Künstliche Intelligenz: „Aufholjagd muss jetzt beginnen“ – Experten warnen Ampel
Berlin, Düsseldorf. Die Berater der Bundesregierung in der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) fürchten, dass die Kriege und Krisen die Transformation der deutschen Wirtschaft ausbremsen. Vor allem bei Künstlicher Intelligenz (KI) „muss die Aufholjagd jetzt beginnen“, forderte der EFI-Vorsitzende Uwe Cantner bei der Vorstellung des aktuellen Jahresgutachtens.
Dass die USA und China beim Thema KI dominieren, ist Fakt. Die Analyse von Patent- und Publikationszahlen zeige zudem, „dass Deutschland und die EU zurückfallen“, sagte EFI-Mitglied Carolin Häussler von der Universität Passau. Somit drohe eine noch größere technologische Abhängigkeit als bisher.
Aussichtslos ist die Lage aus Expertensicht aber nicht. Deutschland könne „mit Innovationen noch eine bedeutende Rolle in der internationalen KI-Entwicklung spielen“, meint Cantner. Das sei jedoch nur möglich, wenn die Regierung schnell handle. Die 2008 gegründete EFI erstellt jährlich ein Gutachten zur technologischen Stärke Deutschlands für die Bundesregierung.
Um den deutschen Stand in der KI-Entwicklung zu verbessern, brauche es ein starkes und europäisch vernetztes Ökosystem mit exzellenter Grundlagenforschung, leistungsfähiger Infrastruktur und Fachkräften, sagt Cantner. Allerdings hapere es in der Ampelregierung auch beim Thema KI an Koordination: Die aktuelle KI-Strategie stammt von 2018. 2023 folgte dann ein KI-Aktionsplan – der bezieht sich aber nur auf das Forschungsministerium und werde „dem breiten Anwendungsbereich nicht gerecht“, kritisiert die EFI. Ressortübergreifend sei nichts passiert.
Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) hält es für „dringend notwendig, die Nutzung von KI in die Fläche zu bringen“, sagte sie dem Handelsblatt. Sie fühlt sich dabei „von der Analyse der EFI bestätigt“, denn der KI-Aktionsplan aus ihrem Haus bearbeite genau die genannten Schwerpunkte: Stärkung von Forschung, Daten- und Recheninfrastruktur sowie Fachkräftebasis und Open-Source-Initiativen.
Bisher setzt nur jedes zehnte Industrieunternehmen KI ein
Die EFI-Fachleute haben für ihr Gutachten auch Unternehmen zur KI-Nutzung befragt – mit ernüchternden Resultaten. 2023 hat demnach nur jedes zehnte Industrieunternehmen KI eingesetzt, in der Informationswirtschaft waren es immerhin 30 Prozent. Jeweils ein weiteres Viertel plant die Anwendung.
Bisher herrsche große Unsicherheit über den Nutzen von KI sowie ihre Reife und Zuverlässigkeit, sagte die EFI-Vizevorsitzende Irene Bertschek vom Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW in Mannheim. Nötig sei mehr Beratung.
Für die Politik haben die Berater eine lange To-do-Liste erstellt: Die Bundesregierung müsse nicht nur die Grundlagenforschung weiter unterstützen, sondern auch schnell neue Hochleistungsrechner aufbauen. Denn um KI zu trainieren, fehlt es in Deutschland an Rechenkapazität.
Viele Unternehmen investierten wegen der Krise, hoher Energiepreise und gestörter Lieferketten derzeit weniger in Zukunftstechnologie, sagte Iris Plöger, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Industrieverbands BDI. Zudem fehle es an KI-Experten. Diesen Flaschenhals nennt auch die EFI und fordert: Um KI in Schulen und Hochschulen zu verbreiten, müsse neben den Ländern auch der Bund aktiv werden.
Rechenkapazitäten in Europa fehlen
Die fehlenden Rechenkapazitäten haben derweil auch die führenden Tech-Konzerne als Problem erkannt. Microsoft hat kürzlich Investitionen über 3,2 Milliarden Euro angekündigt, um die Rechenkapazität in Deutschland zu verdoppeln. Über die Cloud des Konzerns können Unternehmen große Sprachmodelle wie GPT-4 von OpenAI oder neuerdings Large von Mistral nutzen.
Das freut etwa das Berliner Start-up Parloa, das mithilfe des Sprachmodells GPT-4 Kundenkommunikation automatisiert. Allerdings brauche es zusätzlich international verfügbare Infrastruktur, sagte Parloa-Chef Malte Kosub.
KI-Professor Holger Hoos von der RWTH Aachen fürchtet die große Abhängigkeit von US-Firmen wie Google, Amazon und Microsoft, bei denen KI-Unternehmen weltweit Cloud-Kapazitäten anmieten. So könnte etwa „unter einer US-Regierung Trump unser Zugang zu den leistungsstärksten KI-Systemen eingeschränkt werden, um Zugeständnisse in anderen Bereichen zu erzwingen“, fürchtet er. Hoos wünscht sich daher ein staatlich finanziertes europäisches Super-KI-Rechenzentrum.
Die EU-Kommission hat zumindest Pläne, die in diese Richtung gehen. Sie will Forscherinnen und Forschern den Zugang zu europäischen Hochleistungsrechnern mit einer Supercomputer-Initiative erleichtern. Das deutsche Forschungsministerium will mit neuen Strukturen Entwickler und Unternehmen besser über den Zugang zu Rechenstunden informieren.
