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Morning Briefing Plus – Die WocheEin Lehrstück namens Selbstverzwergung

Chinas Staatspräsident Xi Jinping reist nach Europa. Macron und von der Leyen empfangen ihn in gemeinsam in Paris und wollen europäische Einheit beschwören – Xi dürfte es um das Gegenteil gehen.Sebastian Matthes 04.05.2024 - 09:08 Uhr
Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes. Foto: Handelsblatt

Liebe Leserinnen und Leser,

in den nächsten Tagen dürfen wir Zeuge eines hübschen Lehrstücks sein. Der chinesische Staatschef Xi Jinping reist erstmals seit der Coronapandemie auf den alten Kontinent. Er landet Sonntag allerdings nicht in Berlin, sondern in Paris, wo Xi mit Emmanuel Macron und Ursula von der Leyen zusammenkommt. Beide wollen die Einheit Europas beschwören.

Xi dürfte es allerdings um das Gegenteil gehen. Der Besuch wirft eine ganze Reihe von Fragen auf: Warum besucht Xi als Erstes das Land, das sich am lautesten für Strafzölle auf chinesische Autoimporte ausspricht? Weshalb reist Xi nicht nach Berlin? Bundeskanzler Olaf Scholz verfolgt einen im Vergleich zu Macron eher gemäßigten Chinakurs. Warum führt ihn seine Reise von Paris stattdessen nach Ungarn und Serbien, den Außenstellen Moskaus in der EU?

Chinas Präsident Xi Jinping (r.) und sein französischer Amtskollege Emmanuel Macron Foto: dpa

Xis Besuch ist damit auch ein Affront gegen Europa, und er zeigt, worum es dem chinesischen Staatschef wirklich geht: Er hat kein Interesse an einem starken, geeinten Europa, ihm spielt ein gespaltener Staatenbund in die Hände.

Bleibt die Frage: Warum Paris? Nun ja, kaum ein Staatschef einer großen europäischen Nation hat sich so klar für ein unabhängiges Europa ausgesprochen wie Emmanuel Macron – und sich damit immer wieder auch gegen die USA positioniert. Auch das wurde in Peking sehr wohl vernommen.

Und Olaf Scholz? Den hätte Macron gern dabeigehabt, hört unser Paris-Korrespondent Gregor Waschinski. Das ist bei Scholz wohl aber nicht angekommen. „Der Kanzler hat andere Termine“, sagte ein Sprecher der Bundesregierung. Einigkeit sieht anders aus. Und so dürfte sich die Aufführung, die wie eine Tragödie mit dem Titel „die geopolitische Selbstverzwergung Europas“ anmutet, in Paris einmal mehr als das typisch europäische Staatstheater erweisen.

Die Rolle Europas in der Welt und die geopolitischen Spannungen waren übrigens auch Thema bei unserer Korrespondententagung, für die unsere gut 30 Korrespondentinnen und Korrespondenten aus aller Welt einmal im Jahr nach Düsseldorf kommen, um über ihre Länder zu berichten und um über strategische Fragen zu diskutieren.

Mathias Peer berichtet für das Handelsblatt aus Südostasien. Foto: Max Brunnert für Handelsblatt

Deshalb würde ich Sie gern an dieser Stelle fragen: Was denken Sie über unsere Auslandsberichterstattung? Wovon wünschen Sie sich mehr? Welche Themen fehlen Ihnen? Aus welchen Regionen sollen wir intensiver berichten? Schreiben Sie mir an sebastian.matthes@handelsblattgroup.com

Mareike Müller ist Korrespondentin für Russland und Osteuropa. Foto: Ingo Rappers für Handelsblatt

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

1. Der Top-Termin unserer Berliner Redaktion ist nächste Woche der Bundesparteitag der CDU, auf dem Parteichef Friedrich Merz erstmals wiedergewählt wird. Sein Wahlergebnis ist dabei besonders interessant: je höher es ist, desto stärker auch das Signal in Richtung Kanzlerkandidatur. „Wenn er will, wird er es“, heißt es allerdings selbst bei seinen Kritikern. Wie er die Partei hinter sich gebracht hat, beschreibt Daniel Delhaes.

CDU-Chef Friedrich Merz Foto: Uli Deck/dpa

2. Der Ampelkoalition droht das nächste Chaos: In den vergangenen Tagen haben die Ministerinnen und Minister ihre Forderungen für die Budgetverhandlungen eingereicht – und viele liegen weit über den Vorgaben von Bundesfinanzminister Christian Lindner. Sein Ministerium hat daher schon vor einiger Zeit eine bislang geheime Liste mit 21 Sparvorschlägen zusammengestellt, die potenziell gestrichen werden könnten. Dazu gehören die Steuerbefreiung von Sonn-, Feiertags- und Nachtzuschlägen, ermäßigte Steuersätze auf Kulturgüter und den Freibetrag für Belegschaftsrabatte. Es sind Vorschläge, die kurz nach der Veröffentlichung schon für enorme Diskussionen sorgen. 

