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DekarbonisierungWarum Japan unbedingt die Kohlekraft retten will

Japan will seine Kohlekraftwerke klimaneutral machen und die Technik dafür in andere asiatische Länder exportieren. Allerdings halten Klimaschützer den Ansatz für völlig ungeeignet.Martin Kölling 11.03.2024 - 10:21 Uhr
Kohlekraftwerk in Japan: Die Regierung fördert Unternehmen, die neue Kessel für die Kraftwerke entwickeln. Foto: picture alliance/dpa

Tokio. Die japanische Regierung von Fumio Kishida treibt Pläne voran, wie sie ihre Kohlekraftwerke auch noch in Jahrzehnten weiternutzen kann. Dabei setzt sie auf Technologien, die in Europa keine nennenswerte Rolle spielen. Das Ziel ist, die Technik in großem Maßstab auch in asiatische Entwicklungsländer zu exportieren.

Klimaschützer gingen Kishida für seine Strategie zuletzt hart an: Zum „Fossil des Tages“ kürte ihn das Climate Action Network (CAN) bei der letzten Weltklimakonferenz.

Das japanische Renewable Energy Institute wirft dem Wirtschaftsministerium vor, Asiens Potenzial für erneuerbare Energien zu unterschätzen und „die Abhängigkeit der asiatischen Länder von fossilen Brennstoffen zu zementieren“.

Selbst der französische Präsident Emmanuel Macron forderte Japan auf, nicht an der Kohle festzuhalten, sondern die Kohlekraftwerke bis 2030 zu schließen.

Doch davon will die japanische Regierung nichts wissen. So fördert sie Unternehmen, die neue Kessel für Kohlekraftwerke entwickeln werden. In diesen Kesseln soll Kohle unter Beimischung von Ammoniak verbrannt werden. Ammoniak enthält keinen Kohlenstoff, darum wird beim Verbrennen auch kein CO2 freigesetzt.

Japan will „grauen“ Wasserstoff nutzen

Kohlekraftwerke können auf diese Weise ihren CO2-Ausstoß reduzieren – klimaneutral werden sie so allerdings nicht.

Die restlichen Emissionen sollen eingefangen werden, durch „Carbon Capture Utilization and Storage“ (CCUS). Die Technik wird künftig auch in Europa eine Rolle spielen, etwa um Gaskraftwerke klimaneutral zu machen. In Japan soll sie großflächig und eben auch bei Kohlekraftwerken eingesetzt werden.

Auch Wasserstoff soll auf diese Weise klimafreundlich hergestellt werden. Wo Europa vor allem auf „grünen“ Wasserstoff aus Wind- und Sonnenstrom setzt, will Japan auch „grauen“ Wasserstoff nutzen, der aus Kohle und Gas abgespalten wird. Nach und nach soll bei der Herstellung per CCUS immer mehr CO2 eingefangen werden. Nach japanischer Definition gilt der Wasserstoff schon dann als „blau“, also bilanziell CO2-neutral, wenn lediglich 70 Prozent des anfallenden CO2 gespeichert werden.

Auf diese Weise will Japan schnell einen Massenmarkt für Wasserstoff aufbauen und die Kosten senken. Gleichzeitig hofft die Regierung, so später schnell auf grünen Wasserstoff umsteigen zu können.

Aus Sicht der Klimaorganisation CAN ist das keine schlüssige Strategie, um bis 2050 klimaneutral zu werden, wie es das Land versprochen hat.

Andere Bedingungen als in Europa

Europa setzt deutlich stärker auf Wind, Sonne und Wasserstoffimporte. Dass Japan das nicht im gleichen Maße tut, hat geografische, geologische und industriepolitische Gründe, erklärt Yuriy Humber, der NRG Japan betreibt, eine Informationsplattform für die Energiewirtschaft. „Die Insellage verhindert, dass Japan einen gemeinsamen Strommarkt mit Nachbarstaaten hat“, so der Experte. „Es kann daher Schwankungen bei erneuerbaren Energien nicht durch Stromtransfers ausgleichen.“

Außerdem gibt es anders als in Europa keine großen unterirdischen Erdgaslagerstätten. In Europa ist vorgesehen, dass große Mengen Wasserstoff unterirdisch in Kavernen gespeichert werden, die die Versorgung über Monate decken können. In Japan müsste der Wasserstoff in oberirdischen Tanks gespeichert werden, wie derzeit auch das Flüssiggas. Die Tanks haben bei Weitem nicht die Dimensionen wie unterirdische Speicher. Die Vorräte reichen gerade einmal für zwei Wochen.

