Globale Trends: Technischer Fortschritt ist auch im KI-Zeitalter eine Schnecke
London. Wenn es um den Beitrag neuer Technologien zum Wirtschaftswachstum geht, zitieren Ökonomen gern das legendäre Produktivitätsparadoxon von Robert Solow. „Das Computerzeitalter ist überall zu spüren, nur nicht in den Produktivitätsstatistiken“, sagte der inzwischen verstorbene Wirtschaftsnobelpreisträger 1987. Die Frage lautet: Gilt diese Beobachtung auch heute für die Künstliche Intelligenz (KI)?
Folgt man den Börsenkursen der sogenannten „Glorreichen Sieben“, scheint die Antwort klar: Die Aktien von Apple, Amazon, Alphabet, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla haben mehr als die Hälfte zu der seit über einem Jahr andauernden Technologierally beigetragen. Angetrieben werden sie von dem euphorischen Glauben der Investoren, dass KI zum Wachstumsmotor für Umsatz und Profite der Zukunft werden wird.
Was mikroökonomisch für Unternehmen zutrifft, muss dann auch makroökonomisch für ganze Volkswirtschaften gelten. So setzt zum Beispiel die britische Regierung in London ihre Hoffnungen, die chronische Produktivitäts- und Wachstumsschwäche des Königreichs zu überwinden, vor allem auf einen Innovations- und Effizienzschub durch intelligente Maschinen.
Das bringt uns zurück zu Solows Beobachtung und der Frage, warum von diesem wundersamen Schub in den volkswirtschaftlichen Statistiken noch nicht viel zu sehen ist. In den USA, in denen der technische Fortschritt vermutlich am schnellsten voranschreitet, stieg die totale Faktorproduktivität (TFP) zwischen 2019 und 2023 lediglich um 0,5 Prozent pro Jahr. Das ist genauso wenig wie in den zwölf Jahren zuvor.
Die TFP berücksichtigt nicht nur den Produktivitätsbeitrag der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital, sondern insbesondere auch den Beitrag des technischen Fortschritts.
Ändert sich das in den kommenden Jahren schlagartig, wenn intelligente Maschinen nicht nur viele Arbeitsabläufe automatisieren, sondern auch die Innovation von neuen Dienstleistungen und Produkten beschleunigen?
KI als Wachstumstreiber? Optimistische Banker, skeptische Ökonomen
Fragt man die Banker von Goldman Sachs, stehen wir vor einem Produktivitäts-Tsunami: Die Investmentbank geht davon aus, „dass die weitverbreitete Einführung von KI über einen Zeitraum von zehn Jahren zu einem jährlichen Produktivitätswachstum von 1,5 Prozent beitragen und das globale Bruttoinlandsprodukt (BIP) um fast sieben Billionen US-Dollar steigern könnte“.
Deutlich skeptischer ist der US-Ökonom Daron Acemoglu: „Die für die nächsten zehn Jahre prognostizierten TFP-Zuwächse (…) werden auf weniger als 0,55 Prozent prognostiziert“, schreibt der Wissenschaftler vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und begründet seine Skepsis damit, dass die optimistischeren Prognosen sich vor allem auf die Automation von leicht zu erlernenden Aufgaben stützen würden.
Entscheidend ist, darin sind sich die meisten Experten einig, ob KI lediglich die Effizienz steigern oder auch Innovationen vorantreiben wird. Die größten Hoffnungen, dass intelligente Maschinen nicht nur Handgriffe automatisieren, sondern auch kreative Prozesse erzeugen und beschleunigen können, richten sich auf die Entwicklung neuer Medikamente.
Geht es hier doch um die schnelle Verarbeitung großer Datenmengen – der Paradedisziplin intelligenter Maschinen. Die zahlreichen Joint Ventures zwischen KI-Pionieren und Pharmakonzernen sind Ausdruck dieser Wette auf die Zukunft.
Wie kreativ sind Automaten?
Die Erfahrungen des Londoner Start-ups Benevolent AI zeigen allerdings, dass die Kombination von menschlicher Intelligenz und Künstlicher Intelligenz kein Erfolgsgarant ist. Die seit 2021 börsennotierte Biotech-Firma verlor mehr als 90 Prozent ihres Marktwerts, nachdem sich auch hier herausgestellt hatte, dass intelligente Bots nur so gut sein können wie die Daten, mit denen sie gefüttert werden.
Hinzu kommt, dass KI-Pionier Sam Altman allein den Kapitalbedarf für die Produktion von KI-fähigen Computerchips auf bis zu sieben Billionen Dollar geschätzt hat. Nicht nur die Computerpower steigt im KI-Zeitalter exponentiell, sondern auch die Kosten für jede von intelligenten Maschinen durchgeführte Rechenoperation.
Die Unsicherheit über die tatsächlichen Effekte Künstlicher Intelligenz auf Wirtschaftswachstum und Produktivität scheint deutlich größer zu sein als die Euphorie der Investoren über einen technologischen Quantensprung.
Wir sind deshalb gut beraten, Solows Paradoxon im Kopf zu behalten und uns auch im KI-Zeitalter an die Weitsicht des Schriftstellers Günter Grass zu erinnern: Der technische Fortschritt ist meist eine Schnecke.
Erstpublikation: 15.05.2024, 04:15 Uhr.