Aktien: An den Märkten läuft die Woche der Entscheidung
Frankfurt. In diesen Tagen könnte sich entscheiden, ob die alte (und bewährte) Börsenweisheit „Sell in May and go away" ein guter Ratschlag ist. Die Ausgangslage sieht wie folgt aus: Im vergangenen November kündigte Jerome Powell, der Chef der US-Notenbank Fed, semioffiziell die geldpolitische Wende in 2024 an und gab damit den Startschuss für die bemerkenswerte Rally an den Aktienbörsen. Zwischenzeitlich kalkulierten die Investoren mit bis zu sechs Zinssenkungen in den USA in diesem Jahr.
Doch dann erwies sich die Inflation leider als zu hartnäckig und die US-Konjunktur als zu robust. Die Zinsfantasie verflüchtigte sich. Mittlerweile lässt sich an den Terminmärkten sogar eine Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent ablesen, dass die Fed die Zinsen in diesem Jahr noch einmal anheben statt senken könnte
Das bedeutet, dass die Geldpolitik als Kurstreiber bis auf Weiteres ausfällt. Die Folge waren die Kursverluste von Ende März bis Mitte April, die sich beim US-Leitindex S&P 500 auf gut fünf Prozent summierten. Für die Fortsetzung des Aufschwungs braucht es also einen neuen Katalysator, und diese Rolle müssten die Unternehmensgewinne übernehmen.
In dieser Woche erreicht die US-Earningssaison ihren Höhepunkt. Rund 180 Unternehmen, die für 40 Prozent des Marktwerts des S&P 500 stehen, präsentieren ihre Zahlen für das erste Quartal. Der Auftakt zu dieser Superwoche verlief gar nicht so schlecht.
Der Kurs des Musikstreamingdienstes Spotify schoss am Dienstag nach einem Rekordgewinn in die Höhe, und die gebeutelten Aktien des E-Autobauers Tesla gewannen im frühen Handel am Mittwoch zwölf Prozent an Wert, nachdem der Konzern günstigere neue Modelle für kommendes Jahr versprochen hatte.
Aber auch traditionellere Konzerne profitierten von guten Zahlen. So legte der Kurs des Verkehrstechnikunternehmens Westinghouse Air Brake nach einer deutlichen Gewinnsteigerung zum Handelsstart am Mittwoch um rund zehn Prozent zu.
Von den gut 100 Unternehmen des S&P 500, die bislang ihre Ergebnisse für die ersten drei Monate des Jahres vorgelegt haben, übertrafen knapp 80 Prozent die Erwartungen der Analysten. Solche Zahlen stimmen die Marktstrategen des US-Bankriesen Citi zuversichtlich. Sie sehen die jüngsten Verluste als willkommene Korrektur nach dem überschäumenden Optimismus der vergangenen Monate und damit als Kaufgelegenheit. Die Earningssaison werde jetzt die Aufmerksamkeit der Investoren auf die „soliden Fundamentaldaten" lenken.
Dieser Optimismus gilt nicht nur für die Weltleitbörse USA, sondern global. In einer aktuellen Studie sagen die Citi-Experten voraus, dass der MSCI World Index bis Ende des Jahres noch einmal fünf Prozent an Wert gewinnen wird.
Streit der Strategen
Das einzige Problem ist, dass längst nicht alle Strategen so zuversichtlich sind. Die Analysten von JP Morgan zeichnen ein deutlich düstereres Bild mit wachsenden makroökonomischen Gefahren, sich zuspitzenden geopolitischen Risken, einem steigenden Dollar und höheren Ölpreisen. Deshalb fürchten die Experten, dass die Kurskorrektur noch nicht vorbei ist. Dass die Lage fragil ist, zeigt das Beispiel Spotify. Nach den kräftigen Gewinnen vom Dienstag fiel der Kurs zur Eröffnung am Mittwoch um rund fünf Prozent.
Beide Seiten haben gute Argumente für ihre Prognosen – das macht die Entscheidung für die Investoren nicht leichter. Die Börsengeschichte zeigt, dass es sich langfristig bislang fast immer gelohnt hat, auch in unsicheren Zeiten investiert zu bleiben.
Nervöseren Gemütern hilft vielleicht die Abwägung, ob es sich lohnt, für fünf Prozent weiteres Kurspotenzial bis Ende des Jahres die aufgelaufenen Gewinne der vergangenen Monate aufs Spiel zu setzen. Aber bis Freitag dauert es nicht mehr lang, und Ende dieser Woche lässt sich wahrscheinlich schon besser absehen, ob der Mai seinem schlechten Ruf wirklich gerecht werden wird.