Medizin: Philips-CEO: „Größte Probleme des Produktrückrufs sind bewältigt“
Frankfurt. Der niederländische Medizintechnikkonzern Philips ist bei der Bewältigung seines folgenschweren Rückrufs von fehlerhaften Beatmungsgeräten einen Schritt vorangekommen: Das Unternehmen zahlt insgesamt 1,1 Milliarden Dollar (982 Millionen Euro), um die Rechtsstreitigkeiten – eine Sammelklage von Patienten sowie Einzelklagen von Geschädigten – beizulegen. Das Unternehmen räume damit keine Schuld ein, teilte Philips am Montag anlässlich der Veröffentlichung der Quartalszahlen mit.
Konzernchef Roy Jakobs wertete die Einigung mit den Klägern als einen bedeutenden Schritt. „Damit haben wir eine große Unsicherheit für das Unternehmen beendet“, sagte er dem Handelsblatt. Es könne zwar grundsätzlich noch vorkommen, dass Einzelpersonen eine Klage anstreben, aber die Hürden seien sehr hoch. „Wir haben die größten Probleme des Produktrückrufs bewältigt“, zog Jakobs Bilanz.
An der Börse kam die Nachricht über die Einigung sehr gut an. Die Aktie von Philips sprang am Montag zeitweise um mehr als 40 Prozent nach oben, auf knapp 28 Euro. Damit waren die Papiere des Konkurrenten von Siemens Healthineers mit einem Schlag wieder so viel wert wie zuletzt vor zwei Jahren. „Das ist ein sehr ermutigendes Signal“, kommentierte der Philips-Chef den Anstieg der Aktie. „Ich werte das als Zeichen des Vertrauens in die Zukunft von Philips.“
Philips hat seit Mitte 2021 Probleme durch den Rückruf von bestimmten Beatmungs- und Schlaftherapiegeräten der Marke Respironics. In den betroffenen Geräten war ein Dämmschaumstoff verarbeitet, von dem sich Partikel lösten und der im Verdacht steht, im Laufe der Zeit giftig zu werden.
Der Konzern hatte weltweit mehr als fünf Millionen Beatmungsgeräte zurückrufen müssen. Das führte zu einer Klagewelle und kostete Philips zwischenzeitlich rund 70 Prozent des Börsenwerts. Der langjährige Vorstandschef Frans van Houten verließ das Unternehmen 2022 früher als geplant. Roy Jakobs, seit 2010 in verschiedenen Führungspositionen bei Philips, übernahm im Oktober 2022. Er verordnete dem Konzern ein Effizienzprogramm, strich bisher 8500 Stellen und trieb Innovationen voran.
Der Rückruf koste das Unternehmen rund fünf Milliarden Euro, wie Jakobs dem Handelsblatt sagte. Kosten fielen unter anderem für den Ersatz von Geräten, die Beseitigung der Mängel sowie Rechtskosten an. Im vergangenen September hatte sich das Unternehmen bereits mit einem Teil der US-Kläger auf eine Vergleichszahlung von 479 Millionen US-Dollar geeinigt. Dabei war es um den wirtschaftlichen Schaden gegangen, der Patienten und Versicherern durch den Rückruf der Geräte entstanden ist.
Konzern räumt keine Schuld für gesundheitliche Folgen ein
Der jetzt geschlossene Vergleich betrifft hingegen Klagen über gesundheitliche Folgen des Rückrufs, für die Philips aber keine Schuld einräume, wie Jakobs betonte. Die knapp eine Milliarde Euro aus dem jetzt geschlossenen Vergleich soll im nächsten Jahr aus dem Cashflow bezahlt werden. Dafür wurden im ersten Quartal dieses Jahres bereits Rückstellungen in Höhe dieser Summe gebildet.
Der Rückruf der Beatmungsgeräte belastet damit ein weiteres Mal ein Quartalsergebnis des niederländischen Konzerns: Von Januar bis März weitete sich der Verlust von Philips auf knapp eine Milliarde Euro aus, nach 665 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum.
Im vergangenen Jahr waren neue Probleme wie etwa Überhitzung bei den Schlaf- und Beatmungsgeräten von Respironics aufgetreten, weswegen Philips Anfang des Jahres den Verkauf neuer Geräte stoppte.
Auch die US-Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde FDA hat sich mit den Problemen beschäftigt. Sie schloss mit Philips kürzlich eine Vereinbarung, die unter anderem regelt, welche Verbesserungsmaßnahmen das Unternehmen in seinen Respironics-Werken vornehmen muss, damit die behördlichen Anforderungen wieder erfüllt werden.
Erst dann kann Philips wieder Neugeräte in den USA verkaufen. Philips Respironics darf aber seine bereits in Betrieb befindlichen Geräte weiterhin warten und auch Zubehör und Ersatzteile verkaufen.
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Philips-Chef Roy Jakobs bestätigt Jahresziele
Trotz der Belastungen durch den Rückruf zeigte sich Philips-Chef Roy Jakobs mit Blick auf das operative Geschäft des Unternehmens optimistisch und bestätigte die Jahresziele. Im ersten Quartal wuchs der Umsatz auf vergleichbarer Basis um 2,4 Prozent auf 4,1 Milliarden Euro, die bereinigte operative Marge (Ebita) stieg von 8,4 auf 9,4 Prozent.
Zwar sank die Nachfrage in China als Folge einer Antikorruptionskampagne, dafür wuchs das Geschäft in anderen Märkten, unter anderem in Europa. Jakobs erwartet, dass sich das Geschäft in China in der zweiten Jahreshälfte wieder erholt, sagte er dem Handelsblatt.
Positiv auswirken wird sich auch eine Einigung, die Philips mit seinen Versicherungen erzielte. Diese werden 2024 noch 540 Millionen Euro zahlen, um Kosten für die im Zusammenhang mit dem Rückruf bestehenden Haftungsansprüche zu decken.