nutzt die 287 Seiten seines Buchs für eine Generalabrechnung mit Big Tech. Er prangert die Vermeidung von Steuern und Verantwortung an, beklagt Grenzüberschreitungen wie die Bevorzugung eigener Produkte, warnt vor der „Lobbyismusmaschine“. Und er hinterfragt, warum Politik und Gesellschaft so zögerlich reagieren.
Der Staat soll die Dominanz brechen
Diese Kritikpunkte sind berechtigt. Für eine wirkliche Debatte sind sie jedoch zu polemisch formuliert. Eine Kostprobe: „Die Plattformen sitzen wie gigantische Parasiten auf diesem riesigen Wirtschaftskörper, aus dem sie nach Belieben die Wirtschaftsleistung absaugen können.“
Die Dominanz der „Darth-Vader-Konzerne“ will Andree mit staatlicher Regulierung brechen. „Diese Lösung lässt sich kurzfristig umsetzen: indem wir uns auf klare und transparente Regeln einigen, die einen fairen Konkurrenzkampf und Anbietervielfalt auf dem Feld der digitalen Medien wiederherstellen.“ Als wäre das nicht in zahlreichen Artikeln, Büchern und Parlamentsdebatten schon diskutiert worden.
Viele der „15 einfachen Schritte“ sind denn auch bekannt. Andree fordert etwa offene Standards, damit Nutzer ihre Inhalte von einer Plattform zu Wettbewerbern transferieren können. Oder die Freiheit für Softwareentwickler und Inhalteanbieter, in den Apps auf ihre eigenen Angebote zu verlinken – so, wie die EU-Kommission es mit dem Digital Markets Act (DMA) bei Apple gerade durchgesetzt hat.
Auch Klassiker wie die „Entflechtung der Tech-Riesen“ dürfen in der Aufzählung nicht fehlen. Eine Diskussion über Für und Wider findet aber nicht statt. Dabei beurteilen Experten wie die Kartellrechtskoryphäe Herbert Hovenkamp strukturelle Maßnahmen wegen ihrer erheblichen Nebenwirkungen und rechtlichen Unsicherheiten kritisch.
Die digitale Gegenwelt
Der Journalist Stefan Mey nähert sich in seinem Buch „Der Kampf ums Internet“ der Dominanz der großen Technologieunternehmen von einer anderen Seite. Er beschreibt „die nicht kommerzielle digitale Gegenwelt“. Dazu zählen das Onlinelexikon Wikipedia, der Messenger Signal und der Kurznachrichtendienst Mastodon, aber auch das quelloffene Betriebssystem Linux, die Enthüllungsplattform Wikileaks und der Mini-Computer Raspberry Pi.
Die Akteure in diesen Projekten treibe an, „der Menschheit etwas Nützliches zur Verfügung zu stellen – und nicht der Zwang, Gewinne zu erwirtschaften“, schreibt Mey. Daher müssen die Organisationen weder Daten sammeln, wie es Meta, Google und X tun, noch Geld für Programme und Inhalte verlangen. Und: Wer interessiert ist, kann mitmachen und – mit dem entsprechenden Wissen – sogar mitbestimmen. „Eine andere digitale Welt ist möglich“, urteilt Mey daher.
Eine Utopie entwirft der Technologiekenner nicht. Jedes Projekt hat seine Eigenarten bei Struktur und Finanzierung und damit einhergehend Schwächen und Widersprüche. Signal beispielsweise sei von einem Mäzen abhängig, dem WhatsApp-Mitgründer Brian Acton. Das Projekt habe offenbar das eigene Schicksal in die Hand eines Milliardärs „mit eher zweifelhafter Vergangenheit“ gelegt. Das lakonische Fazit: „Umsonst ist nichts.“
Stefan Mey: Der Kampf um das Internet.
C.H. Beck
München 2023
236 Seiten
18 Euro
Tor wiederum, das Netzwerk zur Anonymisierung von Internetverbindungen, bekommt das meiste Geld von der Regierung der USA – die hat den Kampf gegen die Zensur zur Staatsdoktrin erklärt. „Es ist eine der vielen Paradoxien der digitalen Gegenwelt“, urteilt Mey: „Einer der wichtigsten Geldgeber ist ein Staat, auf den viele Aktivist*innen ansonsten nicht gut zu sprechen sind.“
Trotz aller Widersprüche zieht Mey ein vorsichtig optimistisches Fazit. „Die Begeisterung darf nicht den Blick darauf verstellen, dass die aktuellen Machtverhältnisse im Internet erdrückend sind“, schreibt er. Es müsse viel passieren, damit diese sich ändern. Aber: „Zu fast jedem kommerziellen Produkt gibt es eine Alternative.“
Anders als Andree schwebt Mey nicht vor, dass der Staat Digitalkonzerne regulieren und zerschlagen soll. Er schlägt stattdessen vor, dass Nutzer die Alternativen fördern: indem sie die Produkte nutzen, Geld spenden, oder – sofern sie dazu in der Lage sind – daran mitarbeiten. Der Journalist betont: „Die digitale Gegenwelt ist eine Mitmachwelt.“