Arbeitskämpfe: Lufthansa-Personalchef vor harten Verhandlungen mit Verdi
Frankfurt. Die Lufthansa-Führung ist im Tarifkonflikt mit der Gewerkschaft Verdi für die gut 20.000 am Boden Beschäftigten mit der ersten Offerte gescheitert. „Das Angebot ist aus unserer Sicht zu niedrig. Über die lange Laufzeit bedeutet das einen Reallohnverlust“, sagte Verdi-Verhandlungsführer Marvin Reschinsky dem Handelsblatt.
Zudem sei das Angebot in Teilen spalterisch, weil bestimmte Beschäftigungsgruppen mehr bekommen sollten, andere weniger. „Das geht aus unserer Sicht nicht.“ Bisher habe man nicht den Eindruck, dass der Arbeitgeber kurzfristig nachbessern werde. Damit werden Streiks wahrscheinlicher. „Die nächste Verhandlungsrunde ist für den 12. Februar geplant. Ob wir vorher oder danach zu einem Streik aufrufen würden, steht noch nicht fest“, sagte Reschinsky.
Der Tarifstreit mit Verdi ist nur einer von vielen in der Lufthansa-Gruppe. Die Konzernführung steht vor gewaltigen Herausforderungen: Nach bereits durchaus üppigen Tarifabschlüssen gegen Ende der Pandemie liegen in vielen Bereichen erneut hohe Forderungen der Arbeitnehmervertreter auf dem Tisch. In der Regel geht es um Lohnzuwächse im zweistelligen Prozentbereich.
Lufthansa bietet 13 Prozent mehr Lohn über drei Jahre
Lufthansa-Personalchef Michael Niggemann hält die Forderungen für unrealistisch. „Man muss das Gesamtbild sehen“, sagte er dem Handelsblatt: „Wenn wir als Lufthansa-Gruppe weiterhin eine gute Entwicklung für unsere Kunden und Mitarbeitenden haben möchten, brauchen wir Abschlüsse, die im Wettbewerb bestehen können.“
Die Gespräche mit Verdi befänden sich in einem frühen Stadium, so Niggemann weiter. Es sei üblich, dass beide Seiten zunächst ihre Vorstellungen und Logiken sowie ihre Sicht auf die Rahmenbedingungen erklären würden. Nun habe Lufthansa ein erstes Angebot vorgelegt, das über drei Jahre eine Steigerung von Gehältern und Gehaltsbestandteilen von 13 Prozent vorsehe, dazu Inflationsprämien in Summe von 2000 bis 3000 Euro, je nach Betrieb. „Das zeigt doch: Wir sind bereit, den sehr guten vergangenen Tarifabschluss weiterzuentwickeln.“
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Lufthansa sei stolz auf die Beschäftigten und deren großen Einsatz. „Und wir wissen, dass das Hochfahren des Flugbetriebs nach der Krise sehr anstrengend war und wir zu oft noch besondere Herausforderungen haben“, sagte der Personalvorstand: „Das erkennen wir an, die Anerkennung haben wir unter anderem auch in Geld gemünzt. Unsere vergangenen Tarifabschlüsse lagen weit oberhalb des deutschen Schnitts.“
Lufthansa will in diesem Jahr wie schon 2023 rund 13.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen. Nach Ansicht von Verdi kann das nur bei einem attraktiven Lohnniveau gelingen. Die Gewerkschafter verweisen auf das Beispiel von Lufthansa Technik in Hamburg: Dort werbe Airbus mit besseren Arbeitszeiten und besseren Löhnen Beschäftigte ab. Dem müsse Lufthansa begegnen.
Niggemann kontert: Zwar habe man „in einzelnen Bereichen immer noch zu wenig Personal und eine hohe Arbeitsbelastung“. Insgesamt aber sei „die Situation deutlich besser geworden.“ Lufthansa stehe in den Rankings der Top-Arbeitgeber wieder in den Top Ten. „Wir bekommen im Monat rund 10.000 Bewerbungen, aktuell sogar noch mehr.“
„Unsere Mitarbeitenden laufen nicht weg. Die Fluktuation ist gering, sie liegt beispielsweise in den großen deutschen Gesellschaften bei den Bodenbeschäftigten bei sieben bis acht Prozent, altersbedingte Abgänge eingerechnet“, so Niggemann. Das sei so niedrig wie lange nicht. Zudem würden anonyme Mitarbeiterbefragungen eine Trendumkehr bei der Mitarbeiterzufriedenheit und der Verbundenheit mit dem Unternehmen zeigen, auch wenn die Werte in den einzelnen Bereichen unterschiedlich seien.
Doch die Streikbereitschaft beim Bodenpersonal scheint hoch zu sein. Derzeit sind sogenannte Tarifbotschafter von Verdi in den rund 20 betroffenen Betrieben der Lufthansa unterwegs und diskutieren das Angebot des Unternehmens mit den Beschäftigten. „Ob es zu einem Arbeitskampf kommt, hängt maßgeblich davon ab, wie die Diskussionen in den Betrieben verlaufen“, sagte Reschinsky von Verdi: „Die ersten Reaktionen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fielen verheerend aus.“
In einem internen Video an die Belegschaft, das dem Handelsblatt vorliegt, verweist Verdi auf den Abschluss, den die Gewerkschaft in dieser Woche für das Kabinenpersonal der Lufthansa-Tochter Eurowings erreicht hat. Bis zu 14,4 Prozent mehr Lohn gibt es dort. Lufthansa-Personalvorstand Niggemann sieht den Vergleich skeptisch: „In dem Gesamtpaket für die Kabine bei Eurowings sind zum Beispiel Zusagen aus früheren Vereinbarungen eingerechnet. Das verzerrt das Bild.“