Quanten-Start-ups: Darum ist Europa bei der Quantentechnologie so stark
Berlin. Europas Quanten-Start-ups konnten im vergangenen Jahr gegenüber ihrer weltweiten Konkurrenz punkten. Während weltweit die Investitionen einbrachen, schossen sie in Europa trotz der Finanzierungskrise und Wirtschaftsschwäche in die Höhe. Geldgeber steckten 2023 insgesamt 363 Millionen Euro in europäische Quanten-Start-ups, wie der Datendienst Pitchbook exklusiv für das Handelsblatt ermittelte. Das entsprach einem Plus von 47 Prozent.
Im gleichen Zeitraum gingen die weltweiten Investitionen in Jungfirmen aus dem Bereich Quantentechnologie um 27 Prozent auf 1,71 Milliarden Dollar zurück. Der gesamte Start-up-Sektor erhielt sogar 38 Prozent weniger.
Der am Donnerstag veröffentlichte „Quantum Technology Monitor“ der Wirtschaftsberatung McKinsey begründet den Aufwärtstrend zum einen mit den jüngsten technologischen Durchbrüchen und zum anderen mit den höheren staatlichen Förderungen beispielsweise in Deutschland, aber auch in Großbritannien.
Quantencomputer arbeiten im Gegensatz zu herkömmlichen Rechnern nicht mit binären Zahlen, sondern mit sogenannten Qubits. Diese sind in der Lage, unendliche viele Zustände und nicht nur zwei einzunehmen und können daher eine Unmenge an Rechenaufgaben parallel lösen.
Laut McKinsey flossen inzwischen bis heute weltweit 43 Milliarden Dollar staatliches Geld in den Sektor – mit Abstand am meisten davon in China.
„Vielen Ländern ist bewusst, dass es auch darum geht, sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen“, sagte Niko Mohr, Partner im Düsseldorfer Büro von McKinsey und globaler Leiter des Bereichs für Quantentechnologien. „Wir machen ein extrem starkes Momentum aus.“ Allein in Deutschland sollen bis 2026 drei Milliarden Euro in die Förderung von Quantencomputern und deren Anwendung fließen.
Der Chef des Karlsruher Start-ups Kipu Quantum, Daniel Volz, ist der Meinung, dass von den staatlichen Fördersummen junge Firmen stärker profitieren sollten: „Der mit Abstand größte Teil der Summe geht an nicht-industrielle Wissenschaftsorganisationen wie die Fraunhofer-Gesellschaft oder das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt.“ Damit komme wenig bei Start-ups oder quantennutzenden Großkonzernen an.
Steht Ende des Jahrzehnts der Quantenrechner?
Mohr ist überzeugt, dass die Entwicklung im Bereich der Quantentechnologie nun noch mal stärker Fahrt aufnimmt. „Die Zeitleiste verschiebt sich nach vorn. Vielleicht haben wir schon Ende der 2020er-Jahre einen Rechner, mit dem wir arbeiten können“, sagte der Quantenexperte. Denn genau daran mangelt es noch. Laut „Handlungskonzept Quantentechnologie“ der Bundesregierung soll es spätestens 2026 einen leistungsfähigen und international wettbewerbsfähigen Quantencomputer in Deutschland geben.
Ähnlich zuversichtlich wie Mohr ist der Firmenchef und -Gründer des derzeit wertvollsten europäischen Quanten-Start-ups Terra Quantum, Markus Pflitsch: „Quantentechnologien stehen kurz davor, die Welt grundlegend zu verändern, und das schneller als erwartet.“
Laut Pitchbook bewerten Investoren die Schweizer Firma, die an kommerziell nutzbaren Quantentechnologie-Lösungen arbeitet, mit derzeit rund 570 Millionen Euro. Pflitsch sieht die ersten kommerziellen Anwendungen beispielsweise bei Finanzdienstleistern, die ihre Berechnungen schneller und effizienter vornehmen können, wie auch in der Arzneimittelforschung im Gesundheitssektor.
Drei Experten, drei Perspektiven: Wann werden Quantencomputer endlich Realität?
Kommt alles zusammen, könnte der Markt laut McKinsey nun bis 2035 sogar auf bis zu zwei Billionen Dollar wachsen. Bisher hatte McKinsey das Wertschöpfungspotenzial mit 1,2 Billionen Dollar beziffert.
Schub durch Künstliche Intelligenz
Zu den europäischen Quanten-Start-ups, die im vergangenen Jahr Kapital bei Wagniskapitalgebern (VCs) einsammeln konnten, gehörten neben Kipu Quantum aus Karlsruhe unter anderen die Quantencomputer-Firma Pasqal aus Paris, Oxford Ionics sowie Riverlane aus Cambridge, die einen spezifischen Quanten-Chip entwickeln. In diesem Sektor ist auch die Trumpf-Tochter Qant aktiv.
Eine der weltweit größten Finanzierungsrunden legte im vergangenen Jahr das US-Start-up Sandbox AQ hin. Die Ausgründung aus dem Google-Mutterhaus Alphabet erhielt 500 Millionen Dollar von Investoren.
Für McKinsey-Experte Mohr ist der IT-Sicherheitsanbieter Sandbox AQ ein Beispiel, wie Künstliche Intelligenz und Quantentechnologien in einem Geschäftsmodell miteinander verschmolzen werden können. Er geht sogar noch einen Schritt weiter: „Beides wird früher oder später zusammenwachsen“, glaubt er. „Wenn Sprachmodelle noch größer und komplexer werden, kommen wir irgendwann an einen Punkt, wo die Rechenleistung nicht mehr ausreicht.“ Idealerweise stehe dann die Quantentechnologie bereit.
Erstpublikation: 27.04.2024, 15:13 Uhr.