3. Sein Wort hat Gewicht. Vor einigen Wochen schrieb der Unternehmer Reinhold Würth einen Brief an seine Mitarbeiter, in dem er in scharfen Worten vor der AfD warnte. Im Handelsblatt-Interview spricht er nun erstmals über die wirtschaftlichen Folgen des Briefes und erklärt, warum er sich solche Sorgen um Deutschland macht. In dem Gespräch kritisiert er die Bundesregierung und erklärt, wer aus seiner Sicht in dieser Situation der bessere Kanzler wäre. Er fürchtet, dass die Welt gerade eine Art „Vorkriegszeit“ erlebe. Doch auf das, was da komme, sei Deutschland ziemlich schlecht vorbereitet.

Reinhold Würth: Der Aufstieg der AfD bereitet dem Familienunternehmer Sorge. Foto: Würth

4. Die Zahlen sind nicht schön, aber wir müssen uns damit auseinandersetzen: In Deutschland ist die Zahl der ausländischen Investitionsprojekte auf das niedrigste Niveau seit zehn Jahren gefallen. Während sich Investoren aus Deutschland zurückziehen, entscheiden sie sich immer öfter für Frankreich, wo die Regierung in den vergangenen Jahren zahlreiche Reformen auf den Weg gebracht hat. Diese Grafik illustriert das traurige Bild: 

5. Der Kanzler warnt davor, den Deutschen mehr Arbeit zuzumuten. Der Arbeitgeberchef widerspricht. Kaum eine Debatte polarisiert so sehr wie die angeblich sinkende Arbeitsmoral der Deutschen. Aber wie viel arbeiten die Deutschen wirklich? Und welchen Stellenwert hat Arbeit für sie? Hier finden Sie die wichtigsten Fakten in Grafiken.

6. Kein anderes Unternehmen steht so sehr im Zentrum geopolitischer Auseinandersetzungen wie der chinesische Technologiekonzern Huawei. Von China aus erobert der Konzern immer mehr Branchen – und er ist längst so etwas wie die Herzkammer der chinesischen Tech-Industrie. Vor allem im globalen Chipkrieg spielt das Unternehmen eine besondere Rolle. Aber wie funktioniert der Megakonzern eigentlich? Welche Technologiefelder nimmt er sich als Nächstes vor? Welche Folgen hat das für Europa? Und wie haben die Beschränkungen und Sanktionen des Westens das Unternehmen bislang vor allem stärker und kreativer gemacht? All das beschreibt ein Handelsblatt-Korrespondententeam in dem höchst lesenswerten Wochenend-Report „Inside Huawei".

Foto: Josh Dykgraff

7. Ein anderes chinesisches Unternehmen schlägt sich derweil mit Schimmel herum. Das haben Sie ganz richtig gelesen: Die Fahrzeuge, die Chinas größter Elektroautobauer BYD nach Bremerhaven liefert, schimmeln bei den Überseetransporten, erfuhr mein Kollege Lazar Backovic von Insidern. Alles ganz normal, versichert der Konzern. Aber das ist nicht das einzige Problem: Offenbar ist auch die Nachfrage nach BYD-Fahrzeugen deutlich geringer als geplant. Eine mächtige Managerin soll nun aufräumen. 

8. Diese Geschichte hätte ich selbst fast übersehen, weil sie eher klein lief bei uns im Programm. Und doch ist es eine wichtige Nachricht für Europas Tech-Wirtschaft: Die Investitionen in Quanten-Start-ups stiegen in Europa 2023 um rund 363 Millionen Euro – ein Plus von 47 Prozent. Vor allem Deutschland und Großbritannien waren hier stark. Das ist bemerkenswert, weil die weltweiten Investitionen in diesem Bereich gleichzeitig um 27 Prozent fielen.

9. Mein Kollege Jürgen Klöckner ist Protagonist eines bemerkenswerten Selbstversuchs: Er trinkt seit vier Jahren keinen Alkohol mehr. Was das gerade im Berliner Politik-Betrieb bedeutet: für die vielen Empfänge, vertraulichen Hintergrund-Runden und Abendessen, die ohne Alkohol undenkbar scheinen, hat er in einem sehr persönlichen Report aufgeschrieben. Jürgen schreibt darin auch über wissenschaftliche Erkenntnisse, die belegen sollen, dass Menschen, die (in Maßen) trinken, bessere Chancen haben, mehr zu verdienen und erfolgreicher zu sein. 

Hauptstadtkorrespondent Jürgen Klöckner Foto: Max Brunnert, Getty Images, PR

Für Jürgen gilt das schon mal nicht. Wir haben neulich mit einem alkoholfreien Bier auf seinen Abschied angestoßen. Er setzt seine Karriere als Führungskraft bei „Politico“ fort. Alles Gute, Jürgen!

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

Herzlich,

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Ihr

Sebastian Matthes

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