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Morning BriefingWie viel Arbeit ist genug? Bahn-Deal entfacht neue Debatte

Unternehmer sorgen sich, dass die Einigung zwischen GDL und der Deutschen Bahn Schule machen könnte. Ein Gegenvorschlag lautet, statt weniger lieber mehr zu arbeiten.Teresa Stiens 27.03.2024 - 06:21 Uhr
Handelsblatt Morning Briefing

Weniger Arbeit für Lokführer: Debatte um 35-Stunden-Woche

27.03.2024
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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

wie viel Arbeit ist genug Arbeit? Eine Frage, über die nach der Einigung der Lokführergewerkschaft GDL und der Deutschen Bahn weit über die Schienenwelt hinaus eine hitzige Debatte ausgebrochen ist. Denn der Kompromiss sieht eine 35-Stunden-Arbeitswoche ab 2029 vor. Ob das eine gute Idee ist, dazu gehen die Meinungen weit auseinander.

Wenig überraschend sprechen sich vor allem Gewerkschafter und Arbeitnehmerinnen für eine Reduzierung der Arbeitszeit aus, während Unternehmerinnen und Unternehmer vor massiven Gefahren für Wirtschaft und Wohlstand warnen. Einige Ökonomen wie Clemens Fuest vom Ifo-Institut sehen in der Einigung ein Modell für die Zukunft. Andere, wie der Tarifexperte des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, Hagen Lesch, warnen, dass eine kollektive Verkürzung der Arbeitszeit Wohlstand kostet.

Arndt G. Kirchhoff, Präsident der Landesvereinigung der Unternehmensverbände Nordrhein-Westfalen, fordert: „Angesichts der demografischen Entwicklung und des Fachkräftemangels sollten wir eine gesamtgesellschaftliche Debatte darüber führen, ob wir es uns leisten können, noch weniger zu arbeiten.“

Wie immer bei einer hitzigen Debatte lohnt sich zur Abkühlung ein Blick auf die Zahlen. Fakt ist, dass die Menschen in vielen anderen Ländern im Durchschnitt länger arbeiten als in Deutschland. China etwa liegt mit über 46,1 Wochenstunden im Durchschnitt weit vor uns mit 34,7.

Andererseits deuten mehrere Studien darauf hin, dass mehr Arbeit nicht unbedingt auch zu mehr Produktivität führt. Wobei es im Dienstplan der Lokführer schon einen Unterschied machen dürfte, ob alle eher 35 oder eher 40 Stunden arbeiten.

Mein Kollege Frank Specht aus dem Berliner Büro kennt sich mit Tarifverträgen hervorragend aus. Er sieht die Einigung zwischen GDL und Bahn nicht als Blaupause für die Gesamtwirtschaft. Ob die von der Bahn eingegangene Wette aufgeht, dass die Beschäftigen schon von selbst mehr arbeiten werden wollen – um mehr Geld zu verdienen – bleibe sehr ungewiss. Außerdem könne ein im Wettbewerb stehendes Privatunternehmen anders als ein Staatskonzern weniger Arbeit bei vollem Lohn nicht einfach über höhere Schulden oder das Geld der Steuerzahler finanzieren. Frank Spechts Fazit: „Als kollektiver Freizeitpark kann Deutschland im internationalen Wettbewerb nicht bestehen“.

Wisag-Chef Michael C. Wisser: Deutschland habe ein gesellschaftliches „Mindset“-Problem. Foto: Dpa pa, Wisag [M]

In eine ähnliche Richtung argumentiert auch der Chef des Gebäudedienstleisters Wisag, Michael C. Wisser, im Handelsblatt Interview. Das Streikrecht solle unantastbar bleiben, sagt der bekennende Sozialdemokrat. Deutschland attestiert er allerdings ein gesellschaftliches „Mindset“-Problem. Es scheine die „allgemein irrige Vorstellung zu geben, dass ein gleichbleibender Wohlstand mit immer weniger Arbeit möglich ist“.

Wisser schlägt vor, einmal durchzurechnen, was zwei Stunden mehr Arbeit pro Woche bringen würden. Eine Vier-Tage-Woche wäre trotzdem nicht unmöglich. „Vier Tage zu je zehn Stunden sind genauso viel wie fünf Tage zu je acht Stunden“, rechnet er vor. Ich empfehle Ihnen die vollständige Lektüre des Interviews, das Luftfahrtexperte Jens Koenen durchaus kritisch geführt hat.

Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, hält eine Rede im Elysee-Palast. Foto: dpa

Eine böse Überraschung gab es gestern für den französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Die nationale Statistikbehörde Frankreichs teilte am Dienstag mit, dass sich das Haushaltsdefizit im vergangenen Jahr auf 5,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts belaufen habe. Die Regierung hatte mit 4,9 Prozent gerechnet. „Zu lange hat Paris den hehren Worten der Haushaltssanierung keine Taten folgen lassen“, kommentiert Handelsblatt-Frankeich-Korrespondent Gregor Waschinski. Sein Ausblick: „Auf Macron und Frankreich kommen schwere Zeiten zu.“

Eigentlich wären die gestiegenen Zinsen der letzten Zeit eine gute Nachricht für Sparer. Zumindest, wenn die Banken die höheren Zinsen auch an ihre Kunden weitergeben würden. Doch statt das konsequent zu tun, haben Sparkassen und Genossenschaftsbanken einen Kniff entwickelt, der ihnen viel Geld eingebracht hat. So zeigen die Daten von Vergleichsportalen, dass sie im Schnitt weitaus weniger auf Tagesgeld und Festgeld zahlen als bundesweit aktive Banken.

Stattdessen bieten sie ihren Kundinnen und Kunden Zertifikate, vor allem Zinsanleihen. Davon profitieren die Banken selbst besonders stark. Denn diese Zinszertifikate ermöglichen ihnen, eine gewisse Rendite zu bieten, ohne die Zinsen für einen Großteil der Kundschaft deutlich anzuheben. Obendrein kassieren sie beim Verkauf von Zertifikaten Provisionen.

Das Modell geht auf: Die Sparkassen und die Volksbanken haben im vergangenen Jahr Rekordgewinne erzielt. 17 Milliarden Euro verdienten die Sparkassen vor Steuern, fast elf Milliarden Euro die Genossenschaftsbanken. Es sind enorme Summen. Die Deutsche Bank und die Commerzbank bleiben weit dahinter zurück.

Eine Boeing 737 verlässt den Hangar: Boeing braucht eine Führung mit Fachkompetenz, meint Handelsblatt-US-Korrespondentin Katharina Kort. Foto: imago images/Steve Bauerschmidt

Es klingt wie eine Binsenweisheit, ist angesichts der bisherigen Pannenserie bei Boeing aber eine große Erkenntnis: Der Flugzeugbauer braucht wieder eine Führung, die etwas von Flugzeugen versteht. Der US-Konzern sollte den anstehenden Führungswechsel nutzen, um sich genau diese simple Weisheit wieder zu Herzen zu nehmen, findet US-Korrespondentin Katharina Kort. „Es gibt Branchen – und dazu gehört die Luftfahrtindustrie ebenso wie die Pharmabranche –, da ist eine gewisse Fachkompetenz die beste Voraussetzung“, schreibt sie.

Welchen Unterschied (unter anderem) ein Chef mit Expertise machen kann, zeigt der Vergleich zwischen Boeing und Airbus. Boeing-Chef Dave Calhoun hat einen Abschluss in BWL und kennt sich vor allem mit Private Equity aus. Airbus-CEO Guillaume Faury hat einst als Chefingenieur unter anderem die Entwicklung eines Hubschraubers verantwortet. Den Beweis, welche Qualifikation sich besser für den Chefsessel eines Flugzeugbauers eignet, erbringen fliegende Flugzeuge. Airbus ist da momentan auf dem deutlich besseren Kurs.

Auch wenn sich einige von Ihnen, werte Leserinnen und Leser, beschwert haben, dass ich nicht auch noch anfangen soll, über Männerfußball zu schreiben, der sei ja eh schon allgegenwärtig, komme ich nicht so ganz drumherum.

Eventuell liegt das auch an meinem Nachbarn, dessen Fernseher mit Fußballübertragung in meinem Arbeitszimmer lautstark zu hören ist. So kam ich nicht umhin, mitzuhören, dass Deutschland sein Testspiel gegen die Niederlande 2:1 gewonnen hat. Ein Faktor soll der zurückgekehrte Mittelfeldspieler Toni Kroos gewesen sein – ein echter Führungsspieler.

Führung in der Transformation – nicht nur für die Nationalmannschaft ein wichtiges Thema. Auch das Handelsblatt will in einer mehrwöchigen Management Summer School Antworten auf die Frage geben: Wie führe ich erfolgreich in der Transformation – mich selbst, mein Team und / oder ein Unternehmen? Um sicherzugehen, dass wir dabei auch genau die Themen aufgreifen, die Führungskräfte gerade umtreiben, würden wir gern von Ihnen wissen: Welches sind Ihre drei größten Führungs-Herausforderungen während der Transformation? Wir würden uns freuen, wenn Sie hier an einer kurzen Umfrage teilnehmen würden.

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Toni Kroos darf sich natürlich auch sehr gerne daran beteiligen.

Ich wünsche Ihnen einen guten Tag voller erfolgreicher Transformationen.

Herzliche Grüße
Ihre
Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt

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