Nahost-Experte: „Irans offene Rechnung mit Israel wird irgendwann beglichen werden“
Jerusalem. Nach dem mutmaßlichen israelischen Angriff auf das iranische Konsulat in Damaskus mit mindestens acht Toten wächst die Sorge vor einer weiteren Eskalation. Der niederländische Nahostkenner Joost Hiltermann warnt im Gespräch mit dem Handelsblatt, der Iran strebe zwar derzeit keine offene Konfrontation mit Israel oder den USA an. „Das heißt aber nicht, dass der Iran nichts unternimmt.“ Und: „Die offene Rechnung mit Israel wird irgendwann beglichen werden.“
Der Angriff auf eine diplomatische Vertretung und somit auf souveränes iranisches Territorium sei „eine Stufe weiter auf der Eskalationsleiter“. Um den Krieg in Gaza zu beenden, sieht Hiltermann die USA in der Verantwortung. Dabei weist er auf die humanitäre Lage im Gazastreifen hin. „Die USA sollten intervenieren, um Israel zu stoppen“, fordert er.
Lesen Sie hier das vollständige Interview mit Joost Hiltermann:
Der Iran hat nach der Tötung mehrerer hochrangiger Offiziere in der syrischen Hauptstadt Damaskus erklärt, Israel und seine Unterstützer würden dafür „mit Sicherheit“ bestraft. Wie könnte die Vergeltung Teherans aussehen?
Es ist sehr schwer vorherzusagen, wie der Iran reagieren wird. Ich würde nicht ausschließen, dass die Generäle für den Iran Opfer sind, wie sie in Kriegen vorkommen. Die Leute sind ersetzbar, auch wenn das in den höheren Rängen etwas schwieriger ist. Die Iraner denken eher langfristig strategisch. Die offene Rechnung mit Israel wird irgendwann beglichen werden, aber sie müssen das nicht jetzt tun.
Aber könnte die Lage nicht außer Kontrolle geraten?
Ja. Der Iran strebt derzeit keine offene Konfrontation mit Israel oder den USA an. Das heißt aber nicht, dass der Iran nichts unternimmt. Seine Verbündeten in der Region haben sehr viele Granaten, Raketen und Drohnen auf Israel und amerikanische Basen abgefeuert. Das birgt das Risiko, dass etwas schiefgehen kann.
Gab es in der Vergangenheit schon einmal eine ähnliche Situation?
Als die USA 2020 den ehemaligen Kommandeur der iranischen Quds-Brigaden, Qasem Soleimani, und den Chef der vom Iran unterstützten Gruppen im Irak, Abu Mahdi al-Muhandis, töteten, schossen die Iraner Raketen auf einen irakischen Armeestützpunkt ab, auf dem auch amerikanische Soldaten stationiert waren. Es gab viele Verletzte. Das hätte aus dem Ruder laufen können, hätte der Iran den USA nicht über indirekte Kanäle vermittelt, dass er an einer weiteren Eskalation kein Interesse hat. Das gleiche Muster haben wir immer wieder gesehen. Auch die USA unter der Biden-Regierung wollen keine Eskalation. Es gibt also ein prekäres Gleichgewicht, aber es gibt ein Gleichgewicht.
Irans Stellvertreter, allen voran die Hisbollah im Libanon, greifen Israel seit Monaten an. Zehntausende Israeli mussten evakuiert werden. War es nicht abzusehen, dass der Iran einen Preis für seine destabilisierende Rolle bezahlt?
Für einige spielt der Iran eine destabilisierende Rolle in der Region, für andere ist das Israel, weil es den Konflikt mit den Palästinensern nicht auf dem Verhandlungsweg gelöst hat. Israel ist in dieser Beziehung bei Weitem die stärkere Macht. Aber es stimmt, die Situation an der Nordgrenze, wo Zehntausende Israeli evakuiert werden mussten, ist untragbar geworden.
Wie wird Israel darauf reagieren?
Israel sind im Moment durch den Krieg in Gaza die Hände gebunden. Die Hamas ist bis jetzt nicht besiegt und die israelische Führung steht unter starkem Druck, in einen Waffenstillstand einzuwilligen und humanitäre Hilfe zu leisten. Gleichzeitig ist sie sich darüber im Klaren, dass sie früher oder später etwas gegen die Bedrohung der Hisbollah im Libanon unternehmen muss. Es ist also durchaus möglich, dass Israel irgendwann zum Schlag gegen die Hisbollah ausholen wird.
