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AusstellungDas Trauma im Grotesken bannen

Die Albertina macht sich stark für Künstlerpersönlichkeiten jenseits des Mainstreams. Außenseiter, Schwarze oder Indigene pflegen einen unverwechselbaren Stil, der erst langsam Eingang findet in andere Museen.Christian Herchenröder 04.04.2024 - 09:28 Uhr
Der französisch-senegalesische Multimedia-Künstlers Alexandre Diop weckt mit „Il était une fois le mouton noir“ die Schaulust (Ausschnitt). Foto: Albertina

Wien. Feminismus und Diversität sind die aktuellen gesellschaftspolitischen Themen der Zeit. Das haben inzwischen auch die Museen erkannt, die sich tastend dem Diskurs stellen und ihn in Ausstellungen und Ankäufen reflektieren.

Ein gelungenes Paradebeispiel für diese Expansion ist die aktuelle Schau „The Diversity of Beauty“ in der Albertina modern in Wien. Viele Exponate stammen aus der Sammlung Essl. Die einst als überambitioniertes Privatmuseum gestartete Großsammlung ist seit 2018 in die Albertina integriert, eine Dauerleihgabe bis 2044.

Zu den 41 Künstlerinnen und Künstlern der Schau gehören nicht nur starke Frauen, sondern auch Repräsentanten einer Kunst, die ihr Außenseitertum und eine Privatmythologie pflegen. Kunstschaffende, die sich als Schwarze oder Indigene lange ausgegrenzt fühlten, die Autodidaktinnen sind, die Geschlechterrollen hinterfragen, die das Groteske pflegen und Traumata verarbeiten.

Unter 130 Werken sind viele charismatische Augenfänger. Es beginnt im Entree mit einer Schenkung: Marc Quinns Stahlplastik mit drei aufgespießten Köpfen, von denen die Acrylfarbe in langen Schlieren herabfließt. Es endet mit tiefschwarzen Kordelreliefs der in Österreich lebenden Russin Elena Koneff.

Dazwischen entfaltet sich in elf weiteren Räumen ein reiches Panorama irritierender Kunst, in dem neben Außenseitern auch Galionsfiguren des Marktes wie Franz West, Maria Lassnig und Cindy Sherman erscheinen.

Das sind Kernfiguren, die allerdings schon längst in den Kanon westlicher Kunst eingeschrieben sind. Das gilt noch nicht für die gespenstischen Köpfe und in fließenden Aquarellfarben heraufbeschworenen Atombombenexplosionen von Miriam Cahn. Die Schweizerin gehört erst seit einem Jahrzehnt zu den gefeierten Malerinnen, wurde aber bereits von der Albertina mit Ankäufen bedacht.

Fetischhafte Materialbilder

Dass weibliche Kunst eine starke, geradezu aufdringliche visuelle Kraft entwickeln kann, zeigt sich in den fetischhaften Materialbildern der Kölnerin Verena Bretschneider. Sie kombiniert unter anderem Plastikblumen, Knochen, Glitzersteine mit Unterwäsche. Mehrere ihrer gleichsam von der Wand springenden Reliefbilder sind schon Teil der Albertina-Sammlung.

Auf den ersten Blick spielerisch, auf den zweiten Blick subversiv präsentieren sich die in Schaukästen als Puppentheater-Szenen der 92 Jahre alten Österreicherin Stefanie Erjautz. Die Figuration einer Bar ist ein Tableau einsamer Menschen. Eine „Kreuzigung” zeigt eine Hinrichtung, in der Adolf Hitler und ein betender Kardinal als provokante Seitenfiguren erscheinen.

Nah am Markt

Eine halbabstrakte Kopulationsszene der angesagten Amerikanerin Cecily Brown und fünf charismatische Porträts des ghanaischen Malerstars Amoako Boafo aus verschiedenen Sammlungen sind dagegen Beispiele einer schon weidlich vom Markt verwerteten Malerei.

Wer ist das Ich, fragt die wandlungsfähige Cindy Sherman in dem Clownsbild „Untitled“ (Ausschnitt) von 2003. Foto: Albertina, The Essl Collection

Das gilt auch für Jonathan Meese, dessen pseudomythische und selbstbezogene Werke seit einger Zeit weniger gefragt sind. Eine der zwei ausgestellten Skulpturen, „Der Propagandist“ von 2005, ist ein Paradestück für den Phalluskomplex, der viele seiner Arbeiten dominiert.

Neuer magischer Realismus

Viele der hier gezeigten Bilder haben ein Riesenformat. Fast fünf Meter groß ist ein Triptychon des 1995 geborenen, französisch-senegalesischen Multimedia-Künstlers Alexandre Diop, der in Wien lebt. Er ist einer der aufstrebenden schwarzen Künstler, der seinen Gemälden mit Fundstücken und Texten eine „neue Realität” geben will. Es sind emotionale Objektbilder, die Schaulust wecken.

Zu den Künstlern, die in der westlichen Hemisphäre noch nicht so bekannt sind, wie sie sein sollten, gehört der Mexikaner Daniel Lezama. Seine indigen geprägten, dem magischen Realismus verpflichteten Bilderzählungen haben oft eine gewalttätige, bewusst obszöne Komponente.

Im Gemälde „Fauno y brucha“ bedroht ein junger, sexuell erregter Faun eine junge, maskierte Hexe mit dem Messer. In „Dulce o broma“ wird das Totenritual der Mexikaner als grotesker Körperkult beschworen.

Mit solchen Werken bricht die Schau eine Lanze für Künstler, die kraft ihrer Herkunft oder ihrer Persönlichkeit einen unverwechselbaren Stil entwickelt haben. Und sich so vom Mainstream des Kunstbetriebs abgrenzen. Dass die Albertina ihnen mit Ankäufen und Dauerleihgaben ein Forum gibt, ist lobenswert. Auch wenn inzwischen Stimmen laut werden, die eine immer stärkere Fixierung der Albertina, eigentlich eine Grafiksammlung Alter Kunst, auf die Gegenwartskunst kritisieren.

Ab Januar 2025 wird ein neuer Generaldirektor – Ralph Gleis, bis dato Direktor der Berliner Nationalgalerie – das Programm prägen, und man wird sehen, ob er der Alten Kunst wieder mehr Raum gibt.

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Österreich

„The Beauty of Diversity“ bis 18. August 2024
in der Albertina modern in Wien.
Katalog 33,20 Euro

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