Geldpolitik: Schweizer Nationalbank senkt überraschend den Leitzins – Franken fällt
Zürich. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat den Leitzins am Donnerstag überraschend um 0,25 Prozentpunkte gesenkt, auf nun 1,5 Prozent. Analysten waren im Vorfeld Daten des Finanzdienstes Bloomberg zufolge mehrheitlich von einem gleichbleibenden Zinssatz ausgegangen. Als Folge des Notenbankentscheids geriet der Schweizer Franken am Donnerstag gegenüber Euro und Dollar stark unter Druck.
Der scheidende SNB-Chef Thomas Jordan begründete die Entscheidung mit dem aus seiner Sicht erfolgreichen Kampf gegen die Inflation: „Die Lockerung wurde möglich, weil die Bekämpfung der Inflation über die letzten zweieinhalb Jahre wirksam war.“ Die Teuerungsrate in der Schweiz notiere seit einigen Monaten unter zwei Prozent. Im Februar notierte sie bei 1,2 Prozent – deutlich tiefer als in der Euro-Zone. Damit sei das Ziel der Preisstabilität wieder erreicht, so Jordan.
Die SNB hat als geldpolitisches Ziel eine Inflationsrate zwischen null und zwei Prozent festgelegt. Jordan betonte: „Die Nationalbank wird die Inflationsentwicklung weiter genau beobachten und die Geldpolitik wenn nötig erneut anpassen, um sicherzustellen, dass die Inflation mittelfristig im Bereich der Preisstabilität bleibt.“
Der SNB-Chef, der kürzlich seinen Rückzug zu September bekannt gegeben hatte, bleibt damit seiner Linie treu, bei geldpolitischen Wenden der Europäischen Zentralbank (EZB) zuvorzukommen. Die EZB dürfte den Erwartungen der meisten Analysten zufolge im Juni ihre erste Zinssenkung vornehmen.
Bereits im vergangenen September hatte Jordan früher als seine Amtskollegin Christine Lagarde den Zinserhöhungszyklus beendet. Die SNB hatte im Kampf gegen die Inflation zudem früher als die EZB damit begonnen, die Zinsen anzuheben.
Entlastung für die Schweizer Wirtschaft
Arthur Jurus, Chefanlagestratege der Privatbank Oddo BHF Schweiz, kommentierte, der SNB-Entscheid sei eine Überraschung: „Die SNB hat in 30 Jahren mit einer Inflation von über ein Prozent und einem Schweizer Franken nahe seinem langfristigen Trend die Zinsen nie gesenkt.“
Shaan Raithatha, Ökonom beim US-Vermögensverwalter Vanguard in Europa, hatte anders als viele Experten im Vorfeld eine erste Zinssenkung der SNB erwartet. Er sagte: „Das Hauptrisiko, das die SNB im Auge behalten wird, ist die Stärke des Schweizer Frankens.“
Der starke Franken droht im schwachen wirtschaftlichen Umfeld die ausgeprägt exportgestützte Schweizer Wirtschaft auszubremsen. Jordan bestätigte: „Es ist nicht auszuschließen, dass sich die Weltwirtschaft schlechter entwickelt als angenommen.“
Eine schwächere Wirtschaft im Ausland sei das Hauptrisiko für die Schweiz. Die überraschende Zinssenkung setzt nun den Franken unter Druck und verschafft der Schweizer Exportwirtschaft möglicherweise etwas Entlastung. Der Franken fiel gegenüber dem Euro zeitweise um ein Prozent auf 1,023 Euro pro Franken – eine für den Währungsmarkt starke Bewegung.