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GastkommentarWie sich die Wirtschaft erfolgreicher gegen Rechtspopulismus engagieren kann

Trotz vieler Initiativen gegen Rechtsextremismus wächst der Zuspruch für die AfD. Daniel Kinderman nennt vier Kriterien, die helfen sollen, effektiver gegen Rechtspopulismus vorzugehen. 09.04.2024 - 21:48 Uhr
Der Autor Daniel Kinderman ist Professor für Politikwissenschaften an der Universität von Delaware in den USA. Foto: REUTERS/Thilo Schmuelgen / Privat [M]

Wenn es um das Thema „Unternehmen und Rechtspopulismus“ geht, zeigen immer mehr Unternehmer und Wirtschaftsverbände Flagge: Sie initiieren Kampagnen und gründen Vereine für Weltoffenheit und Demokratie. Diese Aktionen sind sehr gut. Je mehr, desto besser. Aber sind sie auch effektiv?

Die Wirtschaft ist nicht erst vor Kurzem aufgewacht. Seit 2016 gibt es den Verein Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen. Vor der Bundestagswahl im Jahr 2017 gab es Kampagnen des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) und des Wirtschaftsverbands industrieller Unternehmen in Baden (WViB). Seitdem sind andere Initiativen hinzugekommen, etwa das Business Council for Democracy (BC4D), die Familienunternehmenskampagne „Made in Germany – Made by Vielfalt“ oder der Unternehmenszusammenschluss „Offen für Vielfalt – Geschlossen gegen Ausgrenzung“ in Hessen. Dennoch wird die AfD immer stärker.

Kampagnen gegen Rechtspopulismus sollten nicht nur in der eigenen Filterblase stattfinden

Dafür gibt es viele sehr unterschiedliche Gründe. Im Folgenden möchte ich mich auf vier Punkte konzentrieren, die aus meiner Sicht die Schwächen der bisherigen Ansätze ausmachen, und Verbesserungen vorschlagen:

Erstens: Es spricht viel dafür, dass Unternehmen in größeren Städten oder an Orten mit Hochschulen Flagge zeigen. Doch sind diese Orte bereits überwiegend weltoffen eingestellt. Fraglich ist, ob ein solches Engagement das Stimmungs- und Meinungsbild in ländlichen, kleinstädtisch strukturierten Gebieten, wo Rechtspopulisten mehr Zuspruch haben, beeinflussen kann. Wenn Menschen an Schulungen gegen Desinformation teilnehmen, die ohnehin schon für das Problem sensibilisiert sind, hat das keinen wirklichen Effekt auf Menschen außerhalb dieses Kreises, die solche Informationen ja am ehesten erreichen sollten.

Kampagnen von großen, internationalen Unternehmen oder der exportorientierten Industrie und des kreativen Dienstleistungsbereichs erreichen hauptsächlich Menschen aus genau diesen Branchen – und diese sind tendenziell weltoffener und somit in Sachen Rechtspopulismus weniger aufklärungsbedürftig als andere Bevölkerungsgruppen. Also: Raus aus der Filterblase!

Aktionen und Initiativen, die sich „bottom-up“ entwickeln, sind meistens überzeugender

Zweitens: Aktionen gegen Rechtspopulismus werden oft von Konzernchefs und Geschäftsführern von Verbänden initiiert. Das ist aufgrund von Führungsverantwortung und Hierarchiedenken manchmal unvermeidbar, jedoch reduziert diese Top-down-Dynamik der Wirtschaftselite ihre Effektivität, weil die Belegschaft und auch manche Unternehmer die Initiativen von „denen da oben“, das heißt von der Führungs- oder Verbandselite, eher skeptisch beurteilen. Dies macht solche Initiativen auch angreifbar von einer Partei wie der AfD, die sich als Anti-Establishment präsentiert. Bottom-up ist besser.

Drittens: Die Argumentation der Weltoffenheitsbefürworter ist oft ökonomisch und betriebswirtschaftlich basiert. Das hat gute Gründe, denn viele Branchen sind auf Fachkräftezuwanderung angewiesen. Sowohl Unternehmen als auch das Land als Ganzes brauchen Fachkräftezuwachs. Der Erfolg einer solchen Kosten-Nutzen-Rechnung ist aber eher begrenzt. Manche Menschen sind dafür nicht empfänglich. Ein farbenfroher und emotionaler, vielleicht auch humorvoller Ansatz, der das Selbstverständnis Deutschlands als einer offenen und bunten Gesellschaft betont, kann mehr Erfolg erzielen als ein Ansatz, der ausschließlich betriebswirtschaftlich argumentiert.

Weltoffenheitsbefürworter sollten daher mehrgleisig fahren und auch emotionsbasiert argumentieren – es geht um große gesellschaftliche Fragen, nicht allein um Wirtschaft.

Wir müssen die freiheitlich-demokratische Grundordnung leidenschaftlich verteidigen, aber auch zuhören und den Dialog suchen, um gemeinsame und kreative Lösungen für aktuelle Probleme zu finden.
Daniel Kinderman

Viertens: Ständig mit der Nazikeule zu schwingen, ist nicht hilfreich. Die Angst, dass sich die Geschichte wiederholen könnte, ist verständlich. Die AfD ist jedoch eine rechtspopulistische und antipluralistische Partei, aber nicht die NSDAP. Für eine Konfrontation mit Neonazis ist der Verweis auf die nationalsozialistische Gewaltherrschaft unerlässlich – in anderen Fällen jedoch eher schädlich. Unzufriedene Bürger könnten den Eindruck bekommen, dass sie mundtot gemacht werden sollen und ihre berechtigten Sorgen und Ängste kein Gehör finden. Also: Nicht zu viel mit der Nazikeule schwingen.

Es müsste mittlerweile auch allen klar sein, dass die bisherige Ausgrenzungs- und Brandmauerstrategie einer populistischen Partei, wie es die AfD ist, in die Karten spielt. Wir müssen die freiheitlich-demokratische Grundordnung leidenschaftlich verteidigen, aber auch zuhören und den Dialog suchen, um gemeinsame und kreative Lösungen für aktuelle Probleme zu finden.

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Der Autor:
Daniel Kinderman ist Professor für Politikwissenschaften an der Universität von Delaware in den USA.

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