Goldhandel: Degussa hat nach Neupositionierung Marktanteil fast verdoppelt
Frankfurt. Seit rund einem Jahr hat Degussa Goldhandel mit Christian Rauch einen neuen CEO, nun zieht er im Gespräch mit dem Handelsblatt Bilanz. „Ich glaube, ich habe im denkbar schwierigsten Jahr im Goldhandel angefangen“, sagt er. Denn die Nachfrage deutscher Anleger nach Goldbarren und -münzen sank laut dem Branchenverband World Gold Council (WGC) im vergangenen Jahr um 73 Prozent.
Doch trotz dieses Umfelds habe Degussa 2023 einen „soliden Gewinn“ erzielen können. Eine genaue Zahl könne er noch nicht nennen, da die Jahresbilanz derzeit noch geprüft werde. Worauf er besonders stolz ist: Degussa habe seinen Marktanteil im deutschen Goldhandel von elf Prozent im Jahr 2022 auf 20 Prozent steigern können.
Das führt er auch auf die veränderte Markenstrategie Degussas zurück. Bevor Rauch die Leitung des Goldhändlers übernahm, war Ende 2022 der bisherige Geschäftsführer Markus Krall entlassen worden. Krall fiel vor allem mit düsteren Wirtschaftsprognosen auf sowie mit der Forderung, Empfängern staatlicher Leistungen das Wahlrecht abzuerkennen.
Krall wurde damals vom langjährigen Degussa-Eigner August von Finck junior als CEO berufen. Dieser hatte sich zu Lebzeiten als Financier rechtslibertärer Thinktanks hervorgetan und auch die Degussa in diesem politischen Spektrum positioniert.
Degussa: Distanzierung von Positionierung unter Krall
Nach von Fincks Tod im Dezember 2021 übernahm sein Sohn August François den Goldhändler komplett und leitete einen Strategiewechsel ein, den Rauch nun umsetzen will. Bereits im Sommer distanzierte er sich im Gespräch mit dem Handelsblatt klar von der Positionierung des Goldhändlers unter Krall und betonte, er selbst und das Unternehmen seien „offen für alle Menschen, unabhängig von Religion, Geschlecht, politischer Orientierung und Hautfarbe“.
Rauch und Degussa bekamen aufgrund dieser Neupositionierung in den sozialen Netzwerken viel Gegenwind, unter anderem aus dem politischen Umfeld Kralls. Degussa stoße seine treuen Kunden vor den Kopf, lautete etwa ein Vorwurf. „Get woke, go broke“, kommentierten einige Nutzer in den sozialen Medien den Strategiewechsel des Goldhändlers. Was sie damit meinten: Ein Unternehmen, das sich bei der Vermarktung progressiven politischen Ideen annähert, läuft Gefahr, wirtschaftlich zu scheitern.
Rauch betont, er stünde weiterhin hinter seinen Aussagen. „Wir möchten keine Marke sein, die Angst schürt, um Gold zu verkaufen“, sagt er. Statt sich politisch zu positionieren, sei es sinnvoller, ganz rational die Vorteile von Gold im Portfolio hervorzuheben. Das mache Degussa derzeit vor allem über soziale Medien, die Reichweite sei hier deutlich gewachsen.
Sparplan-Geschäft hat sich fast verdoppelt
Die Social-Media-Strategie passt zu dem Ziel, das sich Rauch im Sommer selbst gesteckt hat: mehr junge Kunden zu gewinnen, etwa durch Goldsparpläne. Hier sei man dabei, in eine digitale Plattform zu investieren und ein neues Sparplankonzept zu entwickeln. Das bereits bestehende Sparplan-Geschäft hat sich laut Rauch mittlerweile im Vergleich zu 2022 nahezu verdoppelt.
Dennoch: Unterm Strich hat Degussa, abgesehen von Januar und Februar 2023, laut Rauch mehr Gold gekauft als verkauft. „Einige der Kunden, die ihr Altgold zu uns gebracht haben, mussten sich leider von ihrem Gold trennen, weil sie das Geld dringend brauchten“, berichtete der Degussa-CEO. Auch das makroökonomische Umfeld in diesem Jahr sei bisher schwierig für den Goldhandel in Deutschland gewesen.
„Für uns geht es daher darum, auch unabhängig von den Rahmenbedingungen zu wachsen“, betonte Rauch. So wolle sich Degussa künftig internationaler ausrichten, die bisher eher getrennt laufenden Geschäfte in Deutschland, der Schweiz, Spanien und Großbritannien wurden nun in einer Dachgesellschaft zusammengefasst.