Konjunktur: Britische Wirtschaft steckt in der Rezession
London. Die britische Wirtschaft steckt in einer Rezession. Nach Angaben der nationalen Statistikbehörde ONS ging das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den letzten drei Monaten 2023 um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal zurück. Das ist der zweite Rückgang in Folge, nachdem das BIP bereits zwischen Juli und September leicht um 0,1 Prozent gesunken war.
Großbritannien folgt damit Deutschland, dessen Wirtschaftsleistung am Ende des vergangenen Jahres ebenfalls geschrumpft war. Auch Japan rutschte Ende 2023 in eine Rezession. Der Abschwung im Vereinigten Königreich fällt etwas stärker aus, als Ökonomen erwartet hatten. „Übers Jahr gesehen verlief die wirtschaftliche Entwicklung flach“, umschrieb ONS-Direktorin Liz McKeown die konjunkturelle Lage.
Für das Gesamtjahr 2023 betrug das britische BIP-Plus nur 0,1 Prozent. Torsten Bell, Chef der ökonomischen Denkfabrik Resolution Foundation, verwies auf die schwache Lohnentwicklung: Das Pro-Kopf-Einkommen der Briten sei im vergangenen Jahr um 0,7 Prozent gesunken und seit dem ersten Quartal 2022 nicht mehr gestiegen. „Das ist eine regelrechte Rezession.“
Verantwortlich für den wirtschaftlichen Rückgang waren vor allem schwache Einzelhandelsgeschäfte im Dezember sowie Schwächen in der Industrieproduktion und in der Bauwirtschaft.
Für den britischen Premierminister Rishi Sunak, der seinen Landsleuten vor den voraussichtlich in diesem Jahr stattfindenden Parlamentswahlen eine Rückkehr zum Wachstum versprochen hatte, ist der wirtschaftliche Einbruch ein herber Rückschlag „Das ist Rishi Sunaks Rezession“, konstatierte Schattenfinanzministerin Rachel Reeves von der oppositionellen Labour-Partei, die in den Meinungsumfragen rund 20 Prozentpunkte vor den regierenden Konservativen liegt.
Sunak gerät in Erklärungsnot
Für Sunak kommen die schlechten Konjunkturnachrichten zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Am Donnerstag finden in Großbritannien zwei wichtige Nachwahlen in den Wahlkreisen Wellingborough in den Midlands und in Kingswood nahe Bristol statt, die, so sagen es die Meinungsforscher voraus, die Tories deutlich verlieren werden.
Schatzkanzler Jeremy Hunt beeilte sich denn auch, den Blick der Briten von der tristen wirtschaftlichen Vergangenheit in die Zukunft zu lenken: „Es gibt Anzeichen dafür, dass die britische Wirtschaft die Kurve kriegt“, betonte der Tory-Politiker.
Die Prognosen seien sich einig, dass sich das Wachstum in den nächsten Jahren verstärken werde. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sagt für das Königreich im Jahr 2024 ein leichtes Plus von 0,7 Prozent voraus.
Hunt legt in drei Wochen einen Haushaltsentwurf vor, der dem Vernehmen nach deutliche Steuererleichterungen enthalten soll, um die Wahlchancen seiner Partei zu verbessern. Britische Medien berichten, dass der Finanzminister dafür bei den öffentlichen Ausgaben Milliarden einsparen will. Viele Briten klagen jedoch bereits jetzt über Einschnitte bei öffentlichen Dienstleistungen, und Beschäftigte im öffentlichen Dienst streiken seit Monaten für Reallohnerhöhungen.
Brexit belastet die britische Wirtschaft
Wirtschaftlich dürfte die schwache Konjunktur den Druck auf die Bank of England erhöhen, die Leitzinsen im Königreich in absehbarer Zeit zu senken. Die Inflation stieg im Januar nicht mehr und verharrte bei vier Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat.
Notenbankchef Andrew Bailey hält Rezessionsängste zwar für übertrieben und rechnet damit, dass die britische Wirtschaft schon bald wieder wachsen wird. An den Finanzmärkten wetten die Händler jetzt dennoch mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent darauf, dass die erste Zinssenkung schon im Juni kommt.
Die US-Investmentbank Goldman Sachs korrigierte ihre Wachstumsprognose für die britische Wirtschaft in diesem Jahr leicht nach unten und erwartet nur noch ein Plus von 0,4 Prozent.
Goldman führt die chronische Wachstumsschwäche in Großbritannien in den letzten Jahren auch auf den Brexit zurück. „Das Königreich hat sich seit dem EU-Referendum 2016 deutlich schlechter entwickelt als andere fortgeschrittene Volkswirtschaften“, konstatieren die Ökonomen der Bank in einer neuen Studie und beziffern den negativen Effekt des EU-Austritts auf rund fünf Prozent des realen BIP.
Deutsche Exporte ins Vereinigte Königreich wachsen
Trotz der Rezession in Großbritannien sind die deutschen Exporte ins Vereinigte Königreich im vergangenen Jahr gegen den Trend gewachsen. Sie legten um gut sechs Prozent auf mehr als 78 Milliarden Euro zu, während die Ausfuhren insgesamt um 1,4 Prozent abnahmen.
„Die Talsohle im deutsch-britischen Handel scheint durchschritten“, sagte der Präsident des Außenhandelsverbands, Dirk Jandura, angesichts des jahrelangen Rückgangs infolge des britischen EU-Abschieds.