Auch sei zeitnah der Aufbau eines „European Support Centre for AI“ als zentrale EU-weite Anlaufstelle geplant. Viele Unternehmen scheuen allerdings die aufwendigen Antragsverfahren. Zudem seien die bestehenden und geplanten Rechenkapazitäten überwiegend für wissenschaftliches Rechnen ausgelegt und weniger für konkrete KI-Projekte, kritisiert Hoos.
Daten von Bund, Ländern und Kommunen stehen noch nicht bereit
Ein weiteres deutsches Problem sind fehlende Daten – Grundlage für das Training einer KI. Der Staat müsse hier viel aktiver werden, mahnt die EFI. Um Wirtschaft und Forschung die vielen vorhandenen Daten von Bund, Ländern und Kommunen zur Verfügung zu stellen, plant die Ampel zwar ein neues Dateninstitut. Das ist aber erst im Aufbau.
Dirk Freytag, Präsident des Bundesverbands Digitale Wirtschaft, ist schon froh, dass die Bundesregierung die Haltung geändert habe: Die Datenstrategie ziele nun „ganz klar in Richtung Datennutzung. Bisher lag der Fokus nur auf Datenschutz.“
Derzeit dominiere aber noch Unwissenheit. Manche Mittelständler glaubten, sie dürften nicht einmal Anwendungen testen, ohne Datenschutzregeln zu verletzen. Das sei besonders schädlich für die deutsche KI-Landschaft, denn „wer den Datentransfer und die Nutzung hemmt, hemmt die Innovationskraft“, meint Freytag.
USA stecken jährlich 80 Milliarden Dollar in KI-Start-ups
Ein deutsches Dauerproblem trifft gerade auch den Bereich KI: fehlendes Wagniskapital. In den USA wurden nach den EFI-Daten 2021 bis 2023 pro Jahr im Schnitt fast 80 Milliarden US-Dollar in KI-Start-ups investiert. Selbst in China waren es gut 28 Milliarden. In der EU waren es 12,4 Milliarden, auf Deutschland entfielen lediglich 3,6 Milliarden.
„Die USA haben sowohl strukturell als auch kulturell Vorteile“, sagt Adrian Locher, CEO der KI-Investmentplattform Merantix. Zum einen gebe es dort deutlich mehr institutionelle Anleger wie große Investoren, Pensionsfonds und Universitätsstiftungen, die Geld in Start-ups stecken. Zudem habe das Silicon Valley in den vergangenen Jahren viele Unternehmer hervorgebracht, die jetzt selbst investieren.
Vor allem die Verbindung zwischen Wirtschaft und Forschung sei in den USA deutlich enger als in Deutschland. „Das sollten wir uns als Vorbild nehmen“, sagt Locher. Auch die Bundesregierung müsse die Investitionen in das Start-up-Ökosystem deutlich erhöhen und Bürokratie abbauen.
Die Zahl der KI-Start-ups in Deutschland betrug nach ZEW-Daten 2021 rund 3000 – und ist seither leicht gesunken. 2023 gab nur ein Drittel in der KI-Start-up-Befragung an, über Wagniskapital zu verfügen.
Zur technologischen Souveränität Deutschlands empfiehlt die EFI die Förderung von Open-Source-Projekten, deren Quellcode öffentlich zugänglich ist. Am Fraunhofer-Institut IAIS in Sankt Augustin ist Deutschlands bisher einziges großes Open-Source-Projekt OpenGPT-X angesiedelt. Es trainiert mehrere große Modelle, die bis zu 24 europäische Sprachen verstehen und „in Kürze“ zugänglich sein sollen.
Auch gebe es viele offene Modelle von Anbietern wie Meta oder Mistral. Deutschland könne es sich aber nicht leisten, „nicht Teil einer weiteren industriellen Revolution zu sein“, mahnt IAIS-Projektleiter Nicolas Flores-Herr. Denn es sei nicht zu erwarten, dass „ausländische Firmen offene Modelle entwickeln, die für die deutsche Wirtschaft maßgeschneidert sind“.
Modernisierungspolitik der Ampel „wenig konsistent und nicht gut aufeinander abgestimmt“
Neben KI sorgt sich die EFI auch auf anderen Feldern, dass Krieg, Konjunkturflaute und geopolitische Verwerfungen die Transformation der deutschen Wirtschaft generell gefährden. Die verschärfte Konkurrenz um die knappen Mittel dürfe keinesfalls dazu führen, dass der Umbau „in weite Ferne rückt“ und die Energie- und Mobilitätswende ins Stocken gerät, warnte Cantner.
Abseits von den Sorgen um die deutsche KI-Wirtschaft warnt die EFI davor, dass sich die knappen Haushaltsmittel negativ auf die Energie- und Mobilitätswende auswirken könnten. Die Ampel sei zwar „erste Schritte in die richtige Richtung“ gegangen, sagte EFI-Chef Cantner. Allerdings sei die Transformationspolitik bislang „wenig konsistent und weder zeitlich noch inhaltlich gut aufeinander abgestimmt“.
Haushaltspolitisch drängt die EFI darauf, Langfristziele auch kurzfristig zu berücksichtigen: So sollten etwa Mittel aus dem 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen Bundeswehr „auch für Forschung zu Cybersicherheit und KI eingesetzt werden“, rät Cantner. Schließlich sei „die Schnittmenge zwischen militärischer und ziviler Forschung groß und der Bezug zur digitalen Transformation unmittelbar gegeben“. Große Teile des Sondervermögens sind allerdings ohnehin schon verplant.