Denken Sie, dass die Tötungen in Damaskus ein Zeichen dafür sind, dass Israel eine härtere Gangart einschlägt?
Die Tötungen selbst nicht. Das zeigte sich schon in der Vergangenheit. Allerdings wurde eine diplomatische Vertretung angegriffen. Diese ist souveränes iranisches Territorium und nach internationalem Recht geschützt. Insofern ist es eine Stufe weiter auf der Eskalationsleiter. Dass Israel in Syrien keine diplomatische Vertretung hat, schränkt die Reaktionsmöglichkeiten des Irans ein.
Müssen wir nach dem Krieg in Gaza mit einer offenen Konfrontation zwischen Israel und der Hisbollah rechnen?
Nicht unbedingt. Es könnte auch eine diplomatische Lösung geben: Die USA bemühen sich derzeit darum, ein Sondergesandter pendelt hin und her. Die Hisbollah ist nicht die Hamas. Die Hamas lebt in Gaza unter israelischer Besatzung. Die Hisbollah lebt in einem freien Libanon, und sie beansprucht keine palästinensischen Gebiete.
Und was ist die Rolle der libanesischen Regierung?
Entlang der Waffenstillstandslinie zwischen Israel und dem Libanon gibt es Grenzstreitigkeiten um 13 strategische Punkte. Diese können zwischen den Regierungen gelöst werden. Dazu bedarf es in Verhandlungen der Unterstützung der Hisbollah. Wenn es um die Vertriebenen geht, dürfen wir nicht vergessen, dass auch auf libanesischer Seite Zehntausende vertrieben wurden. Das ist auch für den Libanon untragbar. Die Hisbollah hat also ein Interesse an einer Verhandlungslösung. Die Frage ist nur, ob die US-Vermittlung Erfolg hat.
Sie sprachen humanitäre Hilfen für Gaza an. Am Montag wurden durch israelische Luftangriffe sieben Mitarbeiter der Hilfsorganisation World Central Kitchen getötet. Könnte dies dazu führen, dass die USA ihren Druck auf Israel erhöhen?
Rhetorisch tun sie das bereits. Sie nehmen bereits eine härtere Haltung ein, auch am Montag klang es so. Aber bis jetzt handelt es sich dabei nur um Worte, konkret sehen wir nichts. Die Militärhilfen wurden beispielsweise nicht gekürzt. Im Gegenteil, die Biden-Regierung drückt im Kongress den Verkauf von F-15-Kampfjets durch. Der Grund dafür ist, dass Joe Biden die Wahlen im November im Kopf hat. Dabei muss er verschiedene Wählergruppen berücksichtigen und genau überlegen, was er tun und sagen kann, um sich im November den Sieg zu sichern.
Was müsste geschehen, um den Krieg in Gaza zu beenden und damit die Lage im Nahen Osten zu beruhigen?
Die USA müssen Israel sagen: Genug ist genug. Die USA stimmen mit Israel überein, dass die Hamas vernichtet werden muss. Aber die humanitäre Lage ist katastrophal, es droht eine Hungersnot. Das ist ein Schandfleck für die USA. Jeder sieht die Doppelmoral, wenn wir uns die Haltung der USA gegenüber der russischen Besetzung in der Ukraine und dem Krieg dort und ihre Haltung in Bezug auf die von Israel besetzten Gebiete und dem Krieg in Gaza ansehen. Die USA sollten intervenieren, um Israel zu stoppen.
Was raten Sie der israelischen Regierung?
Israel schadet sich selbst, indem es auf die militärische Karte setzt, um im Nahen Osten zu überleben. Israel weiß das, und frühere Vertreter haben gezeigt, dass es auch einen anderen Weg gibt. Die jetzige israelische Regierung setzt aber so stark auf die Annexion des Westjordanlands und Teile Gazas, dass sie unfähig ist, im palästinensisch-israelischen Konflikt eine gerechte Lösung auszuhandeln.
Ohne amerikanischen Druck und mit dieser Regierung gibt es also keine Hoffnung?
Das stimmt. Dabei sagte ich nicht, dass es auf palästinensischer Seite keine Probleme gibt. Wir haben die autoritäre Regierung von Mahmud Abbas, die keine Erneuerung zulässt. Die letzte Kabinettsumbildung war nicht mehr als ein Lippenbekenntnis. Und es gibt die Hamas, die große Popularität genießt und ein wichtiger Akteur ist. Das müssen wir irgendwie berücksichtigen.