Kohle verspricht dagegen eine besondere Versorgungssicherheit: Das Land sei vorsichtig bei Technologien, die wenig vorhersehbar sind, sagt Energieexperte Humber. „In Japan geht es nicht nur darum, dass Kohle in der Vergangenheit billiger war als andere Energieträger“, sagt der Experte: „Sie ist auch leicht zu lagern.“

Zudem gibt es in Japan viele Turbinen-Kraftwerkshersteller, die nun auch Technologien für die Verbrennung von Wasserstoff und Ammoniak entwickeln. Die will die Regierung fördern. Außerdem sorgt sich die Regierung, zu stark von Sonnenenergie abhängig zu werden. Immerhin stammen Solarmodule zum Großteil aus China, das in Japan sicherheitspolitisch als Bedrohung gilt.

Zum Kalkül der japanischen Regierung passt, dass viele Länder der Region ähnliche Voraussetzungen haben. Sie könnten zu lukrativen Absatzmärkten für japanische Kohle- und Ammoniaktechnologie werden.

Exportschlager Kohlekraftwerk

Im vergangenen Jahr gründete Tokio darum die Asia Zero Emission Community (Azec). Technik „Made in Japan“ solle den Partnerländern helfen, auch ohne Kohleausstieg Dekarbonisierung, Wachstum und Energiesicherheit zu erreichen, erklärte Kishida im Dezember bei dem ersten Azec-Gipfeltreffen. Es gehe darum, „das gemeinsame Ziel von null Emissionen auf verschiedenen Wegen zu erreichen“.

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Die Partner sind neben Australien und Singapur vor allem südostasiatische Schwellenländer: Brunei, Cambodia, Indonesia, Laos, Malaysia, die Philippinen, Thailand und Vietnam. Um ihre teils schnell wachsenden Volkswirtschaften mit Energie zu versorgen, setzten sie auf Erneuerbare, aber auch auf Kohle.

2021 trug Kohle in Asien laut der Internationalen Energieagentur fast 50 Prozent zur Stromversorgung bei. Und ein Ausstieg ist nicht vorgesehen. Das Asean Energy Center schätzt auf Grundlage der bisherigen Klimapläne der Mitgliedsländer, dass 2050 noch fast 90 Prozent des gesamten Energiebedarfs durch fossile Brennstoffe gedeckt werden wird. Kohle liegt dabei in allen Simulationen bei knapp über oder unter 20 Prozent. Bei der Stromerzeugung allein sind es nach dieser Vorhersage sogar 34 Prozent.

Japans Regierungschef Kishida sieht darin eine große Chance: „Japan wird die Führung bei der Entwicklung neuer Technologien und Rechtssysteme übernehmen“, sagte er kürzlich. Seine Regierung wolle anderen Staaten dabei helfen, die grüne Transformation zu beschleunigen. Die möglichen Kunden will Kishida bis 2030 mit acht Milliarden Dollar unterstützen.

Nicht nur Technologie will Japan exportieren, erklärt Masahiro Aika, Senior Executive Officer der Ingenieurgruppe JGC, dem weltweit führenden Entwickler von Flüssiggasterminals: „In Zukunft werden wir die asiatischen Länder bitten, in Japan eingefangenes Kohlendioxid unterirdisch zu lagern.“ Denn Japan habe nicht genügend Lagerstätten für die Mengen, die in Kraftwerken und Fertigungsprozessen abgeschieden werden.

Malaysia ist gegen Atomkraft, aber pro Ammoniak

Die Klimaschützer von CAN werfen Kishida vor, das Azec-Bündnis würde „den Übergang von fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energien nur verzögern“. Auch einige Länder, Umweltorganisationen und Investoren drängen auf einen schnelleren Umstieg auf grüne Energien.

Doch in der Region kommt die japanische Initiative an. Der malaysische Wirtschaftsminister Rafizi Ramli erteilte der Atomkraft im vergangenen Jahr aus industriepolitischen Gründen eine Absage und sagte: „Die alternativen Energiequellen, die aus unserer Sicht eine größere Perspektive haben, sind zum Beispiel Wasserstoff, Biomasse und Ammoniak.“ Denn dort könnten die Beschäftigten der möglicherweise schrumpfenden Öl- und Gasindustrie des Landes leichter Arbeit finden.

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Energieexperte Humber sieht daher „gute Chancen für Japan“. Zudem sieht er global gesehen keinen Vorteil, wenn Japan auf den Export der entsprechenden Technologie verzichtet. „Sie glauben doch nicht, dass China die Technologien nicht anbieten würde“, sagt er. „Natürlich würde China das tun.“

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